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Klatsch Sumpf der Phantasie

Wie entstehen Gerüchte über aidskranke Stars, klauende Staatspräsidenten oder Regenwürmer in Hamburgern? Ein französischer Sozialpsychologe erforscht Angebot und Nachfrage auf dem Informations-Schwarzmarkt und berät Prominente und Unternehmen, die Opfer boshafter Gerüchtekampagnen wurden.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Sie genießt einen äußerst schlechten Ruf, aber jeder will sie besitzen. Ihr Zauber geht verloren, wenn man sie beim Namen nennt. Schon bei den Römern war Fama verpönt. Vergil widmete der Göttin des Gerüchts wütende Zeilen, weil sie »Mäuler voll Schall und gerichtete Ohren« auf die Welt bringe.

Der Abscheu wurde auch im Jahrhundert der Massenmedien nicht geringer. Der Zeichner A. Paul Weber lithographierte das Gerücht als endlose Schlange, die sich durch Häuserschluchten windet. Das Ungetüm hat einen menschenähnlichen Kopf, spitze, aufgestellte Ohren und verbirgt seine Augen hinter einer großen Brille. Nicht zu zügelnde Neugier und geheuchelte Anteilnahme bringen das Wesen aus dem Sumpf der Phantasie in Fahrt.

Obwohl der Ekel vor Gerüchten bis in die Antike zurückreicht, hat sich die Wissenschaft vom Dämon Fama bisher weitgehend ferngehalten. Einen Vorstoß zur Entzauberung und Versachlichung hat nun der Pariser Gerüchtespezialist Jean-Noël Kapferer unternommen.

Der Wirtschaftswissenschaftler und Sozialpsychologe ist Vorsitzender der »Stiftung zur Untersuchung und Aufklärung von Gerüchten«. Per Telefon kann dort jeder unter dem Stichwort

»Allô Rumeur« neue oder wiederauferstandene Gerüchte abliefern. Das Angebot ist groß, das »älteste Massenmedium der Welt« behauptet sich tapfer gegen die Flut der neuen.

Bei seiner Arbeit ignorierte Kapferer jene Gerüchte, die sich, als Vorläufer der Information, später als richtig herausstellen. Statt dessen konzentrierte sich der Ergründer übler Nachrede auf Klatsch, dem Falschmeldungen, Verleumdungen und Irrtümer zugrunde liegen. »Gerüchte«, faßt Kapferer seine Forschungsergebnisse zusammen, seien »keineswegs mysteriös, sondern gehorchen einer zwingenden Logik*.« ______(* Jean-Noël Kapferer: »Gerüchte. Das älteste ) ______(Massenmedium der Welt«. Aus dem Französischen von ) ______(Ulrich Kunzmann. Gustav Kiepenheuer Verlag, ) ______(Leipzig; 359 Seiten; 39,90 Mark. )

Wie ein Mediziner, der fasziniert die verheerende Wirkung eines Virus beobachtet, verfolgt Kapferer die Ausbreitung bestimmter Gerüchte. Zweck der Übung sind Vorbeugung und Therapie - der Wissenschaftler berät Prominente und Unternehmen, die Opfer von Gerüchtekampagnen wurden.

Auch Isabelle Adjani gehört zur Klientel des Gerüchtedoktors. Die Schauspielerin wurde 1987, als sie sich mehrere Wochen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, auf dem Schwarzmarkt der Information als aidskrank gehandelt. Kapferer empfahl der ratlosen Adjani, das üble Geschwätz nicht sofort zu dementieren, das trage nur zu seiner weiteren Verbreitung bei. Als das Krankheitsgemunkel sich zu dem Gerücht verdichtete, die Schauspielerin sei gestorben, handelte Kapferer: Er organisierte für Adjani einen Auftritt in der größten Nachrichtensendung Frankreichs - und das Gerede verstummte schlagartig.

Weshalb traf es ausgerechnet die makellose Isabelle Adjani? Die Schauspielerin hatte ihr Privatleben der Öffentlichkeit nicht preisgegeben - ein Vergehen, das nach Beobachtungen des Gerüchteforschers regelmäßig mit dem Auftauchen von Legenden bestraft wird. Der Einblick ins Liebesleben sei der Preis, den ein Star dafür zu zahlen hat, daß er einer ist.

So war es auch im Fall des Hollywood-Jungstars Keanu Reeves. Ein Jahr lang reiste das Gerücht um die Welt, er sei mit dem Entertainment-Milliardär David Geffen liiert, bevor Reeves die Verleumdung in den Griff bekam: Zur Beruhigung seiner weiblichen Fans outete er sich als Heterosexueller und bestritt, Geffen je getroffen zu haben.

Zwar fällt es im Zeitalter der Massenmedien nicht sonderlich schwer, eine Falschmeldung richtigzustellen. Doch manchmal ist es, ähnlich wie im Fall Isabelle Adjani, effektiver und eleganter, mit dem Dementi zu warten.

Am 19. Dezember 1981 meldete die französische Nachrichtenagentur AFP, daß einer der wichtigsten Berater Lech Walesas, der in Polen sehr beliebte Tadeusz Mazowiecki, im Gefängnis gestorben sei. Die Nachricht verbreitete sich schnell in der westlichen Welt, und die polnischen Behörden ließen es geschehen, obwohl das Ansehen des damaligen Ministerpräsidenten, General Jaruzelski, dadurch schwer geschädigt wurde.

Erst kurz vor Jahresende dementierte ein polnischer Regierungssprecher den Tod Mazowieckis und stellte gleichzeitig die westliche Presse bloß, die gierig ein offensichtlich haltloses Gerücht kolportiert hatte. Die Strategie dieser Verzögerung, der polnischen Regierung auch im Westen eine gewisse Glaubwürdigkeit zu verschaffen, erreichte für eine Weile ihr Ziel.

In den Hierarchien der Macht dienen Gerüchte nach Kapferers Erfahrungen entweder den Spielregeln der Diktatur oder denen der Demokratie - je nachdem, ob sie von »oben« oder von »unten« lanciert werden. Die Belegschaft eines Unternehmens nutzt das Medium, beispielsweise, um Entscheidungen der Betriebsleitung zu erfahren.

In Diktaturen dagegen sind es die unliebsamen einzelnen, die Störenfriede, die gezielt Opfer von Gerüchtekampagnen der Staatsmacht werden. Die Stasi lieferte ungezählte Beispiele - und sie ist zugleich ein Beleg für Kapferers These, daß Gerüchte dann an Glaubwürdigkeit verlieren, wenn man sich ihrer zu häufig bedient.

Die von der Stasi in Umlauf gebrachten Verleumdungen waren ausnahmslos grob, manchmal auch unfreiwillig komisch. Doch Gerüchte können auch elegant sein.

In China wurde während eines Staatsbesuchs von Richard Nixon getuschelt, der amerikanische Präsident habe dem Parteivorsitzenden Mao eine wertvolle Teetasse gestohlen. Die Wache bemerkte es, so die Legende, wagte aber nicht einzugreifen, sondern fragte den Ministerpräsidenten Tschou En-lai um Rat. Der schlug vor, Nixon in den chinesischen Staatszirkus einzuladen und gleichzeitig eine Kopie der Tasse zu bestellen. Während der Vorstellung ließ ein Zauberer diese Tasse verschwinden und prophezeite, er werde sie im Diplomatenkoffer Nixons wiederfinden.

Der Coup gelang, niemand verlor sein Gesicht. Kapferers Deutung: Mit einer solchen Erzählung versicherten sich die Chinesen, daß »der Imperialismus ein Papiertiger« sei, von dem sie auch auf militärischem Gebiet nichts zu befürchten hätten.

So eine Legende schadet niemandem; sie zu dementieren erübrigt sich. Gefährlich wird es erst, wenn beispielsweise in Kriegszeiten Gerüchte die Loyalität des Verbündeten in Frage stellen und das Selbstbewußtsein einer Nation ins Wanken zu bringen drohen.

Diesem Risiko versuchten die USA im Zweiten Weltkrieg mit der Einrichtung sogenannter Gerüchtekliniken vorzubeugen, in denen alle inoffiziellen Meldungen über die Lage der Nation aufgefangen wurden. Eine Bostoner Zeitung widmete der Entkräftung jener Geschichten eine wöchentliche Rubrik.

Das Dementieren ist eine heikle Angelegenheit: Der Kampf gegen das Gerücht, weiß der Volksmund, ähnelt dem oft ernüchternden Versuch, Zahnpasta in die Tube zurückzudrücken. Wird etwa ein auf irrationalen Ängsten basierendes Gerücht lediglich sachlich richtiggestellt, so kann, wie Kapferer ermittelte, ein »Bumerangeffekt« eintreten - die Schar der Gläubigen wächst, statt zu schrumpfen.

Die Warsteiner Brauerei kam das vor zwei Jahren teuer zu stehen. Deren Chef Albert Cramer, munkelte es in der Gemeinde der Biertrinker, sei Scientologe. Ein Rundschreiben an Kneipenwirte, in dem Kontakte zur Sekte »ausdrücklich und mit jeder Konsequenz« dementiert wurden, beförderte das geschäftsschädigende Gerücht noch. Schließlich mußte die Brauerei eine kostspielige Anzeigenkampagne in allen norddeutschen Tageszeitungen und überregionalen Zeitschriften schalten, um der Verleumdung Herr zu werden.

Per Gerücht Stammkunden von ihrer Marke abzuziehen, hat Tradition. Die Rufmörder zielen dabei entweder auf das Gewissen (dann wird der Hersteller als politisch inkorrekt diffamiert) oder auf die Gesundheit (dann verleumdet man den Hersteller als Sünder wider das Reinheitsgebot). So mußte sich der Zigarettenhersteller der Marke Marlboro gegen den Vorwurf wehren, die Firma finanziere den Ku-Klux-Klan; von Camel-Glimmstengeln hieß es dagegen, sie enthielten Opium.

Besonders die Restaurantkette McDonald''s hat ausgiebige Erfahrungen mit Rufmord. Hartnäckig hielt sich etwa die Mär, dem Fleisch von Hamburgern würden Regenwürmer beigemischt. Ein schlichtes Dementi hätte auch die dicksten Fast-foodFreunde alarmiert, fürchtete die Firma und entschied sich schließlich für ein ökonomisches Argument: Regenwürmer seien fünfmal so teuer wie Rindfleisch.

Ob McDonald''s oder Frau Adjani, Richard Nixon oder Camel - die Wege des Gerüchts sind unerforschlich, lediglich seine Wirkung und die Gegenmittel eignen sich zu wissenschaftlicher Prüfung. Die Notwehr der Opfer ist ein bisweilen deprimierendes Geschäft, weil für Gerüchte dasselbe gilt wie für andere Medien: Gute Nachrichten sind keine Nachrichten. Die Lust am Negativen, fand Kapferer, sei offenbar stärker als die normative Kraft des Faktischen.

Das macht die Sache für die Opfer von Gerüchten noch schwerer: Auch vollständig widerlegte Verdächtigungen hinterlassen ihren Abdruck. Wer einmal durch die Gerüchteküche geschleift wurde, bekommt die Fettflecken nur schwer von seiner Weste, auch wenn die makellos weiß war.

Dafür sorgt, glaubt Kapferer, unser selektives Bewußtsein: Ist der erste Eindruck negativ, werden auch in Zukunft allein die Fakten berücksichtigt, die mit ihm übereinstimmen, die anderen werden dem Zufall zugeschrieben - ein psychologischer Mechanismus, dem der Gerüchteforscher allerdings auch Positives abgewinnt: Er bringe Ordnung in die chaotische Wirklichkeit, auch wenn diese Ordnung eine Konstruktion ist.

Der französische Staatsmann Charles Maurice de Talleyrand hatte für dieses Paradox die kürzeste Formel: »Mißtraut eurem ersten Eindruck, denn er ist der richtige.«

* Jean-Noël Kapferer: »Gerüchte. Das älteste Massenmedium derWelt«. Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. GustavKiepenheuer Verlag, Leipzig; 359 Seiten; 39,90 Mark.

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