Bischof über geplatzte Missbrauchsstudie "Massive Enttäuschung der Opfer"

Wer trägt die Schuld am Scheitern der Studie zur Missbrauchsaufarbeitung in der katholischen Kirche? Im Interview rechtfertigt Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der Bischofskonferenz, den Abbruch des Projekts - und kritisiert den Kriminologen Christian Pfeiffer.
Bischofskonferenz (Archivbild): "Unschöne Töne"

Bischofskonferenz (Archivbild): "Unschöne Töne"

Foto: dapd

SPIEGEL ONLINE: Herr Ackermann, warum ist die Aufarbeitung des Missbrauchs in der katholischen Kirche gescheitert?

Ackermann: Das ist sie nicht, auch wenn die Kündigung des Vertrags mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen von Herrn Pfeiffer ein Rückschlag ist, keine Frage. Das Projekt war ein wichtiger Baustein der Aufarbeitung, aber nicht der einzige: Kürzlich hat der Psychiater Norbert Leygraf seine Studie über Täter vorgestellt, in wenigen Tagen wird der Abschlussbericht der Telefon-Hotline veröffentlicht, die wir für Opfer eingerichtet hatten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Pfeiffer sollte unter anderem eine umfassende Untersuchung von Personalakten vornehmen. Warum haben Sie ihn rausgeworfen?

Ackermann: Es ist eine Frage des Vertrauens. Es ging um Zugriff auf Akten von Menschen, die noch leben und nicht um ihr Einverständnis gefragt werden - das ist sehr sensibel.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn Sie sehr sensibel sein wollen - müssten Sie es nicht vor allem gegenüber den Opfern sein, die nicht verstehen, warum das Projekt nun einfach aufgegeben wird?

Ackermann: Das Projekt ist nicht aufgegeben worden, sondern der Projektpartner. Ich sehe aber durchaus, dass die Kündigung des Vertrags eine massive Enttäuschung der Opfer darstellt.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihrem Kooperationspartner unterstellen Sie, dass er den Datenschutz unterlaufen wollte? Herr Pfeiffer weist dies zurück.

Ackermann: Er hat aber immer neue Irritationen erzeugt, bis es dann zur Zerrüttung kam.

SPIEGEL ONLINE: Einer der Streitpunkte war, dass die Bischöfe unbedingt ihre Sicht der Dinge in Pfeiffers Abschlussbericht veröffentlicht sehen wollten.

Ackermann: Bei einem Bericht geht es ja nicht nur um Statistiken und Zahlen, sondern auch um eine Deutung: warum etwas passiert ist. Deswegen gab es einen Projektbeirat, der vermerkt haben wollte, wenn er etwas anders sieht. Da ging es nicht um eine Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit, sondern nur um die Darstellung einer abweichenden Meinung, wenn es sie denn gibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren unter anderem uneins in der lächerlichen Frage, wie die Anmerkungen der Bischöfe veröffentlicht werden: in normaler Schrift oder im Fettdruck. Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, wenn so viele Menschen gelitten haben und auf ein Ergebnis warten.

Ackermann: Nochmals: Wir wollen das Projekt. Jetzt erleben wir, wie das ist, wenn Vertrauen sich auflöst: Man streitet auch über Kleinigkeiten, die in der Öffentlichkeit wie Haarspaltereien wirken müssen.

SPIEGEL ONLINE: Es bleibt der Eindruck: Die Kirche wollte keine Aufklärung, sondern alles unter Kontrolle halten.

Ackermann: Und dieser Eindruck ist falsch. Wir haben die Leygraf-Studie vorgestellt, mit sehr schmerzlichen Ergebnissen für uns, aber nie hat es Ärger gegeben mit dem Autorenteam, allesamt renommierte Wissenschaftler. Die Kündigung des Vertrags hat wirklich viel mit der Person Pfeiffer zu tun. Ihn jetzt als den Einzigen zu sehen, der seriös und unabhängig aufklären kann, halte ich für übertrieben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich aus freien Stücken entschieden, mit ihm zu kooperieren, und hätten wissen müssen, dass Herr Pfeiffer sich nicht gerne reinreden lässt und ohne Hindernisse forschen möchte.

Ackermann: Wir waren unter einem immensen Druck vor drei Jahren, als die Missbrauchsfälle bekannt wurden. Im Nachhinein kann man kritisch sagen: Wir hätten erst alle Vorklärungen treffen müssen, bevor wir eine Kooperation unterschreiben.

SPIEGEL ONLINE: Stattdessen schürten Sie den Konflikt: Herr Pfeiffer beklagt sich, dass ihm von Ihrer Seite vorgeworfen worden sei, seine Forschungsergebnisse am liebsten in Boulevardmedien wie der "Gala" zu veröffentlichen. Ist das hilfreich, wenn man zusammenarbeiten will?

Ackermann: Es gibt unschöne Töne, wenn das Vertrauen erst einmal zerrüttet und man auf Sicherheit bedacht ist. Auch Herr Pfeiffer war ja dann auf Sicherheit aus und wollte plötzlich mit jedem einzelnen Bischof einen neuen Vertrag schließen, was nicht vereinbart war.

SPIEGEL ONLINE: Er wirft der Kirche vor, dass in mindestens zwei Bistümern nach Beginn des Forschungsprojekts Akten vernichtet worden seien.

Ackermann: Auf Nachfrage hat er mir die Bistümer nicht genannt. Er hat einfach an alle Bischöfe seitenlange Briefe geschrieben und darin unter anderem solch massive Vorwürfe erhoben. Wer Gerüchte in die Welt setzt, muss sie beweisen.

SPIEGEL ONLINE: Auch vorher wurden schon in den Kirchenarchiven Personalakten von verurteilten Missbrauchstätern vernichtet.

Ackermann: Das ist so pauschal nicht richtig. Dass unsere Aktenführung in früheren Jahren nicht dem Standard entspricht, den man heute erwartet, haben wir schon öffentlich gesagt. Faktum ist, dass der Tatbestand und das Urteil in Sittlichkeitsverfahren aufbewahrt werden müssen, so sieht es das Kirchenrecht vor. Also fallen keine Tat und kein Täter unter den Tisch.

Das Interview führte Peter Wensierski