Nach den Krawallen "Das Problem ist Stuttgart"

Die Corona-Pandemie hat jungen Menschen ihre Lebensorte genommen. In Stuttgart treffen sie sich deshalb im Schlossgarten. Vergangene Woche kam es dort zu Ausschreitungen, jetzt feiert man unter Beobachtung der Polizei. Geht das?
Aus Stuttgart berichtet Sara Wess
Polizisten beobachten die Lage

Polizisten beobachten die Lage

Foto: Christoph Schmidt/ dpa

Christina kippt Sekt auf den Boden, Fabian schreit auf, Fatma und Jeong kichern. Sie sitzen auf einer Bank im Stuttgarter Schlossgarten, es ist Freitagabend, der wolkenverhangene Himmel färbt sich rosa. Ein einziger Streifenwagen steht im Ehrenhof, dem Platz vor dem Schloss. "Wir sind hier, weil wir nichts zu tun haben", sagt Fabian. "Aber ein Ersatz fürs Feiern ist das nicht." Die vier Freunde gehen noch zur Schule. Vor einer Woche, als die Stadt wegen der Krawalle weltweit Schlagzeilen machte, waren sie zu Hause. Sie mussten lernen.

Es ist die Generation von Christina, Fabian, Fatma und Jeong, die in den vergangenen Monaten oft vergessen wurde. Sie wissen nicht, wann Schulen, Kneipen, Universitäten und Diskotheken wieder öffnen. Bis dahin brauchen sie neue Lebensorte. In Stuttgart haben sich junge Menschen deshalb den Schlossgarten zu eigen gemacht. Nach den Randalen des vorigen Wochenendes feiern sie Seite an Seiten mit Hundertschaften. Wie geht das?

"Wir sind hier nicht wegen irgendeiner Revanche, wir sind hier, um Sicherheit zu gewährleisten", verkündet der Einsatzleiter Carsten Höfler um 21 Uhr. "Wir wollen ein Stück weit wieder Alltag einkehren lassen und nicht durch übertriebene uniformierte Präsenz die Sorge signalisieren, es könnte wieder zu Ausschreitungen kommen." Was er damit meint, ist unklar, denn eine Stunde später ist der Schlossgarten voller Einsatzkräfte. Die Pressesprecherin spricht von mehreren Hundert Beamten, wie viele es genau sind, will sie nicht sagen. Die Polizisten kontrollieren Ausweise und durchsuchen Taschen und Rucksäcke nach Waffen. Die Jungen kooperieren. Sie müssen, wenn sie feiern wollen.

Polizisten am Stuttgarter Schlossplatz

Polizisten am Stuttgarter Schlossplatz

Foto: Sebastian Gollnow/ dpa

An einer Mauer lehnt eine 17-Jährige, die ihren Namen nicht nennen will. Seit das Land Baden-Württemberg die Corona-Beschränkungen gelockert habe, sei sie oft im Schlossgarten, erzählt sie. "Die Bars und Klubs haben ja immer noch geschlossen. Und hier kennt man sich halt, hier kann man trinken und tanzen." Die Kontrollen stören sie nicht. "Ich weiß ja, dass mir nichts passiert."

Die Sonne ist mittlerweile untergegangen, es ist 22.20 Uhr. In einem stillgelegten Springbrunnen treiben weiße Plastikbecher, auf dem Rand liegen leere Schnapsflaschen und Zigarettenpäckchen. Es riecht nach Marihuana und Energydrinks. Überall dröhnt Musik, ein paar johlen, viele lachen. Die Abstandsregeln hält niemand ein.

"Feiern bedeutet für mich Freunde treffen, Musik hören, was trinken", sagt Chrisz, 22. "Egal, wo. Ich brauche keine Klubs." Er trägt eine New-York-Yankees-Basecap, in der Hand hält er einen orangefarbenen Becher. Einen Mundschutz hat Chrisz nicht dabei. "Ich glaube nicht an diese Corona-Krankheit", sagt er. "Und selbst wenn: Sterben tu ich sowieso irgendwann."

Auf der anderen Seite des Eckensees sitzen Nicolai, 19, und Petar, 20. Zu den Ereignissen der vergangenen Woche haben sie eine klare Meinung. "Das war ein bisschen Black Lives Matter, ein bisschen Amerika", sagt Petar. "Aber das eigentliche Problem ist Stuttgart." Beide berichten von schlechten Erfahrungen mit der Polizei. "Letzte Woche war das Fass halt voll." Ob sie dabei waren? "Nee, ich war nur Freitag da", sagt Nicolai. Petar grinst und sagt nichts. Irgendwo zerbricht Glas.

Besonders stark von den Ausschreitungen betroffen war die Königstraße, die vom Bahnhof in die Innenstadt führt. Noch immer lehnen Sperrholzplatten von innen gegen zerschlagene Schaufenster. Heute ist es dort ruhig. Die Uhr am Hauptbahnhof zeigt zehn Minuten nach Mitternacht. Burger-King-Mitarbeiter schließen die Filiale zu, eine Frau klopft an die Scheibe und fragt nach Servietten. Vereinzelt kontrollieren Polizisten Ausweise.

Gegen halb zwei spricht die Polizei von einer "normalen Freitagnacht", vier Straftaten, acht Platzverweise, viele Personenkontrollen. Die Jungen können weiterfeiern. Zu den angekündigten Randalen ist es nicht gekommen. Erleichterung bei den Einsatzkräften.

Auch am Samstagabend ist die Stuttgarter Innenstadt voller Menschen. Im Schlossgarten sitzen Jenna, 16, und Anastasia, 18. Sie trinken Hugo aus Flaschen. "Seit wegen Corona alles zu hat, ist das der Hotspot für Jugendliche", sagt Jenna. Die Randalen haben beide miterlebt. "Ich glaube, das war eine einmalige Sache. Die Leute verkacken es sich doch selbst. Die chillen auch hier." Noch vor ein paar Monaten hätte sie sich nicht vorstellen können, ihren Samstagabend im Schlossgarten zu verbringen. "Früher waren hier nur Assis. Aber jetzt sind halt alle da."

20 Meter weiter gibt der Polizeipräsident Franz Lutz ein kurzes Statement vor Journalisten ab. "Unsere Präsenz ist zurückhaltend, wir sind nicht dauerhaft im Bild. Wir wollen die friedliche Feierkultur nicht zerstören."

Taschenkontrollen in Stuttgart

Taschenkontrollen in Stuttgart

Foto: Sebastian Gollnow/ dpa

Um kurz nach zehn füllt sich der Platz dennoch wieder mit Polizisten. "Mit Einbruch der Dunkelheit führen wir Kontrollmaßnahmen durch, um mit den jungen Leuten ins Gespräch zu kommen", erklärt die Polizeisprecherin Monika Ackermann. Die Beamten sollen so Präsenz zeigen und ein Gefühl für die Stimmung bekommen. "Mehr Polizisten als Menschen hier!", ruft ein junger Mann. Ein anderer grölt: "Scheiß drauf, Malle ist nur einmal im Jahr!" Einzelne machen kehrt. Die meisten lassen die Kontrollen über sich ergehen, um danach weiterzufeiern.

Auf einer Bank neben dem Eckensee sitzen zwei Männer. Zwischen ihnen stehen drei Bierdosen und eine leere Rewe-Tüte. Es ist halb zwölf. "Wir wollten eigentlich in eine Bar, aber die ist noch wegen Corona geschlossen", erklärt Hassan, 24. "Jetzt sind wir hier." Es gebe nicht viele Orte, an die sie gehen könnten, sagt er. "Die Diskotheken haben geschlossen und die wenigen Restaurants, die offen haben, sind überfüllt. Hier sind auch zu viele Menschen. Aber zu Hause ist es so langweilig." Dass die Polizei so viel Präsenz zeige, gebe ihm Sicherheit, sagt Hassan. Dann übersetzt er für seinen Freund Chadi, 34, aus dem Arabischen: "Wir sind beide Ausländer, wir mögen keine Probleme. Wo Polizisten sind, gibt es weniger Probleme."

Chadi behält recht. Gegen vier Uhr morgens wird die Polizei durchgeben, dass es eine ruhige Nacht war, keine besonderen Vorkommnisse. Die Jungen haben sich mit den Polizisten arrangiert. Sie brauchen den Schlossgarten. Jetzt, kurz vor Mitternacht, stehen fünf junge Männer am Wasser. Sie tragen T-Shirts und kurze Hosen, es ist eine dieser Sommernächte, in denen die Luft nie ganz abkühlt. Einer der Männer sitzt auf einer großen Lautsprecherbox. "Fick auf die Bullen, wir machen Party", schallt es daraus. Der Mann zieht an seiner Zigarette. Etwa hundert Meter entfernt kontrollieren Polizisten Ausweise.

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