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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Sturm der Gefühle

Wie ein Fischer aus Vietnam zum letzten Opfer eines Taifuns wurde
aus DER SPIEGEL 37/2006

Der Wirbelsturm, der Nguyen Van Huong half, sein Leben aufzuräumen, bildete sich am 5. Mai über der Südseeinsel Palau, rund 3000 Kilometer von Huongs Heimat entfernt. Er wanderte Richtung Philippinen, zerstörte Brücken und kappte Stromleitungen; nach fünf Tagen wurde er hochgestuft zu einem Taifun. Dann zog der Sturm hinaus aufs Meer und nahm Kurs auf China und Vietnam.

Als Nguyen Van Huong sich am 12. Mai von seiner Frau und den beiden Kindern verabschiedet, in seinem Dorf in Zentralvietnam, ist der Taifun dort kaum mehr als ein Gerücht. Huong, schmächtig, hat früher als Friseur gearbeitet, er ist 34, sieht aber älter aus. Er fährt aufs Meer hinaus, weil er keine Wahl hat. Auf Schiffen, die ihm nicht gehören, flickt er Netze, pökelt Fische und kocht für die anderen. Oft ist er monatelang unterwegs.

Huong küsst seine beiden Töchter, umarmt seine Frau. Dann steigt er auf ein Moped, winkt und braust davon, nach Süden, ins Dorf Hao Son, 350 Kilometer entfernt. Dort liegt das Boot, auf dem er arbeiten soll. Es ist auch das Dorf, in dem seine Geliebte lebt.

Huong hat sie im Oktober 2005 kennengelernt. Er erzählte ihr, dass seine Frau ihn verlassen habe und dass sein Name Phuong sei. Von seinen Töchtern sagte er nichts. Das Fischerboot gehört ihrem Bruder. Wenn Huong vom Fischen zurückkehrte, wohnte er ein paar Wochen lang bei seiner Geliebten, ehe er nach Hause fuhr, zu seiner Familie. Er war jetzt ein Mann mit zwei Frauen, ein Fischer mit einem Doppelleben. Es fing an, kompliziert zu werden.

Während Huong auf See ist, nimmt der Taifun an Kraft zu, in Böen erreicht er 250 Stundenkilometer. Meteorologen taufen ihn »Chanchu«, Perle. Es ist der erste Supertaifun der Saison.

»Chanchu« versenkt vor der vietnamesischen Küste elf Schiffe, mindestens 44 Fischer sterben; allein die »DNa 90053«, ein Tintenfischkutter, reißt 32 Männer mit in die Tiefe. Es ist einer der schlimmsten Taifune, die je über das Südchinesische Meer gezogen sind.

Huongs Frau verfolgt bang den Weg des Taifuns. Als sie auch nach Wochen nichts von ihrem Mann gehört hat, gewöhnt sie sich an den Gedanken, künftig das Leben einer Witwe zu führen. Sie errichtet einen Altar für ihren toten Mann, sie will eine Kuh opfern für die Ahnen. Die Behörden zahlen ihr 50 Millionen Dong, etwa 2500 Euro, eine Art Hinterbliebenenrente.

Huong war tatsächlich auf See, aber das Boot kreuzte in Gewässern, die vom Taifun verschont blieben. Er kehrt bald zurück an Land und bleibt bei seiner Geliebten. Erst am 29. Juli, über zwei Monate nachdem »Chanchu« Vietnam getroffen hat, meldet Huong sich in seinem Dorf. Weil sein Haus keinen Telefonanschluss hat, ruft er eine Nachbarin an. So erfährt er von seiner eigenen Beerdigung.

Huong reist nicht sofort nach Hause. Er sei noch auf einem Boot, murmelt er, er müsse warten, bis sie Land erreichten. Natürlich komme er so schnell wie möglich heim. Dann legt er sich zu seiner Geliebten.

Weil er ahnt, dass er seiner Frau erklären muss, weshalb er sich so lange nicht gemeldet hat, macht Huong den Taifun zu seinem Verbündeten. Als er zufällig vom Untergang der »DNa 90053« erfährt, beschließt er, dass die Zeit reif sei für ein Wunder. Der Taifun, so lautet seine Geschichte, als er am 10. August endlich zu Hause ankommt, habe sein Schiff, die »DNa 90053«, zerschmettert, am Morgen des 18. Mai, zehn Meter hohe Wellen seien auf das Boot niedergegangen, er, Huong, habe sich im Wasser wiedergefunden, um ihn herum nur Trümmer.

Er habe dann ein paar Kanister entdeckt, in denen die Fischer Trinkwasser transportieren, und wenig später ein Seil. Mit dem Seil habe er sich die Kanister um die Hüfte gebunden.

Nach fünf Tagen habe sich das Meer beruhigt. Er sei entsetzlich hungrig gewesen, mit seinem Hemd habe er die Reste des Wassers aus den Kanistern aufgesogen. Ab und an seien in der Ferne Schiffe vorbeigezogen. Mehrmals habe er das Bewusstsein verloren.

Rettung, sagte Huong, nahte nach 13 endlosen Tagen: Ein Fischerboot habe ihn aus dem Meer geborgen, Matrosen hätten ihm Wasser und Suppe angeboten. Leider, sagt Huong, habe das Funkgerät des Schiffes nur eine geringe Reichweite gehabt, darum habe er seine Familie nicht benachrichtigen können; zwei Monate und fünf Tage habe er an Bord bleiben müssen.

Es ist eine schöne Geschichte. Huongs Frau weint, als er sie erzählt. Die Geschichte ist so schön, dass die Zeitungen über Huongs wundersame Rettung berichten. Auch das Fernsehen kommt, Huong ist jetzt ein Held.

Sicher, es gibt Widersprüche. Obwohl er angeblich 13 Tage im Wasser trieb, hat Huong keinen Hautausschlag bekommen, keine Narben. Und seltsamerweise kann er sich an den Namen des Bootes, das ihn rettete, nicht erinnern.

Das Wunder ist zu Ende, als die Frau des Besitzers der »DNa 90053« das Bild von Huong in der Zeitung sieht. Sie kannte alle Männer an Bord, weil sie für alle eine Versicherung abgeschlossen hatte. Huong sei nicht auf dem Schiff gewesen, sagt sie. Sie ruft die Behörden an.

Huong gesteht sofort. Er hat seine Frau hintergangen, das ist schlimm; er hat sein Land hintergangen, das ist womöglich noch schlimmer. Seine Geliebte trennt sich von ihm. Seine Frau, heißt es, habe ihm verziehen. Er werde künftig wieder als Friseur arbeiten, sagt Huong. Er ist jetzt kein Held mehr, aber dafür ist sein Leben endlich wieder übersichtlich. HAUKE GOOS

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