Schweizer Auswanderer in Brasilien Aus dem Alltag eines Pädophilen

Der Schweizer Rentner Hans G. wanderte nach Brasilien aus. Er nannte sich Jean Pierre, er verging sich an Frauen und Kindern. Die Taten dokumentierte er in seinen Tagebüchern. Dann wurde er ermordet.
Von Ruedi Leuthold
Brasilianisches Idyll: Touristen am Strand von Arraial d'Ajuda

Brasilianisches Idyll: Touristen am Strand von Arraial d'Ajuda

Foto: Corbis; [M] SPIEGEL ONLINE

Die Polizei von Arraial d'Ajuda im Süden von Bahia, Brasilien, stieß auf das Tagebuch von Hans G. zusammen mit dem Pass. Zuvor hatten die Beamten den nackten Körper des 70-jährigen Schweizers, schon im Stadium der Verwesung, im Badezimmer gefunden und ordentlich fotografiert. G. war mit sieben Messerstichen getötet worden, vier von hinten, dann musste er sich umgedreht haben, nochmals drei von vorne, jeder einzelne Stich war nicht heftig genug, um den Tod herbeizuführen, aber insgesamt reichten sie aus, um den Mann verbluten zu lassen.

Sehr wahrscheinlich war die Tat am Wochenende des 19./20.Juni 2010 verübt worden, aber die Haushälterin hatte ihn erst am darauffolgenden Donnerstag gefunden. Die Tür war nicht aufgebrochen, der Fernseher auf einen Pornokanal eingestellt. Ein Messer aus der Küche des Schweizers war die Tatwaffe, und aus all den Spuren schloss Staatsanwalt Rafael Zanini, der vor einiger Zeit aus dem bergigen Belo Horizonte an die sonnige Ferienküste gekommen war, dass Täter und Opfer sich gekannt haben mussten.

Arraial d'Ajuda ist ein schmuckes Städtchen mit kolonialer Vergangenheit; ganz in der Nähe setzten portugiesische Seefahrer ihre ersten Schritte auf das Land, das später Brasilien genannt wurde. Die Eroberer ließen eine Kirche und einige jesuitische Missionare zurück, bevor sie weiterzogen, um ihr legendäres Eldorado zu finden. Die Gegend lebte auf mit dem Kakao-Boom Ende des 19. Jahrhunderts, als aber ein Pilz den Ertrag schmälerte, wurde Arraial d'Ajuda wieder zu einem armen Fischerdorf mit ein paar Bauern in der Umgebung.

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Mit ihrem Gespür für schöne Strände und billige Übernachtungsmöglichkeiten entdeckten in den Sechzigerjahren die Hippies den Ort, der alsbald Aussteiger aus der ganzen Welt anzog und mit ihnen die Kinder reicher Brasilianer aus den Großstädten, die sich ein bisschen Abenteuer leisteten. Nicht ganz ohne Berechtigung nennt das lokale Tourismusbüro Arraial d'Ajuda heute "die Ecke der Welt". Arme und Reiche, Brasilianer und Ausländer fallen sich hier zwar nicht gerade in die Arme, aber unter der tropischen Sonne, getröstet von Palmen und Meer, unterscheiden sich ihre Träume vom süßen Glück vielleicht gar nicht besonders. Auch wenn jeder auf seine Art daraus erwacht.

Bücher mit schrecklichem Inhalt

Hans G. war 1990 vom bernischen Burgdorf nach Brasilien ausgewandert. Wenige Wochen danach hatte er begonnen, Tagebuch zu führen; jeden Tag eine Seite, beginnend meistens mit einem Eintrag über das Wetter, endend mit einer Auflistung der Ausgaben, die tagsüber angefallen waren. Dazwischen schrieb er, was er kochte, welche Medikamente er einnahm, wen er liebte und wen er hasste. Meistens war es so, dass er jemanden erst liebte und danach hasste. Aber Untersuchungsrichter Zanini konnte die Tagebücher - auf Deutsch geschrieben - nicht lesen. Deshalb fragte er Rodolfo Z. um Hilfe.

Rodolfo Z., gelernter Konditor, war als Vertreter großer Teigmaschinen in der ganzen Welt herumgekommen, bevor ihn der Zauber Bahias gefangen nahm. Zuerst hatte er es mit einer Kaffeefarm versucht, dann am Strand von Arraial eine Bar übernommen. Jetzt lebt er von der Altersvorsorge. Rodolfo war zusammen mit Hans in Burgdorf aufgewachsen. Um den Jugendfreund zu besuchen, war Hans G. nach Brasilien gekommen. Hier hatten sie sich zerstritten und lieber als sie zu lesen und zu übersetzen, hätte Rodolfo Z. die Bücher mit all ihrem schrecklichen Inhalt verbrannt. Als die Polizei kein Geld aufbringen konnte, um seine Arbeit zu bezahlen, stellte er die Lektüre schließlich ein.

Ich befand mich zufällig in Arraial d'Ajuda, als ich von dem Mord und der Existenz der Tagebücher hörte. Ich begann darin zu lesen, neugierig, etwas über einen Mann zu erfahren, der mit 50 Jahren eine Kaderposition in der pharmazeutischen Industrie aufgegeben hatte, um nach Brasilien auszuwandern. Jetzt weiß ich viel mehr über Hans G., der sich in Brasilien Jean Pierre nannte, als ich je wissen wollte - und ich glaube aufgrund seiner täglichen Aufzeichnungen auch zu wissen, wer ihn umgebracht hat. Nur erscheint das nicht mehr so wichtig, wenn man die knapp 7000 Seiten der 19 ledergebundenen Bände - 1992 fehlt - durchgelesen hat.

"Ich glaube kein Wort"

Als er starb, organisierten die Bewohner von Vale Verde, einem kleinen Dorf etwa dreißig Kilometer von der Küste entfernt, wohin sich der Mann in seinen letzten zehn Jahren zurückgezogen hatte, auf eigene Kosten das Begräbnis, kauften einen Sack Zement, um ihm auf dem Friedhof der Gemeinde ein würdiges Grab zu bereiten.

Der Friedhof ist verwildert, man ahnt die Armut, die ins Dorf gezogen ist; die jüngsten Gräber bestehen aus kaum mehr als Erdhaufen, und Hans G. muss froh sein um die holprige Zementplatte, die sein Grab bedeckt. Bibito, der Dorfbäcker, der mich zum Grab führt, hat - er wollte keinen falschen Namen auf das Grab schreiben - bloß das vermutliche Todesdatum in den Stein geritzt. Der Schweizer war hier für alle unter dem Namen Jean Pierre bekannt, aber Bibito wusste, dass die Stromrechnungen auf den Namen Hans ausgestellt worden waren, also wollte er vermeiden, dass wegen eines falschen Namens irgendwelche Scherereien im Dies- oder Jenseits entständen.

Raimunda, die Frau des Dorfbäckers, beginnt jetzt zu weinen. G. hatte dem Bäcker das Geld für einen neuen Backofen vorgeschossen, ohne dafür, wie sonst üblich, einen horrenden Zins zu verlangen, und an Weihnachten hatte er ihr ein Tagebuch geschenkt, eines von jener Sorte, die er auch für sich benützte und in die er jeden Tag schrieb, was ihn bewegte. "Wissen Sie", sagt Bibito, "man kann mir jetzt vieles erzählen, was da alles drinsteht, aber ich glaube kein Wort. Jean Pierre war für mich ein guter Mann, und das ist und bleibt in meinem Herzen eingeschrieben, und der Rest ist nicht wahr." Auch Vanderlei, ein Kleinbauer mit mehr Kindern als Milchkühen, der Hans G. Käse brachte und kleine Gartenarbeiten für ihn verrichtete, spricht von dem ermordeten Schweizer nur mit größter Dankbarkeit: "Der einzige Mensch in meinem Leben", sagt er, "der mir je Vertrauen entgegenbrachte."

Einmal saßen sie zusammen in der düsteren Dorfkneipe, als einer der Trinker den Schweizer als schwule Sau bezeichnete. Der schoss sofort zurück: "Nur weil ich deine Frau nicht gevögelt habe, hältst du mich für schwul?", und fortan schien Vanderlei klar, dass ein solcher Mann unmöglich einer Verirrung verdächtigt werden konnte, die allem widersprach, was er als natürlich und gottgegeben erachtet. Alle Gerüchte, die hin und wieder im Dorf herumgingen, bezeichnete er daraufhin als dummes Geschwätz.

Ein Dorf abseits aller Autoritäten

In der Woche bevor sein Patron starb, gab Hans G. seinem Gehilfen Vanderlei den Auftrag, in der nahegelegenen Stadt Eunapolis sechs Flaschen Whiskey zu kaufen. Ein Bekannter lieferte die Bestellung am Samstag ab. Am Montag aber, drei Tage bevor die Leiche gefunden und der Mord publik wurde, waren dieselben Flaschen bereits im Dorf wiederverkauft worden. Untersuchungsrichter Zanini gelang es, eine der Flaschen zu beschlagnahmen, die vermutlich von dem oder den Mördern aus dem Haus gestohlen worden waren. Er schickte sie zur Untersuchung der Fingerabdrücke in die Bundeshauptstadt Salvador - nach knapp einem Jahr hat er die Auswertung noch immer nicht bekommen; es gibt laut seiner Auskunft im ganzen Bundesstaat Bahia nur ein einziges daktyloskopisches Institut. Und 10.145 ungeklärte Morde zwischen 1990 und 2007.

Arraial d'Ajuda liegt 729 Kilometer südlich von Salvador, 1555 Kilometer von der Hauptstadt Brasilia entfernt und 1132 Kilometer von Rio de Janeiro. Diese Distanz zu den Autoritäten des Landes trug, nebst einer Temperatur, die kaum je unter 25 Grad sinkt, zum angenehmen Klima bei, das die Blumenkinder aus verschiedensten Ländern einst zum Bleiben einlud. Hier konnten sie ungestört kiffen und sich mit ein paar geschickten Schmuggelaktionen sogar ein kleines Grundstück leisten. Zu jenen, die aus der Schweiz in diese charmante Ecke der Welt kamen, gehören auch einige Alt-Hippies. Eva, Gärtnerin aus dem Kanton Solothurn, war schon in Indien, bevor sie mit ihrem Freund nach Brasilien kam. Eines Tages kehrte er nicht mehr vom Fischen zurück, erst Wochen später wurde sein leeres Boot angeschwemmt. Eva schwor den Drogen ab. Jetzt führt sie eine kleine Bar, wo sie Rösti anbietet und die Bratwürste, die Landsmann Kurt, gelernter Mechaniker, mit einer Wurstmaschine, die ihm sein Vater ins Land geschmuggelt hat, jeden Donnerstag abfüllt - mit so viel Wasser verlängert, dass man damit, wie Kenner behaupten, neben dem Hunger auch gleich den Durst löschen kann.

Eine Zeitlang, nach dem Tod ihres Freundes, als sie kein Geld mehr besaß und zu stolz war, um in die Schweiz zurückzukehren, war sie froh, bei G. hin und wieder als Putzfrau arbeiten zu können. "Jean Pierre war ein guter Mann", ist sie überzeugt, "jedes Mal, wenn ich kam, hat er mir Kartoffelstock gekocht. Weil er wusste, dass ich das so sehr mag." Auch die andern Schweizer, zu denen einige Pensionäre zählen, ahnten nichts davon, dass G. ein Doppelleben führte. Sie kannten ihn als etwas menschenscheuen, aber angenehmen Genießer. Der Mann war politisch interessiert (eher links), und gerne versorgte der gelernte Drogist die Gemeinde mit medizinischem Rat.

Klebrige Aufmerksamkeit, onkelhafte Zuneigung

Nur Dora Grimm, die zusammen mit ihrem Mann Peter nach Arraial gekommen war, und jetzt, da sich das Leben als Selbstversorgerin als zu schwierig herausstellte, ein kleines Hotel führt, ging ihm wenn möglich aus dem Weg. Sie empfand G.s Aufmerksamkeit als klebrig und mochte seine onkelhafte Zuneigung nicht. G., aufmerksam wie nur einer, der viel zu verbergen hat, musste die Abneigung bemerkt haben. Am 27.9.98 schrieb er in sein Tagebuch: "Traf Dorli am Strand, emotionsloses Frustpäckli." Auch zu seinem Jugendfreund Rodolfo Z. war das Verhältnis angespannt und von Abneigung geprägt. "Er saß da, aß, trank, furzte und ging." Aber in die Brüche ging die Freundschaft erst, als Hans G. gestand, dass er in Brasilien auch an Männern Freude gefunden hatte.

Für Rodolfo kam das Geständnis einem Verrat gleich, waren sie beide doch in ihrem Heimatstädtchen berühmt gewesen als "Player", wie das in den Sechzigerjahren hieß. Männer eben, die auf Frauen und schnelle Autos standen, genau die Vorlieben, welche die Lebensgeister des 73-jährigen Rodolfo im Süden Bahias bis heute beflügeln, nicht ganz ohne Mithilfe von ein bisschen Chemie.

1991 kam G. in Rio de Janeiro an, "700 Jahre Schweiz sind genug", notierte er und hielt sich, wie aus seinen Aufzeichnungen hervorgeht, zuerst an die Angebote, die in den lokalen Zeitungen standen, "Patricia, linda morena, 18", am 16. März, "Vanessa, Kätzchen, 1,55 m" am 18. März, Taina, Gisele und Ana Maira am 22. März. Rasch machte er es sich zur Gewohnheit, seine Gespielinnen zu benoten. "Marcia, nette Anfängerin", "Andreia, nette Stimme, eher träge. Kein Hit", "Grace, für die Füchse, habe sie nach dem Vorspiel nach Hause geschickt. Mit Geld für Taxi", "Christine. Kann nicht zuhören. Ist nur auf ihr eigenes Schicksal fixiert", "Ilmara. Schnarcht wie ein Nilpferd. Habe ganze Nacht kein Auge zugemacht".

"Es hat mich wirklich erwischt…das Nympheli"

Aber was mochte ihn im reifen Alter dazu getrieben haben, jeden Tag Aufzeichnungen über sein Leben festzuhalten? Und auch er entdeckte gleichgeschlechtlichen Sex. Am 25.Juli 2004, nach der Nacht mit einem jugendlichen Liebhaber, schrieb G.: "'Heute singe ich so ein Tag, nein, ich schreie es und sage mir 'Was sind die Alten blöde, können nur noch davon träumen, ohne es erlebt zu haben'. Das wird man von mir einmal nicht sagen können!" Vielleicht ist das die Antwort. G. hatte alle Kontakte in die alte Heimat abgebrochen. An seine eigene Familie erinnerte er sich mit Hass und Verachtung. Seine Freunde in Arraial kannten ihn als etwas scheuen Kumpel, der gut kochte, Geschichten zum Besten gab. Aber sein Ehrgeiz war größer. Er wollte eine Spur hinterlassen, er schrieb Tagebuch, damit man einmal sagen könnte, welch tolles Leben er geführt habe im fernen Brasilien. Hans G. wurde zu seinem eigenen kaltschnäuzigen Sextourismus-Chronisten.

"19. August 1995 - Vor dem Tor treffe ich auf Toninha - sie hat etwas Scheues, Zerbrechliches. Schlage vor, dass sie bei mir zur Probe wohnen kann, aber den Pavian (ihr Kind) nie bei mir allein läßt."

"21. August 1995 - Wieder Toninha getroffen. Sie fragt mich direkt, ob ich Hintergedanken habe. Meine Antwort: Nein…aber die Zeit wird über alles entscheiden. Klar bin ich spitz auf dieses zarte Persönchen - knapp über 40 kg und sicher jünger als 18 - da lohnt es sich schon, den Gentleman zu spielen."

"27. August 1995 - Mein Indianerli kommt zum Poulet-Frites. Sie möchte bei mir arbeiten. Bin einverstanden, werde auch die Krankenkasse übernehmen …verdammi, es hat mich wirklich erwischt…das Nympheli."

"28. August 1995 - Das Indianerli zieht ein. Der Pavian geht sofort schlafen. Mache ihr eine Ganzkörpermassage, welch zartes Persönchen. Unterlasse es, erogene Zonen zu berühren, aber der Effekt ist da - völlig gelöst hätte ich von ihr viel mehr verlangen können, aber Sex hat und braucht Zeit."

"29. August 1995 - Der Herr speist auf der Veranda, das Indianerli im Garten. Pavian und Hundeli schauen zu - eine Idylle - fühle mich absolut frei und wohl. Soeben…die Emotionen lösen mir einen Herpes genitales aus, Scheiße. Sofort Zovirax im Initialstadium. Dann die große Überraschung. Bambi massiert mich wie ein Profi, herrlich, auch sie ist zu allem bereit…ich kann aber nicht."

"31. August 1995 - Seit 13 verdient sie für die ganze Familie und macht zusätzlich die Hausarbeit für sieben Personen…und dann seit dem Pavian…noch schlimmer. Sie sagt mir, wie unglaublich dankbar sie sei über mein Zusammenleben mit ihr. Ich: Bitte bleibe das Bambi, das du jetzt bist - dann bleiben wir zusammen!"

"2. September 1995 - Hab mich gut auf die Nacht vorbereitet…ich will, und schon stand er wie eine Eins. Der Bann ist gebrochen. Sie muss noch viel lernen, auch wie man einen Mann befriedigt - hat vermutlich null Erfahrung darin."

"14. September 1995 - Mache Bambi darauf aufmerksam, dass ich will, dass Pavian um 20 Uhr im Bett ist und Ruhe gibt."

"16. September 1995 - Bambi macht mich glücklich. Ich will einfach nicht, dass sie in die Armut zurückkehrt. Es kommt mir einfach aus dem Mund, dass ich ihr einen Heiratsantrag mache…Es trifft sie wie der Blitz…bin etwas übereilt und bekomme weder ein Ja noch ein Nein."

"25. September 1995 - ... Die schüchterne Anfrage, ob sie ihren Vater zum Essen einladen dürfe, beantworte ich wie folgt: Der Vater erkundigt sich nicht nach deinem Befinden. Du bist jetzt auf einem anderen Niveau als dieser Macho. Er soll den Wunsch äußern. Keine Einladung von der Tochter… Klar, dass sie bei dem armen Teufel etwas angeben will. Dass die Brüder draußen bleiben, ist klar (außer Schwester, 12 J.)"

"27. September 1995 - Bin etwas enttäuscht. Bambi hat nichts gemacht. Wäsche nicht an der Leine, kein Fruchtsaft. Sauer mache ich sie darauf aufmerksam, dass sie in ein Loch gefallen sei - null Bock auf das Minimalste, und dass ich ihr eine Leiter geben werde, um daraus wieder rauszukommen. Sie begreift."

"29. September 1995 - Bambi ist irgendwie muderig, wenn nicht sogar etwas traurig. Sie hat einfach ihre Unbeschwertheit und ihren Arbeitswillen verloren. Der Kopf ist irgendwo anders. Hängt nicht mal die Wäsche auf. Jedenfalls mache ich ihr vor, wie man arbeitet. Sagt Kopfweh und macht mich sauer, indem sie meine Worte im Mund verdreht. Kein Disput, aber verdammi unangenehme Situation."

"7. Oktober 1995 - Sie war heute wieder eine absolute Schlampe. Am Nachm. war die Schwester gekommen, um für Papi Geld zu pumpen. Anscheinend Medikamente. 3x Nein!! Verdammi."

"20. Oktober 1995 - Habe das Bambi gestern einfach ignoriert. Sie wollte wissen, was mit mir los ist. Will keine Diskussion darüber, bin einfach müde, dich zu korrigieren, resp. zur Arbeit anzuhalten. Hoppla, sie hat begriffen, das Luder…Später meldet eine leicht saure Bambi, dass alles sauber sei. Ja, so hab ich's gerne…Das Bambi ist zärtlich wie noch nie und schnurrt wie eine Katze."

Kurze Zeit später beendet G. das Verhältnis. Er zahlt 100 Real "Abfindung", damit die Familie ihn in Ruhe lässt. Dann gab sich Hans G. wieder einer "satten Zufriedenheit" hin. Das war sein Lieblingssatz in Brasilien. Am Arbeitsplatz in der Schweiz war so etwas verpönt. Etwas, das "man jedem Mitarbeiter austreiben musste - so lautete die Devise - und ich habe sie und bin damit unsäglich glücklich".

Sandwich gegen "Go-la-la"

G. war gesundheitlich angeschlagen, als er die Schweiz verließ. Nach einem Herzinfarkt hatte er sich die Pensionskasse auszahlen lassen und war ausgewandert ("Aussteigen", schrieb er, "bevor das Herz aussteigt."). Noch lange träumte er vom Stress und vom Druck, dem er in seiner Firma ausgesetzt war. An Amtsstellen zu Hause, die noch Steuern von ihm forderten, schrieb er Postkarten: "In der Schweiz wurde ich gelebt. Hier lebe ich." Er hatte für seine Art zu leben sogar ein Wort parat: "Go-la-la." Gehen lassen. Er hatte sich ein Haus gekauft mit Swimmingpool, sein Gewicht schwankte zwischen 84 und 100 Kilo, die Haare hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er bot Arbeit, ein Bad oder auch nur ein Sandwich und fand so immer wieder jemanden zum "Go-la-la". Die Mädchen, die er sich in den Armenvierteln suchte, wurden immer jünger. Anfänglich lud er sie nur zum Essen ein. Fernanda, 13, etwa bekam "Siedfleisch-Kartoffeln und Schnittlauch-Mayonnaise". Danach schickte er die minderjährigen Mädchen wieder weg. "Ich will nicht wegen dieser Ratten in den Knast", notierte er am 1. Dezember 1998.

Zwischendurch kochte er für seine Schweizer Freunde und ärgerte sich, wenn ein "Stäubli Mehl" fehlte auf dem Kotelett. Er machte seine Spaziergänge ins Dorf, kehrte in den Kneipen der Brasilianer ein, war spendabel, solange er Geld hatte. "Ich fühle mich wohl bei ihnen. Glaube auch, dass sie mich akzeptieren. Ich kenne keinen Gringo, der einen solch natürlichen Kontakt mit den Einheimischen hat wie ich. Ein wenig stolz!!!"

Jedes Jahr am 13. Februar feierte er mit einer Flasche Champagner die Scheidung von seiner Ex-Frau, 2009 zum vierzigsten Mal. Einmal hatte eine Freundin in der Schweiz, seine große Liebe, ein Kind von ihm erwartet, aber sie hatte Angst und ließ es abtreiben. "12. Oktober 2004. Ein Cüpli zur Feier des Tages, keinen Lümmel gezeugt zu haben."

Es gab eine Frau, mit der er ein normales Verhältnis zu haben schien, Lisete, seine Haushälterin. Ihr vermachte er, nachdem sie fünf Jahre bei ihm gearbeitet hatte, sein Haus. 14. Juni 2007: "Weihe Lisete ein, dass Testament da sei. Möchte wissen, was in ihr vorgeht. Glaub, sie möchte sich für mich ins Bett legen. Das ist im Testament nicht inbegriffen."

Seiner Haushälterin vertraute er auch das Trauma seines Lebens an: Seine Mutter habe immer den älteren Bruder bevorzugt. Im Tagebuch ist der Tod der Mutter gerade zwei Worte wert: "Mutter gestorben." Der verhasste Bruder erhielt, als die Nachricht von seinem Hinscheiden kam, folgenden Nachruf: "Es gibt noch eine Gerechtigkeit auf dieser verschissenen Welt."

"Ich bin deine Familie"

Er sei, erzählte er Lisete, mehrheitlich von einer Tante erzogen worden. Und ihr, der Haushälterin, klagte er auch, es gäbe auf der ganze Welt niemanden, der ihn beweinen werde, wenn er einmal sterben sollte; er habe keine Familie mehr. Ich, antwortete seine Haushälterin, ich werde weinen, ich bin deine Familie. Ich weiß, antwortete er und umarmte sie. Lisete hat zwei Kinder, und ihr Sohn, siebenjährig, durfte manchmal, wenn sie samstags dort arbeitete, das Wochenende beim "Patron" verbringen, der jedes Mal auch liebevoll kochte, wenn sie bei ihm putzte.

Für Staatsanwalt Rafael Zanini war Lisete die Hauptverdächtige für den Mord am Schweizer. Denn wenige Monate zuvor hatte er gedroht, so steht es im Tagebuch, die Haushälterin wieder zu enterben, weil sie weiterhin im Kontakt stand mit ihrem Ex-Mann, von dem G. wusste, dass er die Kinder schlug. Aber die Frau hatte ein Alibi für die fragliche Zeit, und Zanini ließ sich nach einem kurzen Verhör von ihrer Unschuld überzeugen.

April 2011, zehn Monate nach dem Mord an Hans G., der weiterhin ungeklärt ist. Lisete hat das geerbte Haus vermietet, sie hat ein kleines Backsteinhäuschen gebaut an einer staubigen Straße im Landesinnern, ganz in der Nähe einer ihrer Schwestern, die verheiratet ist und auf ihre beiden Kinder aufpassen kann, während sie weiterhin die Häuser von reichen Ausländern putzt. Die Fahrt in Richtung Trancoso führt durch eine wundervolle Natur; grüne Viehweiden, in der Ferne die Klippen des Meeres, zwischen die reiche Investoren einen der schönsten Golfplätze Lateinamerikas gesetzt haben. Irgendwann zweigt eine Landstraße ab in eine weit verstreute Siedlung mit den kleinen eingeschossigen, häufig erst aus rohem Backstein bestehenden Häuschen, die sich die Leute aus dem Landesinnern gebaut haben, um im Touristengewerbe eine Arbeit zu finden. Es gibt hier mehr Pferde und Motorräder als Autos.

"Hat man die Mörder endlich gefunden?"

Auf dem Nebensitz meines Mietwagens liegt das Tagebuch von Hans G., 2008, rotes Leder, 6. März. "Heiß. Lisete ist mit beiden Kids da. Meine Rindszunge ist superzart, sogar nach drei Stunden. Marisa ist brandgefährlich." G. nähert sich an diesem Tag der Tochter seiner Haushälterin. Marisa war damals acht Jahre alt. Ein Jahr später läßt Lisete Leandro bei G. übernachten, "1. Mai2009. - L. kann mit meinem Handy spielen gegen etwas anderes. Sehr schön!" Leandro war sieben.

Zwei Jahre nach seiner Ankunft in Brasilien, 1993, machte G. seine erste Erfahrung mit einem Jungen und, wie immer in seinen Schilderungen, ging der Anstoß nicht von ihm aus, sondern vom Kind; nie fühlte er sich als Verbrecher, immer als Wohltäter. G. lud die Buben ein, bei ihm zu arbeiten, er ließ sie bei sich duschen, manchen zeigte er Pornohefte. Alles im Tausch gegen sexuelle Handlungen, die er ohne jedes Schuldbewußtsein in allen Details in seinen Tagebüchern festhielt.

Ein Besuch bei Lisete. Die Kinder spielen draußen, die ehemalige Haushälterin räumt ein paar Sachen weg, bittet, sich zu setzen. Eine kleine Frau, etwas über 30. Sie spricht gerne über Hans G., der hier in Brasilien zu Jean Pierre geworden war. "Der einzige Mensch in meinem Leben, der mir eine Hand gereicht hat, als es mir schlecht ging", sagt sie. "Hat man die Mörder endlich gefunden?", möchte sie wissen. Sie erzählt, wie die Polizei sie selber verdächtigt habe, den Schweizer umgebracht zu haben. Aber das sei ganz undenkbar, wie könnte sie einem Menschen etwas antun, der wie ein Vater zu ihr gewesen sei.

Ob sie gewusst habe, frage ich, dass G. pädophil war? Es habe Gerüchte gegeben, nach seinem Tod, aber sie selber habe nie etwas gesehen und schenke solch bösartigem Geschwätz keinen Glauben. Ihre Schwestern kommen aus der Kirche zurück. Eine arbeitet bei der Polizei, und sie sagt, das sei die Masche der Pädophilen, dass sie sich freundlich geben und einschmeicheln bei den Leuten, um besser an die Kinder heranzukommen. Lisete will wissen, was im Tagebuch über ihre Kinder steht. Ich lese. Dann sinkt sie in ihrem Stuhl zusammen, auf einen Schlag ohne Kraft und Hoffnung. Die Schwestern kümmern sich um sie.

"Antonio immer noch verliebt in mich"

Einen Teil seines Geldes hatte G. bei einem Wucherer angelegt, der höhere Zinsen bezahlte als die Bank. Eines Tages war der Mann samt Geld verschwunden, und G. musste gehörig sparen. In dieser Zeit rechnete er, für den die Schweiz ein "Gefängnis" war, in das er nie zurückkehren wollte, fast täglich aus, wie viel Geld er von der AHV, der Alters- und Hinterlassenenvorsorge, der Rentenversicherung der Schweiz, erhalten würde - 1590 Franken, und in sein Tagebuch klebte er das Foto des Politikers Hanspeter Tschudi, "Vater der AHV". Als die Rente dann kam, Monat für Monat, lebte er in dem armen Dorf wie der Kaiser in Rom. Obwohl er es auch mit Viagra versuchte, fühlte er sich dem weiblichen Geschlecht gegenüber immer unsicherer und gehemmter; im Alter zog er Buben vor. Und einmal passierte es ihm, dass er sich verliebte. Antonio war ein Teenager aus dem Dorf. Am 23. Dezember 2002 schrieb G.: "Bin so richtig happy. Darf das gestrige Erlebnis nicht allzu ernst nehmen und muss kühlen Kopf bewahren. Ich hab schon Horror vor über 30-jährigen Frauen, und der vernascht einen um 47 Jahre Älteren. Es gibt Gehacktes heute mit Salat."

Zwei Jahre später wird der Junge "leider so langsam Mann" und G. wendet sich seinem Bruder Lua zu. Am 23. Januar 2008 notierte er: "Antonio immer noch verliebt in mich. Er weiß aber, dass ich nun seinen Bruder bevorzuge."

Das Dörfchen Vale Verde, von den Jesuiten gegründet, um die Indianer zu bekehren, 30 Kilometer von der Küste entfernt im Innern des Landes, hat seinen kolonialen Charme vollständig erhalten. Ein grüner, mit alten Bäumen bewachsener Platz liegt vor der Kirche, gesäumt von den niedrigen Häusern der Bewohner. Wenige Meter vom Platz entfernt hatte sich G. ein Haus gekauft mit einer schönen Aussicht über das Tal des Rio Buranhem; hier verbrachte er die zehn letzten Jahre seines Lebens.

Der Pfarrer der Kirche wurde, wenige Monate bevor G. umgebracht wurde, der Pädophilie angeklagt und musste das Dorf fluchtartig verlassen. G. traute sich danach kaum noch, sich auf der Straße zu zeigen. "Fühle mich von überall beobachtet", schrieb er in sein Tagebuch. 1500 Einwohner hat Vale Verde, und das sind genügend, um auch ein richtiges Fußballfeld zu unterhalten. An dessen Rand steht eine Bar mit einem Billardtisch, und dort, hatte man mir gesagt, sei Antonio zu finden. G. hat Bilder von ihm in sein Tagebuch geheftet, und so ist er leicht zu erkennen: ein hübscher Junge, 20 ist er mittlerweile, als er zum ersten Mal zu Hans G. ging, war er zwölf.

Auch er wurde verdächtigt, den Schweizer umgebracht zu haben, und als er hörte, dass man ihn sucht, hatte er sich freiwillig auf der Wache gemeldet; am fraglichen Wochenende war er gar nicht vor Ort gewesen. Als Staatsanwalt Zanini alles überprüft hatte, ließ er ihn wieder gehen. Es ist eine seltsame Situation für einen Journalisten, schon alles zu wissen, was man jemanden fragen könnte, und viel mehr zu wissen, als man sich wünschte. "Wenn du Jean Pierre noch etwas sagen könntest, wenn du dem Schweizer noch einen einzigen Satz ins Grab nachrufen könntest, was würdest du ihm sagen? "Danke", antwortet Antonio, "ich würde Danke sagen, Danke für alles."

"Jemand ist eingebrochen"

Gleich neben G.s Haus, nur hundert Meter entfernt, befindet sich die Schule von Vale Verde, und hier fiel es ihm leicht, neue Jungen zu finden. Er lud sie zum Fernsehen ein, er versorgte sie mit Sandwiches, später ließ er sie Pornofilme sehen - und benotete kaltschnäuzig ihr sexuelles Engagement. Rasch merkte er, wer für mehr empfänglich war, und meistens waren es Kinder aus armen, zerrütteten Familien, die Mutter immer bei der Arbeit, der Vater ein Säufer.

Doch die Jungs wurden älter und begannen, sich das spezielle Verhältnis zu G. zunutze zu machen.

"16. April 2009 - Jemand ist eingebrochen und Türe eingetreten mit Schuhen. Es fehlen 10 Liter Wein, die neue Strahlenlampe, 5 Champ-Cüpligläser inklusive die offene Flasche aus dem Kühlschrank. Als ich das Fehlen der Lampe konstatiere, weiß ich, dass es Bruno war."

Seine Haushälterin Lisete riet ihm dringend, zur Polizei zu gehen. Heute weiß auch sie, wieso er um keinen Preis eine Anzeige machen wollte. Die Jungen hätten ihn wegen viel Schlimmerem angezeigt. So kamen sie zurück, erpressten Geld von ihm. Wenige Tage vor seinem Tod wurde sein Torschlüssel gestohlen. Er sah die Verdächtigen vor dem Haus, schrieb in das Tagebuch: "Bruno und Co. machen mich wütend, fliehen mit dem Velo." Die Jungs, die er im Alter von zwölf Jahren in sein Haus geholt hatte, waren jetzt 15- und 16-jährig, ohne Arbeit, einige verkauften Drogen im Dorf. Das erfährt man, wenn man sich ein bisschen herumhört. Und am Abend des 19. Juni 2010, seinem mutmaßlichen Todestag, hätten sie sich in der Bar beim Fußballplatz getroffen und beschlossen, dem Schweizer einen Besuch abzustatten. Und man erfährt auch, dass die Jungs mit Waffen umzugehen wissen, und dass es niemanden gäbe in Vale Verde, der so eine Aussage bei der Polizei wiederholen würde.

So erzähle ich dem Staatsanwalt Rafael Zanini auch nichts vom ganzen Gerede, übersetze bloß, was G. geschrieben hat über seine Erpresser. Fast ein Jahr nach dem Mord schickt der Staatsanwalt noch einmal seine Polizisten los, lädt die Jungs zum Verhör. "Sie waren dort", erklärt er danach, "aber bloß, um etwas Porno zu schauen. Mehr haben sie nicht gestanden. Und", fügt er hinzu, "foltern kann ich sie ja auch nicht." Ist nicht nötig, sage ich, und Staatsanwalt Rafael Zanini klappt die Akte G. zu.

In einem Interview auf Reportagen.com  äußert sich Ruedi Leuthold zu den Hintergründen seiner Recherchen. Der Text erschien erstmals im Jahr 2012 in "Reportagen" , Ausgabe 5.

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