Ausschreitungen in Stuttgart "Jugendliche sind in der Coronakrise weitgehend vergessen worden"

Wie kam es zu den Massenausschreitungen in Stuttgart? Haben Jugendliche in der Coronakrise das Feindbild Polizist für sich entdeckt? Erste Eindrücke des Politologen und Jugendforschers Bernd Holthusen.
Ein Interview von Annette Langer
Nach Plünderungen und Randale: Jugendliche vor beschädigter Scheibe eines Geschäfts in Stuttgart

Nach Plünderungen und Randale: Jugendliche vor beschädigter Scheibe eines Geschäfts in Stuttgart

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Zur Person
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Bernd Holthusen, Jahrgang 1962, ist Politikwissenschaftler. Seit 1997 arbeitet er am Deutschen Jugendinstitut in München, wo er die Fachgruppe Angebote und Adressaten der Kinder- und Jugendhilfe leitet. Er hat zu Kinderdelinquenz, Jugendkriminalität und deren Prävention ebenso geforscht wie zu Lebenswirklichkeiten junger Geflüchteter.

SPIEGEL: Bei den Ausschreitungen in Stuttgart wurden mehr als 20 Polizisten verletzt, etliche Streifenwagen und Geschäfte zum Teil schwer beschädigt. Haben wir es mit einer neuen Dimension von Straßengewalt zu tun?

Holthusen: Wir haben es mit einem einschneidenden Ereignis zu tun, etwas Vergleichbares hat die Stadt wohl noch nicht erlebt. Wie viele andere habe ich ein Video gesehen, in dem ein Vermummter mit Anlauf einen Polizisten anspringt und ihn zu Boden bringt. Das ist erschütternd. Aber Gewalt gegen Ordnungskräfte hat es in Deutschland auch schon vorher gegeben. Und wir sollten uns nicht von der Fülle an Bildmaterial in den sozialen Medien überwältigen lassen, sondern für die Beurteilung abwarten, welche Ergebnisse die Ermittlungen zutage fördern werden.

SPIEGEL: Auslöser der Ausschreitungen soll die Polizeikontrolle eines 17-Jährigen im Rahmen eines Drogendelikts gewesen sein. Rund 200 Personen solidarisierten sich, griffen die Beamten an. Dann wuchs die Gruppe auf bis zu 500 Menschen an, Flaschen und Steine flogen, es wurde geplündert. Wie erklären Sie diese Eskalation?

Holthusen: In der Regel bringen verschiedene Faktoren eine solche Dynamik in Gang: Es ist spät am Abend. Eine große Gruppe überwiegend männlicher und junger Menschen trifft sich auf relativ kleinem Raum. Vielleicht fühlt sich der eine oder andere gegängelt durch die Corona-Beschränkungen, ist genervt von verstärkter Polizeipräsenz. Es wird viel Alkohol konsumiert - ein klassischer Trigger für Gewalttaten und Eskalationen.

SPIEGEL: Warum hat die Polizei Stunden gebraucht, um die Lage in den Griff zu bekommen?

Holthusen: Die Einsatzkräfte sind unvorbereitet in die Situation geraten. Anders als etwa bei Demonstrationen oder randalierenden Hooligans im Stadion haben sie nicht mit der Eskalation gerechnet, sie wurden überrascht. Auch das fördert die Dynamik: Sobald sich die Polizei schwach zeigt, sich zeitweise zurückzieht, ist das für Randalierer ein Ansporn weiterzumachen. Da waren lauter junge Menschen, die sich relativ schnell bewegt haben, durch ihre Anti-Corona-Masken teilweise im Schutz der Anonymität. Polizisten können in dieser Situation ganz schlecht unterscheiden, wer eine Bedrohung ist und wer nicht.

SPIEGEL: Die baden-württembergische Landespolizeipräsidentin Stefanie Hinz kann bisher keine politischen oder religiösen Motive für die Randale ausmachen. Sie verortet die Beteiligten in der Party- und Eventszene, die sich seit Wochen in der Öffentlichkeit treffe und in den sozialen Medien inszeniere.

Holthusen: Bisher sind keine Anhaltspunkte bekannt geworden, dass die Ausschreitungen in irgendeiner Form vorher geplant waren. Ich gehe davon aus, dass innerhalb der heterogenen Gruppe der 500 viele sehr unterschiedlich agiert haben. Einige wenige werden die Situation ganz bewusst ausgenutzt haben, um ihre Aggressionen rauszulassen und Gewalttaten zu begehen. Andere, um sich ein neues Handy zu besorgen. Und dann gibt es die sogenannten Bystander - Zuschauer am Rande, die nicht aktiv ins Geschehen eingreifen, sich aber freuen, dass endlich mal etwas los ist. Sie machen Handyvideos, die sie im Netz posten, weil es spektakulär ist, die totale Action. Für Polizisten im Einsatz ist es sehr schwer, diese verschiedenen Gruppen zu unterscheiden.  

SPIEGEL: Glauben Sie, dass die Hemmschwelle für Gewalt gegen Polizisten generell gesunken ist?

Holthusen: Nein, das glaube ich nicht. Die einzelnen Fälle bekommen nur eine größere öffentliche Aufmerksamkeit, auch durch einen neu geschaffenen Straftatbestand. Ich halte auch Debatten über höhere Strafmaße für unsinnig, denn die schrecken erfahrungsgemäß nicht ab. Unter welchen Umständen eine gefährliche Körperverletzung zu ein oder zwei Jahren Jugendstrafe führt, wissen Jugendliche nicht. Und sie wägen in einer spontanen Situation mit eskalierenden Gruppendynamiken mögliche Folgen für die Zukunft nicht ab. Allenfalls spielt das subjektive Entdeckungs- und Festnahmerisiko eine Rolle.

SPIEGEL: Etwa die Hälfte der 26 Festgenommenen waren laut jetzigem Kenntnisstand Zugewanderte. Könnte die Debatte um Rassismus und Polizeigewalt bei den Ereignissen von Stuttgart eine Rolle gespielt haben?

Holthusen: Das können wir erst sagen, wenn wir mehr über die Hintergründe und die Akteure wissen. Vor zehn Jahren hätte ich noch glattweg ausgeschlossen, dass öffentliche Diskurse aus den USA sich hier in abendlichen Stuttgarter Ausschreitungen manifestieren. Aber durch die weltweite mediale Vernetzung ist das heute anders. Ich weiß, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund sich auch in Deutschland von Polizeibeamten diskriminiert fühlen und von entsprechenden Erfahrungen berichten. Dennoch haben wir hierzulande ganz andere Verhältnisse als in den USA. Was in Stuttgart passiert ist, spielt in einer anderen Liga.

SPIEGEL: Könnte es sein, dass Polizisten in der Coronakrise zum neuen Feindbild der Jugendlichen avancieren? Weil sie als lästige Kontrolleure, als Spiel- und Spaßverderber wahrgenommen werden?

Holthusen: Jugendlich sind in der Corona-Debatte bisher weitgehend vergessen worden. Es ging, wenn überhaupt, um ihre Beschulung, aber nicht um ihre Lebenslagen und die Einschnitte im Alltag. Aber was macht es mit jungen Menschen, wenn sie plötzlich nicht mehr das tun können, was alle Teenager tun? Unvernünftig sein, Spaß haben, Party machen. Sie suchen sich dann die unterschiedlichsten Bewältigungs- und Verarbeitungsformen.

SPIEGEL: Sie berichten von engmaschigen Corona-Kontrollen in Bayern, wo auch Jugendliche Bußgelder zahlen mussten.

Holthusen: Da sollten Teenager teilweise 150 Euro bezahlen, nur weil sie gemeinsam auf einer Parkbank gesessen haben. Das kann ein junger Mensch schon mal als unverhältnismäßig empfinden, gerade wenn er nicht viel Geld hat. Überhaupt wurde die Perspektive benachteiligter Jugendlicher bisher kaum beleuchtet. Sie leben in kleinen Wohnungen, ohne Garten und Ablenkung, weil Jugendzentren oder Sportvereine geschlossen sind. Diese jungen Leute treffen sich aus Mangel an Alternativen draußen. Möglicherweise auch aus diesem Grund waren in Stuttgart mehr Jugendliche unterwegs als sonst.

SPIEGEL: Werden wir in Zukunft häufiger vergleichbare Ausschreitungen erleben?

Holthusen: Man kann es nicht ausschließen. Aber die Polizei wird jetzt wesentlich vorsichtiger agieren und besser vorbereitet sein. Wenn Einsatzkräfte von vornherein stärker präsent sind, können Eskalationen wie in Stuttgart vermieden werden.

SPIEGEL: Und darüber hinaus?

Holthusen: Bei aller Vorsicht, die eine Pandemie erfordert, sollten wir auf den Alltag und die Bedürfnisse junger Menschen schauen und uns überlegen, wie wir es ihnen ermöglichen können, auch in der Coronakrise ihr Jugendlichsein ausleben zu können.

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