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Silvester in Sydney trotz Buschfeuer Feuer und Wut

Zig Buschfeuer sind in Australien seit Monaten außer Kontrolle, 13 Menschen sind umgekommen. Dennoch zündete die Stadt ihr berühmtes Feuerwerk - nun gibt es harsche Kritik.

Gut zwölf Minuten dauerte das gigantische Feuerwerk über dem Hafen der australischen Metropole Sydney: Zuerst sprühten an der Harbour Bridge kleine Feuerfontänen im Takt des Silvester-Countdowns, der von den mehr als eine Millionen Menschen heruntergezählt wurde, die gekommen waren, um das Spektakel live zu erleben.

Um 0 Uhr (14 Uhr MEZ) schien die Brücke dann zu explodieren - rund 100.000 Feuerwerkskörper wurden insgesamt gezündet und erleuchteten wie jedes Jahr das berühmte Opernhaus, die Schiffe, den Circular Quay und den Botanischen Garten. Im Livestream konnte man die Show verfolgen. Auch im deutschen Fernsehen wurde das Feuerwerk übertragen.

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Silvester-Feuerwerk in Sydney: Als wäre nichts

Foto: PETER PARKS / AFP

Am Neujahrsmorgen lagen diejenigen, die sich noch wach halten konnten, am Bondi Beach im Sand und warteten auf den Sonnenaufgang. Einige waren bereits eingeschlafen, andere tanzten am Strand oder schmissen sich samt Kleidung in die Brandung. Die Australier haben das neue Jahrzehnt gehörig gefeiert - als wäre nichts.

Doch auch an diesem Tag war die Sonne über dem hippen Stadtteil Bondi hinter rötlichbraunen Dunstschwaden nur schemenhaft zu erkennen. Der Wind trägt seit Wochen den Rauch der Buschfeuer herüber, die seit Oktober im Bundesstaat New South Wales lodern.

Smog über Bondi Beach (Foto vom 10. Dezember)

Smog über Bondi Beach (Foto vom 10. Dezember)

Foto: STEVEN SAPHORE/EPA-EFE/REX

Silvester-Show trotz Ausnahmezustand

Während in Sydney die Silvester-Feuershow stieg, fiel in der Nacht ein weiterer Mensch den Buschfeuern zum Opfer. Die Behörden bestätigten am Morgen den Tod eines Mannes, der in seinem Auto verbrannt war. Insgesamt sind bisher laut offiziellen Angaben mindestens 13 Menschen durch die Flammen gestorben, rund tausend Häuser sind abgebrannt, mehrere Menschen werden vermisst. Zehntausende mussten sich aus den Vororten der zweitgrößten Stadt Melbourne in Sicherheit bringen.

Große Teile des Kontinents sind im Ausnahmezustand, es herrschen Feuerverbote entlang der Küste. Unter anderem hat die Hauptstadt Canberra die Silvester-Feuerwerke aufgrund starker Winde und Trockenheit abgesagt. Die Stadtverwaltung von Sydney entschied sich, das Feuerwerk stattfinden zu lassen.

Man wolle die Besucher nicht enttäuschen, die extra wegen des Feuerwerks angereist seien, hieß es zur Begründung. Also eigentlich: Man will nicht auf die rund 133 Millionen Dollar verzichten, die das Spektakel der Stadt einbringt .

Die Geschäftsführerin der Wirtschaftskammer, Katherine O'Regan, formulierte es so: Wenn man die Feuerwerke absage, könne das negative Auswirkungen auf das Ansehen Sydneys in der Welt haben.

Der Oppositionsführer der Australian Labor Party, Anthony Albanese, bezeichnete die Entscheidung, die Show stattfinden zu lassen, als "problematisch während eines nationalen Ausnahmezustands". Er verstehe, dass das Feuerwerk wichtig für die Wirtschaft sei, sagte er. Doch in Anbetracht der Lage sei es viel wichtiger, dass die Regierung alle Kräfte mobilisiere, inklusive das Militär, um die Buschfeuer unter Kontrolle zu bringen, sagte er dem "Australian".

Medien verurteilen die Entscheidung

In der lokalen Presse hagelte es ebenfalls scharfe Kritik. "New Year Fire and Fury" (deutsch in etwa: Das neue Jahr mit Feuer und Wut) titelte etwa die Tageszeitung "The Australian". Das Titelfoto zeigt die am Strand von Mallacoota eingeschlossenen Menschen. Der "Sydney Morning Herald" beschrieb auf seiner Titelseite die Geschichte eines Feuerwehrmannes, der in den Flammen zu Tode gekommen war - seine Frau erwartete ihr erstes Kind. Die Festspiele der Nacht wirken angesichts der Tragödien wie ein perfides Signal.

Die Bürgermeisterin Sydneys, Clover Moore, rechtfertigte die Entscheidung für das Event mit den Worten: "Es wird den Menschen Hoffnung in einer furchtbaren Zeit geben." Ob die Silvester-Show in Sydney auch den rund 4000 Menschen, die im Bundesstaat Victoria am Strand eingeschlossen sind, weil die Feuer Fluchtwege abgeschnitten haben, Hoffnung gegeben hat?

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Eine Petition hatte im Vorfeld gefordert, das Spektakel abzusagen - aus Respekt vor den Opfern. Das Geld dafür solle lieber gespendet werden, forderten die rund 280.000 Unterstützer. Die Show sei bereits seit 15 Monaten geplant, entgegnete Moore.

Man habe die Zuschauer aber dazu aufgefordert, für die Opfer zu spenden. Und siehe da: Zwei Millionen Dollar seien bereits zusammengekommen, twitterte sie stolz am 1. Januar.

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Sowieso sei das eigentliche Problem der Klimawandel, sagte Moore laut BBC . Sie schob die Verantwortung dafür der Regierung zu, die mehr dafür tun müsse, die CO2-Emissionen zu reduzieren. "Städte auf der ganzen Welt leisten ihren Beitrag zur Bekämpfung der globalen Erwärmung", sagte sie. "Es sind unsere nationalen Regierungen, die uns im Stich lassen."

Neujahrsansprache des Premiers verkennt Ernst der Lage

Premierminister Scott Morrison, der bereits in die Kritik geraten war, als er im Hawaii-Urlaub verweilte, während in seinem Land eine Fläche der Größe Belgiens niederbrannte, unterstützte die Entscheidung, das Feuerwerk stattfinden zu lassen.

In seiner Neujahrsansprache   tröstete er die Bevölkerung mit den Worten: Es seien "taffe zwölf Monate" für Australien gewesen. "Eine Sache, die wir in Australien aber immer feiern können, ist, dass wir im tollsten Land der Welt wohnen mit dem wundervollen Aussie-Lebensgefühl, das dafür sorgt, dass wir alle Probleme bewältigen können, mit denen wir konfrontiert werden."

Die Bilder aus den betroffenen Gebieten in Australien zeigen Szenen aus einem Krisengebiet. Gleichzeitig joggen am Bondi-Beach Sportler den Strand entlang wie an jedem normalen Tag, andere surfen, schwimmen und machen Yogaübungen unter dem trüben Himmel.

Am Mittwoch war das Feuer im Südwesten Sydneys nur noch 30 Kilometer von der Harbour Bridge entfernt. Für das Wochenende werden erneut Temperaturen über 40 Grad erwartet.