Tankerunglück Ölpest bedroht auch Frankreichs Küste

Nach dem Untergang des havarierten Tankers vor der iberischen Küste sollen an der Unglücksstelle neue große Ölteppiche aufgetaucht sein. Möglicherweise sind sie ausgetreten, als das Wrack auf dem Meeresboden aufschlug. Nun soll ein U-Boot zur "Prestige" tauchen, um ihren Zustand zu untersuchen.




Helfer am Strand bei Muxia: Mindestens 20.000 Tonnen Schweröl sollen ausgelaufen sein
AFP

Helfer am Strand bei Muxia: Mindestens 20.000 Tonnen Schweröl sollen ausgelaufen sein

La Coruña - Das Ausmaß der von der havarierten "Prestige" verursachten Ölpest vor der Nordwestküste der iberischen Halbinsel ist größer als befürchtet. Die spanische Tageszeitung "El País" meldet am Freitag unter Berufung auf das Krisenkabinett in La Coruña, dass mindestens 20.000 Tonnen Schweröl aus dem gesunkenen Tanker ausgetreten sein sollen - gut doppelt so viel wie bislang offiziell angegeben. Zudem sei das ausgetretene Schweröl weit giftiger als zunächst bekannt war. Der Schwefelanteil soll bei 2,58 Prozent statt des in Europa üblichen Gehalts von einem Prozent liegen.

Die Küste im Nordwesten Spaniens sei bereits auf einer Länge von 400 Kilometern verseucht, teilte der spanische Vizepremier Mariano Rajoy am Freitag mit. Neben der Küste Portugals und Spaniens sind inzwischen auch die Gewässer Frankreichs bedroht. Die Gefahr einer Ausdehnung auf die französische Atlantik-Küste sei "sehr groß und die Regierung auf das Schlimmste gefasst", hieß es im Pariser Umweltministerium.

Die portugiesische Marine meldet nun, nahe der Untergangsstelle sei erstmals wieder neues Öl gesichtet worden. Es stamme vermutlich aus dem Bug der "Prestige" und sei ausgetreten, als der Havarist in fast 4000 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund aufschlug, sagte der Leiter des Hydrologischen Instituts in Lissabon, Augusto Ezequiel. Die spanischen Behörden erklärten dagegen, die Ölteppiche hätten sich gebildet, bevor das Schiff sank. Ein U-Boot soll nun vor Ort den Zustand des Wracks überprüfen.

Ein Sturm hat in der Nacht zum Freitag einen weiteren Ölteppich an die Nordwest-Küste Spaniens getrieben. Die Behörden von La Coruña teilten mit, dass er sich nur noch gut 500 Meter vor der Hafenstadt befinde. Unklar war jedoch, ob das Öl wirklich aus der "Prestige" stammt: Eine andere Färbung ließ Fachleute vermuten, dass möglicherweise andere Tanker die Ölpest genutzt hätten, um Abfallstoffe abzulassen oder ihre Tanks im Meer zu reinigen.

Internationale Hilfe erwartet

Das Satellitenbild vom 20.11. zeigt die Ölverschmutzung, re. im Bild die Küste Galiciens
DPA

Das Satellitenbild vom 20.11. zeigt die Ölverschmutzung, re. im Bild die Küste Galiciens

Neben Frankreich, Großbritannien und Norwegen wird sich auch Deutschland am Kampf gegen das Öl beteiligen. Am Donnerstagabend lief das deutsche Spezialschiff "Neuwerk" von Cuxhafen aus in Richtung Spanien aus. Es führt Spezialgerät, das Öl auf hoher See absaugen kann. Die "Neuwerk" soll in vier bis fünf Tagen ihr Zielgebiet erreichen, der Einsatz dürfte nach ersten Schätzungen drei bis vier Wochen dauern.

Falls es die Wetterbedingungen in Galicien zulassen, soll der Kampf gegen die Öl-Verschmutzung am Freitag weitergehen. Allerdings könnten Unwetter mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometern die Arbeiten behindern. Am Donnerstag mussten die Helfer wegen des Sturms ihre Arbeit unterbrechen. Die schwarze Flut droht nun, auch die ökologisch sensiblen Flussmündungen der Region zu verseuchen.

Reederei verursacht dritte Ölpest

Der Eigentümer der Ladung hat sich am Freitag erstmals zu Wort gemeldet. Die Firma "Crown Resources" bedauerte den Vorfall. Es sei natürlich traurig, aber das Schiff habe nach den Erkenntnissen von Crown allen internationalen Standards entsprochen, sagte eine Sprecherin der Zeitung "The Guardian". Das Unternehmen ist den Angaben zufolge in der Schweiz registriert, und hat den Hauptgeschäftssitz in London.

Unterdessen wurde bekannt, dass die griechische Reederei mit der Havarie der "Prestige" bereits die dritte Umwelt-Katastrophe ausgelöst haben soll. Das meldet die französische Tageszeitung "Le Monde" unter Berufung auf die Londoner Vereinigung unabhängiger Reeder, Intertanko. Die "Aegean Sea" war 1992 ebenfalls vor der galicischen Küste explodiert: Dabei sollen aus dem Tanker der Reederei Coulouthros 80.000 Tonnen Öl ausgelaufen sein. Bei der Kollision der "Aegean Captain" mit einem Tanker in der Karibik seien 1979 sogar 280.000 Tonnen Öl ausgetreten - eine bislang unerreichte "Rekordmenge".

Das Schweröl verklebt das Gefieder der Seevögel
REUTERS

Das Schweröl verklebt das Gefieder der Seevögel

Hiltrud Breyer, die Europaabgeordnete der Grünen, forderte, Ölgesellschaften und Reeder, die sich mit den Billigtransporten auf den Meeren eine "goldene Nase" verdienten, sollten bei Tankerunfällen künftig voll haften. Nur so könne die "gefährliche Kombination aus Uraltschiffen und Billigflaggen" ein Ende nehmen, sagte sie am Freitag im Deutschlandradio Berlin. Auch ökologische und soziale Schäden sollten bei Umweltkatastrophen in die Haftung einbezogen werden. Breyer kündigte an, kommende Woche werde sich auch der Umweltausschuss des EU-Parlaments mit der Havarie vor der spanischen Küste beschäftigen.

Bundeskanzler Gerhard Schröder und Frankreichs Präsident Jacques Chirac erklärten am Rande des Nato-Gipfels in Prag, sie wollen sich gemeinsam für eine rasche Verschärfung der EU-Bestimmungen für Tankschiffe einsetzen. Auf dem EU-Gipfel, der im Dezember in Kopenhagen stattfindet, wollen sie erreichen, dass die Übergangsfristen für das Verbot von Einhüllen-Tankern in europäischen Gewässern "deutlich verkürzt" werden. Bislang ist vorgesehen, dass solche Schiffe bis zum Jahr 2015 noch EU-Häfen anlaufen dürfen. Danach sind nur noch Tanker zugelassen, die mit zwei Stahlhüllen ausgerüstet sind.

WWF kritisiert spanische Regierung

Wegen ihres Umgangs mit der gesunkenen "Prestige" gerät die spanische Regierung immer mehr in die Kritik. Die Umweltorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) wirft Madrid vor, die Regierung nehme das Problem nicht ernst genug. Außerdem mangle es an technischen Möglichkeiten und Organisation, angemessen mit der Krise umzugehen: Der WWF geht nicht davon aus, dass die rund 60.000 Tonnen Öl, die mit der "Prestige" gesunken sind, auf dem Grund des Atlantiks liegen bleiben. Sie würden wieder an die Oberfläche gelangen - daher seien geeignete Maßnahmen zu ergreifen.



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