Tankerunglück Die Zeitbombe auf dem Meeresgrund tickt

Ob die Öltanks der versunkenen "Prestige" dem Wasserdruck standhalten, weiß derzeit niemand. Bersten die Kammern, werden weite Teile der iberischen Atlantikküste auf Jahre hinaus verseucht. Spanische Einsatzkräfte versuchen verzweifelt, die Strände zu schützen. Auch deutsche Spezialschiffe stehen bereit.




Ölverschmutzter Strand bei Caion: Spanien und Portugal hatten untersagt, dass die leckgeschlagene "Prestige" in einen Hafen gebracht wurde
REUTERS

Ölverschmutzter Strand bei Caion: Spanien und Portugal hatten untersagt, dass die leckgeschlagene "Prestige" in einen Hafen gebracht wurde

La Coruña - Hilfskräfte sollen an der Küste Galiciens im Nordwesten des Landes weitere zehn Kilometer Öl-Barrieren ausbreiten, sagte Vizepremier Mariano Rajoy. Zudem will die Regierung die betroffene Gegend zum Notstandsgebiet erklären. Dies schaffe die rechtliche Voraussetzung, um weitere staatliche Hilfen und Steuererleichterungen für die geschädigten Fischer zu bewilligen. Einstimmig beschloss auch das Parlament am Abend, ein Krisenpaket vorzubereiten.


Der Bug der "Prestige": Kurze Zeit später war er unter der Wasseroberfläche verschwunden Bug und Heck des 26 Jahre alten Tankers, der am Dienstagvormittag auseinander gebrochen war, trieben noch einige Stunden an der Meeresoberfläche, bevor sie versanken An der Nordwestküste Spaniens sind rund 200 Kilometer Strand verschmutzt. Vor allem Fischer sorgen sich nun um ihr Auskommen

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Schätzungen zufolge hat die "Prestige" bei ihrem sechstägigen Todeskampf rund 270 Kilometer vor der Küste fast 10.000 Tonnen giftiges Schweröl verloren. Der Ölteppich hat sich inzwischen auf einer Fläche von 30 mal 280 Kilometern ausgebreitet. Würde der Ölteppich eine rechteckige Fläche dieser Größe bedecken, wäre das verschmutzte Meeresgebiet bereits 8400 Quadratkilometer groß - das entspricht mehr als dem Zehnfachen der Ausdehndung der Hansestadt Hamburg (755 Quadratkilometer) und mehr als dem Dreifachen der Saarlandes (2570 Quadratkilometer).


Der Tanker war in der vergangenen Woche in einen Sturm geraten und leckgeschlagen Im Gegensatz zu modernen Tankern hatte die "Prestige" keine doppelte Bordwand Das Schiff hatte 77.000 Tonnen Schweröl geladen. In den Kammern sollen sich noch rund 65.000 Tonnen befinden

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Sollten auch die restlichen der noch rund 65.000 Tonnen Öl an Bord austreten, droht der Atlantikküste Spaniens die gewaltigste Umweltkatastrophe seit Jahrzehnten. Es wäre doppelt so viel Öl wie 1989 bei der Katastrophe der "Exxon Valdez" vor Alaska mit mehr als 250.000 getöteten Seevögeln. Sollte sich der Wind drehen, droht bei gleichbleibender Strömung auch der Nordküste Portugals eine verheerende Ölpest.


Ob die Öltanks dem Wasserdruck stand halten, ist ungewiss. Experten hoffen, dass das Öl durch die niedrigen Meerestemperatur verklumpt Um die Küste vor einer gigantischen Ölpest zu bewahren, haben die Einsatzkräfte um das gesunkene Schiff schwimmende Sperren ausgelegt Der Leiter des Meeresschutzprogramms von Greenpeace in Spanien, Maria José Caballero, spricht von einer "Zeitbombe auf dem Meeresgrund"

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Die spanischen Behörden rechnen jedoch damit, dass das Öl wegen der niedrigen Temperaturen in fast 4000 Metern Tiefe sich verfestigen und auf dem Meeresgrund bleiben wird. Experten warnen allerdings, dass Öl an die Oberfläche gelangen könnte, sollten die Tanks bersten, ehe sich dieses verfestigt habe. Umweltschützer sprechen von einer Zeitbombe im Atlantik. Langfristig sei es unvermeidbar, dass die Ladung Giftstoffe freisetze.

Nach Einschätzung der Naturschützer hätte die Katastrophe verhindert werden können, wenn Spanien das Abpumpen des Öls in einem seiner Häfen erlaubt hätte. Zudem sei der Tanker vermutlich deshalb auseinander gebrochen und gesunken, weil er dem tagelangen Schleppmanöver nicht habe Stand halten können.

Vizepremier Rajoy verteidigte dagegen das Vorgehen der Regierung. Dank der Entscheidung, die "Prestige" so weit wie möglich aufs offene Meer zu bringen, sei das Unglück glimpflich ausgegangen. "Andernfalls stünden wir vor einer noch größeren Katastrophe."

Spanien will zudem mehrere Länder für die Ölpest zur Verantwortung ziehen. Verkehrsminister Francisco Alvarez-Cascos sagte, die Regierung prüfe rechtliche Schritte gegen Großbritannien, da der Tanker auf dem Weg in die britische Kolonie Gibraltar gewesen sei, und gegen Griechenland, wo die Reederei sitzt. Auch wolle man gegen Lettland vorgehen, wo das Schiff beladen worden sei, sowie gegen die Bahamas, unter deren Flagge es fuhr. Die "Prestige" war 26 Jahre alt und verfügte im Gegensatz zu modernen Tankern über keine doppelte Bordwand.




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