Schiffsunglück in Südkorea Kapitän will Evakuierung aus Sicherheitsgründen verzögert haben

"Die Strömung war sehr stark, das Wasser sehr kalt": Erstmals hat der Kapitän der vor Südkorea gesunkenen Fähre zu erklären versucht, warum er die Passagiere nicht sofort evakuieren ließ. Derweil fanden Taucher am Wrack weitere Leichen - und konnten sie nicht bergen.

AP

Seoul - Bislang waren die Abläufe an Bord zur Zeit des Unglücks ein Rätsel. Jetzt werfen erste Antworten des verhafteten Kapitäns der havarierten Fähre "Sewol" Licht auf die Abläufe an Bord: Lee Jun Seok hat angegeben, dass er die Evakuierung des Schiffes aus Sicherheitsgründen verzögert habe.

"Die Strömung war sehr stark und das Wasser war kalt", sagte der 69-Jährige auf Fragen von Reportern bei einem Termin zur Verlesung des Haftbefehls am Samstagmorgen. Er habe befürchtet, dass die Passagiere von der Strömung fortgerissen werden könnten.

Nach Berichten von Überlebenden hatte die Crew nach dem Kentern des Schiffes zunächst Anweisung gegeben, in den Sitzen und Kabinen zu bleiben. Die Fähre war mit 476 Menschen an Bord am Mittwochmorgen gekentert und gesunken. Es wird vermutet, dass die meisten Opfer noch im Inneren des gesunkenen Schiffes eingeschlossen sind.

Zum Unglückszeitpunkt soll die Fähre den Ermittlern zufolge von einer unerfahrenen Offizierin gesteuert worden sein. Bevor das Schiff zu sinken begann, habe der Kapitän die Schiffsführung an die 26-Jährige abgegeben. Der zuständige Staatsanwalt teilte laut Nachrichtenagentur AP am Samstag mit, dass die Offizierin zum ersten Mal in diesen Gewässern am Ruder stand.

Bergungsarbeiten dauern mindestens ein bis zwei Monate

Von Hinterbliebenen wurde Kritik laut, dass die Besatzung das sinkende Schiff verlassen habe, während viele Passagiere noch an Bord waren. Nur 179 Insassen der Fähre konnten gerettet werden. Bis Samstag wurden 29 Leichen gefunden. Mehr als 250 Menschen werden noch vermisst. Die meisten Passagiere waren Schüler auf Klassenfahrt.

Rettungstaucher gaben an, bei den Bergungsarbeiten Leichen in einer Kabine gesehen zu haben, in der viele der Kinder vermutet werden. Doch den Männern gelang es bislang nicht, das Glas der Scheibe zu der Kabine zu zerbrechen, um die Toten zu bergen.

Die Hoffnung, Überlebende an Bord des Wracks zu finden, schwindet. Angehörige reagieren zunehmend verärgert auf das Vorgehen der Behörden. Sie forderten die Rettungskräfte auf, die Fähre aufzurichten. Der Leiter der Rettungsaktion teilte laut dem britischen Sender BBC mit, dass die Bergungsarbeiten mindestens ein bis zwei Monate dauern würden.

Zu Hunderten kampieren die Hinterbliebenen in Turnhallen auf Jindo, dem Zentrum der Rettungsaktion: Dort wurden am Samstag erstmals Videos aus dem trüben Wasser am Wrack gezeigt. Leichen waren auf den Bildern nicht zu erkennen.

Am Freitag erließ die Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen den Kapitän und zwei weitere Besatzungsmitglieder der "Sewol" wegen Vernachlässigung von Dienstpflichten und Verstoßes gegen das Seerecht. Lee bestätigte, dass er zum Unglückszeitpunkt nicht auf der Kommandobrücke des Schiffes war. "Es geschah, als ich gerade von einem kurzen Abstecher aus persönlichen Gründen in die Kabine zurückkam", sagte er. Den Verdacht, er habe getrunken, wies der Kapitän zurück.

bos/AFP/Reuters

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