Streit um Hotelbau Der Skandal um die Synagoge von Lemberg

Die Geschichte sorgt für Empörung: In der westukrainischen Stadt Lemberg sollten Reste einer einst bedeutenden Synagoge einem Hotel für Fußballfans weichen, berichtete der britische "Guardian". Vor allem jüdische Medien schlugen Alarm. Doch ein Ortsbesuch weckt Zweifel.

Ulrich Krökel

Von Ulrich Krökel, Lemberg


Meylakh Sheykhet ist friedvoll und milde gestimmt. "Mein Freund, es gibt mehrere Sichtweisen", sagt der 58-Jährige mit sanfter Stimme. "Ich will keinen Streit." Doch der Inhalt dessen, was Sheykhet seit Wochen von sich gibt, lässt an seinem Kampfgeist und der Härte seiner Position keinen Zweifel. "Der Holocaust ist hier noch nicht zu Ende", erklärt er. "Die Zerstörung geht weiter."

Sheykhet, so heißt es in Lemberg, ist der Mann, an dem niemand vorbeikommt, der sich für das jüdische Erbe in der westukrainischen Stadt interessiert. Und Lwiw, das unter dem jiddisch-deutschen Namen Lemberg von 1772 bis zum Ersten Weltkrieg zur österreichischen Habsburger-Monarchie gehörte, hat eine reiche jüdische Geschichte.

Bis zu 40 Prozent der Bevölkerung waren im 19. Jahrhundert Juden. 47 Synagogen standen hier einst. Doch dann fielen die Nazis auf ihrem Vernichtungsfeldzug nach Osten über die Stadt her und massakrierten die allermeisten der rund 130.000 Lemberger Juden. Ein halbes Jahrhundert Sowjetherrschaft folgte, in dem die Juden keine Chance erhielten, zurückzukehren und Lemberg wieder mit ihrer Kultur zu erfüllen.

Nur noch rund 2000 Juden leben heute im ukrainischen Lwiw. Geblieben sind ihnen die Ruinen von drei Synagogen, darunter die spärlichen Überreste der berühmten "Goldenen Rose". In der frühen Neuzeit soll der Gebäudekomplex mit dem poetischen Namen zu den schönsten jüdischen Gotteshäusern Europas gehört haben. Doch glaubt man Meylakh Sheykhet, so ist dieser einzigartige Erinnerungsort wie zu Zeiten des Nazi-Terrors erneut von Zerstörung bedroht.

Die "Goldene Rose" solle auf dem Altar des Kommerzes geopfert werden, warnt er: "Dort, wo Zeugnisse jüdischen Lebens beerdigt liegen, bauen sie ein Hotel." Die Nobelherberge soll vor allem als Unterkunft für die Besucher der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine dienen, bei der drei Spiele in Lemberg ausgetragen werden. Lembergs Bürgermeister Andri Sadovyj aber hält dagegen: "Die Ruine der 'Goldenen Rose' ist von dem Hotelbau nicht betroffen", sagt er. "Wer anderes behauptet, lügt."

Sheykhets Hilferufe alarmierten die Weltpresse - und haben eine Propagandaschlacht entfesselt, in der Dichtung und Wahrheit kaum mehr sauber voneinander zu trennen sind. Die Geschichte, mit der die britische Zeitung "Guardian" Anfang September auf den Markt ging, hatte die Dramaturgie eines himmelschreienden Skandals. In Lemberg hätten Bulldozer bereits begonnen, die Überreste der "Goldenen Rose" niederzuwalzen und den Hotelneubau hochzuziehen. Bei Investoren und Behörden machte das angesehene liberale Blatt eine Mischung aus " Antisemitismus, historischem und kulturellem Analphabetismus und Gier nach Immobilien" aus.

"Guardian"-Reporter Tom Gross berichtete, er habe das Vernichtungswerk mit eigenen Augen gesehen, obwohl alles weiträumig abgesperrt sei, um unliebsame Zeugen fernzuhalten. "Zusammen mit Meylakh Sheykhet, einem von Lembergs letzten Juden, bin ich auf eine Leiter geklettert, um über den Bauzaun zu gucken und die Maschinen bei der Arbeit zu beobachten", schreibt Gross. Das Problem ist nur: Am Ort des Geschehens arbeiten seit Wochen keine Bulldozer und Bagger mehr. Bereits am 19. August stoppte das Lemberger Bezirksgericht den Weiterbau des Hotels.

Gross kann dort also schlicht keine Bulldozer bei der Arbeit beobachtet haben, was sein Begleiter Sheykhet auch als "Fehler des Reporters" einräumt. Zugleich lässt der "Guardian"-Text mit dem emotionalen Titel "Good-bye, Golden Rose" keinen Zweifel daran, dass sich die Baustelle auf dem Grundstück der Synagoge befindet. Das aber führt in die Irre, wie eine Ortsbegehung ergibt.

"Die Ruine des Gotteshauses bleibt unangetastet"

Sie bestätigt die Version des Bürgermeisters. Die Baustelle befindet sich nicht auf dem Gelände der "Goldenen Rose", sondern auf der gegenüberliegenden Straßenseite. "Die Ruine des Gotteshauses bleibt unangetastet", versichert Stadtvater Sadovyj im Gespräch. Das Gericht hatte den Baustopp mit Denkmalschutz-Vorschriften begründet. Die Lemberger Altstadt trägt seit 1998 den Titel "Unesco-Weltkulturerbe".

Inzwischen hat der Bürgermeister einen offenen Brief an den "Guardian" geschrieben. Eine internationale Expertengruppe erarbeite derzeit ein Konzept, wie die jüdischen Erinnerungsstätten in Lemberg bewahrt und mit neuem Leben erfüllt werden können, erläutert er. Ein Architektenwettbewerb sei bereits abgeschlossen. "Wir würden gern mehr tun", fügt er im Gespräch hinzu, "aber 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion und dem Kollaps des Staates fehlen uns an allen Ecken und Enden die Mittel."

Der vermeintliche Skandal war zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits in der Welt. Auch israelische Medien schlugen Alarm. Und die Warschauer Zeitung "Rzeczpospolita" titelte: "Bulldozer zerstören Synagoge in Lemberg." Das Qualitätsblatt zitierte einen polnischen Konsul in Israel, der seine eigene Regierung zum Handeln aufforderte. Lemberg sei vor dem Krieg eine polnische Stadt gewesen. Polen als Mitorganisator der Europameisterschaft 2012 müsse handeln, "denn die Bagger verwandeln ein Baudenkmal von unschätzbarem Wert in Schutt und Asche" - was offenkundig mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.

"Es bleibt eine Schande"

Dennoch rückt Meylakh Sheykhet, der einen Ruf als mutiger Streiter für die Bewahrung des jüdischen Erbes in der Westukraine zu verlieren hat, von seiner Version der Geschichte nur in Teilen ab. Das neue Hotel werde zwar nicht auf den Ruinen der Synagoge gebaut, aber an einer Stelle, wo sich einst eine koschere Schlachterei befunden und eine Mikwe gestanden habe - ein traditionelles jüdisches Bad, das durchaus dem Synagogen-Komplex zuzuordnen sei. "Es bleibt eine Schande", ließ Sheykhet zuletzt über die jüdische Nachrichtenagentur JTA verlauten.

Neutrale Beobachter wie Sofia Djak tun sich mit all dem sichtlich schwer. Die Historikerin leitet das Lemberger Zentrum für Stadtgeschichte und hält die gesamte Diskussion grundsätzlich für "gut und wichtig". Nur die propagandistische Zuspitzung widerstrebt ihr. Djak ist unverdächtig, Bürgermeister Sadovyj nach dem Mund zu reden. Immer wieder kritisiert sie "die Bausünden, die dem architektonischen Erbe der Stadt zugefügt werden" - auch und gerade im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft. Von dem Hotel, das in Sichtweite der "Goldenen Rose" entstehen könnte, hält Djak ebenfalls nichts. "Der geplante Komplex ist völlig überdimensioniert", sagt sie. Allerdings gebe es die Pläne dafür bereits seit vier bis fünf Jahren.

"Man kann das kritisieren und muss es diskutieren", erklärt Djak. "In Lemberg mit all seinen Zeugnissen ukrainischer, jüdischer, deutscher, österreichischer, polnischer und russischer Geschichte sollte man an alle architektonischen Veränderungen mit äußerster Sensibilität herangehen", mahnt sie - zumal fast alle Straßenzüge der Altstädte sanierungsbedürftig sind. Was aber der "Guardian" und andere Medien über Antisemitismus und angebliche Attacken auf das jüdische Erbe der Stadt schreiben, ist in den Augen der Historikerin "verantwortungslos".

Zerrbild von Lemberg als Hort des Antisemitismus

Es gibt unterschiedliche Erklärungsversuche dafür, warum das Zerrbild von Lemberg als Hort des Antisemitismus, das inzwischen zahlreiche westliche Medien nachgezeichnet haben, so schnell und ungefiltert Verbreitung finden konnte. Unstrittig ist, dass sich die Skandalstory perfekt in eine Zeit fügt, in der die Ukraine fast ausschließlich für Negativschlagzeilen sorgt. Der seit anderthalb Jahren in Kiew regierende Präsident Wiktor Janukowitsch hat die Uhren der demokratischen Orange Revolution von 2004 zurückgedreht und eine Hatz auf Oppositionelle eröffnet. Krassestes Beispiel ist der offenkundig politisch motivierte Prozess gegen Julia Timoschenko, der einstigen Ikone des demokratischen Lagers.

Ihre Wurzeln hat die Orange Revolution in Lemberg. Inzwischen ist in der Westukraine aus der Enttäuschung über den Niedergang der Demokratiebewegung die ultranationalistische Rechte erstarkt. Die Partei Swoboda (Freiheit), die sich unter Berufung auf die ukrainischen Faschisten der dreißiger Jahre einen "Sozialnationalismus" auf die Fahnen geschrieben hat, erreichte bei Kommunalwahlen in einzelnen Regionen bis zu 35 Prozent der Stimmen und stellt im Stadtrat von Lemberg die größte Fraktion. Für Janukowitsch sind die Orangen wie auch "Swoboda" die stärksten Herausforderer. Der gemäßigt-konservative Bürgermeister Sadovyj deutet deshalb an, dass es innerhalb der Ukraine "ein politisches Interesse" geben könnte, Lemberg mittels gezielter Negativ-PR "in ein düsteres Licht zu tauchen".

Historikerin Djak hat eine schlichtere Erklärung für den Wirbel um die "Goldene Rose". Es gebe in Lemberg mit seiner reichen multikulturellen Vergangenheit eine Reihe von Nichtregierungsorganisationen, die um Aufmerksamkeit kämpfen. Sie gibt zu verstehen: Der von "Guardian"-Reporter Gross als einzige Quelle seiner Skandalgeschichte genannte Sheykhet handelt als Lobbyist - er ist Vorsitzender der ukrainischen Sektion der "Union der Judenräte in der ehemaligen Sowjetunion".

Fest steht: Mit dem Streit um die "Goldene Rose" hat der Kampf um die Meinungsführerschaft in der EM-Stadt unappetitliche Züge angenommen.



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.