Fotos von Straßenkindern in Mosambik Die eigene Vergangenheit vor Augen

Sie leben im Dreck, ohne Licht und fließendes Wasser: Mario Macilau hat Straßenkinder in Mosambiks Hauptstadt Maputo porträtiert. Für den Fotografen war es eine Reise in seine eigene Vergangenheit.

Mario Macilau

Die Straßenkinder von Maputo leben in leer stehenden Gebäuden ohne Licht und Wasser, tragen zerrissene Hemden und sind auf sich allein gestellt. Sie schlagen ihre Lager überall in der Hauptstadt Mosambiks auf, wo sie ein wenig Ruhe finden, meistens an feuchten, vergammelten Orten.

Der mosambikanische Fotograf Mario Macilau hat sie für sein Projekt "Growing in Darkness" in eindringlichen Schwarz-Weiß-Fotos porträtiert - und er ist kein Fremder. Macilau, 1984 in Maputo geboren, lebte als Kind selbst zeitweise auf der Straße.

Seine Geschichte erzählt er folgendermaßen: Seine Eltern waren Ende der Siebzigerjahre in die Hauptstadt gezogen, arbeitslos, in Angst vor dem Bürgerkrieg, auf der Suche nach einem besseren Leben. Anfang der Neunzigerjahre ging Macilaus Vater als illegaler Auswanderer nach Südafrika, um in den Goldminen zu arbeiten.

Zurück blieb die Familie mit Macilau als ältestem Kind und einzigem Sohn. Der Junge musste seiner Mutter helfen, selbst gebackene Kekse zu verkaufen. Viele Kilometer sei er dafür jeden Tag gelaufen.

Auf dem Markt lernte er Kinder kennen, die auch andere Jobs übernahmen, lukrativere. Macilau schloss sich der Gruppe an und wurde mit der Zeit selbst zu einem Straßenkind. Er wusch etwa Autos, wie er der BBC berichtete. Auch Diebstähle habe es gegeben. Nach Aufträgen, die bis in die Nacht dauerten, ging er nicht mehr nach Hause, sondern schlief bei den anderen Kindern. Er fing an, Marihuana zu rauchen und Benzin zu schnüffeln. Regelmäßige Schulbesuche waren unmöglich - niemand habe dafür bezahlen können, so Macilau.

Mit 14 Jahren dann hielt er zum ersten Mal eine Kamera in den Händen, er hatte sie von einem Freund geliehen. Die Schwarz-Weiß-Fotos entwickelte er in einer selbst gebauten Dunkelkammer im Haus seiner Mutter. Neun Jahre später tauschte er sein Handy gegen eine Nikon-Kamera. 2011 präsentierte er seine erste große Solo-Ausstellung in Lissabon. Via E-Mail berichtet Macilau, der im Moment auf Reisen ist, von dem Projekt, das ihn in seine eigene Vergangenheit führte:

Eine Bühne für die Straßenkinder

Mario Macilau: "Ich versuche, ihnen eine Stimme zu geben"
Macilau Studio

Mario Macilau: "Ich versuche, ihnen eine Stimme zu geben"

"Am Anfang habe ich die jungen Leute ohne Kamera besucht. Dadurch haben sie mir vertraut und ich habe ihnen vertraut. Fotografie ist wie eine Grenze. Eine Kamera in der Hand kann eine Mauer wachsen lassen zwischen Menschen. Sie könnten denken, ich betrete als Fotograf einfach ihr Haus und mache Fotos von Geheimnissen und privaten Dingen, ohne mit ihnen gesprochen zu haben. Aber so trafen die Straßenkinder jemanden, der sie nicht belästigte, sondern sie respektierte.

So habe ich es geschafft, ihre Existenzen einzufangen: Die Widrigkeiten ihrer Umgebung, die Ausdauer ihrer jungen, aber womöglich schon beschädigten Körper und die Widerstandsfähigkeit, mit der sie tagtäglich diesem unmenschlichen Elend trotzen. Geld hat in unserer Beziehung nie eine Rolle gespielt. Von außen mag es scheinen, als bestimme Geld ihre Handlungen. Doch die Zeit, die ich mit ihnen verbracht habe, hat mir ihre enorme Sensibilität gezeigt, ihre Menschlichkeit und ihre unendliche Großherzigkeit.

Ich versuche, den Straßenkindern mit meiner Arbeit eine Stimme zu geben, eine Bühne: Ein Licht auf ihr flüchtiges und zerbrechliches Leben zu werfen. Die Fotos bieten den Kindern einen Ort der Erleichterung, sie können sie zusammenstellen, mit ihrem Image spielen und ihr eigenes Erscheinungsbild reflektieren.

Diese Straßenkids leisten Kinderarbeit. Man kann sagen, sie tragen damit zur Funktionsweise unserer Gesellschaft bei. Wie können wir ihre widrige Situation verbessern? Ich habe die Individualität dieser Kinder betont. Dadurch können sich die Menschen besser in ihre Lage versetzen. Dass sie auf der Straße leben, ist nicht ihre eigene Entscheidung, sondern die Folge gesellschaftlicher Veränderungen."

fia

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