Symbolische Invasion Wie wir Helgoland besetzten

Dezember 1950: Zwei Heidelberger Studenten, Georg von Hatzfeld und René Leudesdorff, machen sich mit maroden Kuttern auf, um eine Insel zu besetzen: Helgoland. Ein Jahr später wird das total zerstörte Eiland tatsächlich an Deutschland zurückgegeben. Der friedliche Besatzer Leudesdorff erinnert sich.

Um ein Haar wäre unsere friedliche Invasion schon am Anfang gescheitert. Als wir mit dem Fischkutter "Paula" um die Helgoländer Hafenmole bogen, lag das britische Küstenkontrollboot "Royal Eileen" an der Pier ­ ganz gewiss, um uns aus dem Verkehr zu ziehen. Alles aus und vorbei, dachten wir. Aber, o Wunder, die Air-Force-lnspektion hatte keine Ahnung von unseren Absichten. "We are some journalists and want to see the island", erklärte ich kaltblütig dem Dienst habenden Offizier. Er antwortete höflich: Wir sollten es ruhig tun, nur abends besser wieder abfahren, weil dann bombardiert werden könnte.

Die Briten tuckerten ab. Wir blieben und suchten bei Schneetreiben im apokalyptischen Gewirr von Trümmern, Trichtern und Ruinen mühsam einen Pfad hinauf zum Flakturm, dem einzig intakten Bauwerk. Dort machten wir uns im Sturmgebraus ans Werk, hissten die Bundes-, Europa- und Helgolandflagge an einem Leitungsrohr, das wir für ein paar Sekunden aufrichten konnten. Dann rasch noch ein verwackelter Dämmerlicht-Schnappschuss und Schluss. Feierlich war es wirklich nicht, aber wir hatten es geschafft.

Den großen Coup hatten wir zwei Wochen vorher in Heidelberg ausgeheckt, der Soziologiestudent Georg von Hatzfeld und ich, der angehende Theologe. Im Asta wie überall in Hörsälen und Seminaren gab es heiße Debatten über die von Adenauer anvisierte Wiederbewaffnung: Sollen wir schon wieder die Waffe in die Hand nehmen? Niemals.

Der Kommilitone Hatzfeld sprach mich nach meinem Diskussionsbeitrag an: "Man müsste ein Zeichen setzen. Wir wär's mit Helgoland?" Ich: "Guter Ort für eine symbolische Invasion. Hinfahren, besetzen, Flagge hissen!" Er: "Ja, aber sofort. Weihnachten ist Saure-Gurken-Zeit für die Presse."

Was wollten wir? Die Militäranlagen der Nazis auf der Insel waren 1947 gesprengt worden, trotzdem wurde Helgoland als Übungsziel der Royal Air Force weiter bombardiert. Es verstieß gegen internationales Recht, dass man quasi im Frieden eine wenigstens rechtlich vorhandene Ortschaft systematisch verwüstete und die Bevölkerung nicht wieder in ihre Heimat zurückkehren ließ.

Unsere Forderungen: Schluss mit den Bombardierungen, Rückkehr für die Helgoländer, keine deutsche Wiederbewaffnung! Und mit der grünweißen Europaflagge, die wir ebenfalls hissen wollten, sollte zugleich ein Hoffnungszeichen gesetzt werden: Gleichberechtigung für Deutschland in einem vereinten Europa.

Also, Aufbruch an die Küste! In Hamburg begann die aufreibende Suche nach Flaggen und Sponsoren. Ein Apotheker spendierte die ersten 50 Mark, der "Zeit"-Redakteur Josef Müller-Marein legte 250 Mark dazu, "Stern"-Chefredakteur Henri Nannen war strikt dagegen: "Als alter Fahrensmann sage ich: Die gehen unter." Der für Helgoland zuständige Landrat in Pinneberg schimpfte sogar: "Ein Dummer-Jungen-Streich." Schließlich steuerten zwei Reporter von der "Frankfurter Abendpost" 150 Mark bei ­ und hatten sogar Lust mitzufahren, um anschließend zu berichten. Diese neuartige, friedliche Besetzung versprach sensationell zu werden. (Und Emil Dovifat, der Zeitungswissenschaftler, nannte sie damals "Publizistik der Tat", Einbeziehung der Medien in eine geplante Symbolaktion.)

In Cuxhaven charterten wir einen Kutter, unsere "Paula". Am 20. Dezember 1950, nachts um zwei Uhr, wollten wir zu viert starten. Aber das klappte nicht: Die Pressluft zum Anlassen des Motors fehlte. Und genau jetzt liefen in Frankfurt schon die Rotationsmaschinen an, um morgens um zehn zu melden: Studenten auf Helgoland gelandet. Aber da waren wir erst startklar! Wie sollte das noch gut gehen? Die Briten mussten ja Wind bekommen und vor uns dort sein.

Nun, es lief alles anders, und die Reporter konnten nach abenteuerlicher Rückfahrt und nächtlichem Autounfall ihrer Frankfurter Redaktion vom "gelungenen Handstreich" berichten.

Wir nun einsam auf Helgoland.

Nach durchfrorener Bunker-Nacht ­ jeder hatte nur eine Decke ­ machten wir uns auf zur Inselinspektion, fassungslos über das Ausmaß der Zerstörungen. Und liefen ahnungslos durch ein Minenfeld. In der zweiten Eisnacht hüllten wir uns zusätzlich in die Fahnentücher. Da lagen wir nun wie tote Helden auf dem Katafalk!

Als am dritten Tag nach einem dpa-Reporter noch zwei Kollegen von Associated Press landeten, gaben wir die Sache auf und fuhren mit zurück. In Cuxhaven tauchte bald ein Kripo-Mann auf: "Alle Achtung Jungs! Und jetzt muss ich Sie leider verhören."

Die Morgenblätter höhnten: Demonstranten wieder daheim im Bett! Aber wir wollten ja, nur besser ausgerüstet, wieder losfahren: am ersten Weihnachtstag mit der "Paula". Doch der Käpten streikte. Die Briten hatten gedroht, jedem das Patent zu entziehen, der uns zur Insel mitnähme. Ein Helgoländer aus Glückstadt war schließlich bereit, uns und zwei weitere Insulaner mit seinem Kutter hinüberzubringen. Nun kam die Sache richtig in Schwung. Die Weltpresse berichtete laufend, und immer mehr Sympathisanten stießen trotz Unwetters zu uns. Silvester feierten wir zu 25 mit loderndem Feuer auf dem Flakturm und stießen schon mal kräftig auf Helgolands Heimkehr an.

Am 3. Januar 1951 schließlich ging die erste deutsche gewaltfreie Besetzung der Nachkriegszeit zu Ende. Die "Royal Eileen", mit zwei britischen Offizieren und einem Dutzend deutscher Polizisten an Bord, kam diesmal wirklich, uns abzuholen. Nach langen Kapitulationsverhandlungen hieß es: "Wir weichen der Gewalt." Unser Ziel war ja eine friedliche Lösung: England sollte sein Gesicht wahren und die Insel freiwillig herausgeben können.

Am Ende schleppten deutschen Polizisten das Demonstrantengepäck zur "Royal Eileen". Inspektor Wilhelm Schmidt ließ sie auf der Pier vor der "tapferen Besatzung Helgolands" salutieren. Das Bild ging um die Welt. Wir dampften zurück nach Cuxhaven und wurden mit Jubel empfangen.

In London folgte ein mehrwöchiger Machtkampf um die Insel. Die Royal Air Force hielt zunächst an ihrem Bombenziel fest. Das Foreign Office argumentierte, die Insel sei gegen friedliche Invasoren nicht mehr zu halten, man fürchtete ein "Palästina im Kleinen". Es war also unsere Aktion mit dem dadurch erzeugten politischen Druck, die Luftmarschall John Slessor dazu zwang, "seine Niederlage einzugestehen", wie der Hohe Kommissar Ivone Kirkpatrick damals zufrieden notierte. Ende Februar 1951 entschied Premierminister Clement Attlee, die Insel binnen eines Jahres zurückzugeben.

So wurde Helgoland am 1. März 1952 wiedergeboren. Die Glocken an den Küstenorten läuteten. Der Wiederaufbau konnte beginnen.

RENÉ LEUDESDORFF