Tankerunglück Todesküste auf 295 Kilometer verseucht

Die Ölpest in Galicien nimmt immer verheerendere Ausmaße an. Nach dem Untergang der "Prestige" wurden bereits 295 Kilometer Küste in Mitleidenschaft gezogen, darunter 40 Kilometer Strand. Umweltschützer befürchten eine der schlimmsten Öl-Katastrophen aller Zeiten.




Spanische Marinesoldaten beim Kampf gegen die Ölpest
DPA

Spanische Marinesoldaten beim Kampf gegen die Ölpest

La Coruña - Insgesamt gelte es, eine Fläche von 1,5 Millionen Quadratmetern zu regenerieren, sagte Umweltminister Jaume Matas heute in La Coruña. Unterdessen kämpften Tausende Helfer weiter gegen die Ölpest an der Todesküste (Costa da morte). Auch Portugal verstärkte seine Schutzmaßnahmen. Der riesige Ölteppich im Atlantik drohe in wenigen Tagen den Norden des Landes zu erreichen, hieß es aus Lissabon.

Aus dem vor Spanien gesunkenen Tanker "Prestige" trat am Morgen ein zweiter riesiger Ölteppich aus. Der Nordwest-Küste in der Provinz Galicien droht eine Umweltkatastrophe riesigen Ausmaßes.

Aufklärungsflugzeuge erkundeten die Stelle, an der die "Prestige" gestern mit schätzungsweise 60.000 Tonnen Schweröl gesunken war. Große Mengen Öls seien an die Wasseroberfläche gelangt, teilten die Behörden mit. Die jetzt in 3,6 Kilometer Tiefe liegende "Prestige" stelle eine ökologische Zeitbombe dar, sagten Umweltschützer. Die "Prestige" liegt rund 210 Kilometer vor der Küste auf Grund. Die Behörden erwarteten mehr Einzelheiten über den neuen Ölteppich, sobald genaue Berichte von den Aufklärungsflügen vorliegen.


Der Bug der "Prestige": Kurze Zeit später war er unter der Wasseroberfläche verschwunden Bug und Heck des 26 Jahre alten Tankers, der am Dienstagvormittag auseinander gebrochen war, trieben noch einige Stunden an der Meeresoberfläche, bevor sie versanken An der Nordwestküste Spaniens sind rund 200 Kilometer Strand verschmutzt. Vor allem Fischer sorgen sich nun um ihr Auskommen

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Bereits zuvor war ein 280 Kilometer langer und 28 Kilometer breiter Ölteppich aus der "Prestige" ins Meer gequollen. Westliche Winde trieben ihn auf die Küste zu. Seit Beginn der Katastrophe vor einer Woche wurde ein rund 80 Kilometer langer Streifen der Küste Galiciens mit Ölschmiere überzogen. Hunderte Marinesoldaten und Freiwillige rüsteten sich zum Kampf gegen die Umweltkatastrophe.

Experten befürchteten, dass die Kammern des Tankers beim Aufprall auf den Meeresboden oder durch den hohen Wasserdruck bersten und noch Tausende von Tonnen Öl freigeben könnten. Sollten die Kammern halten, könne das Öl dennoch im Laufe der Zeit freigegeben werden, wenn die Wände des Tankers durchrosteten. Andere Experten hofften, dass das Öl durch das kalte Wasser verklumpt. "Wenn der Tanker sein gesamtes Öl verliert, wenn alles aus dem Schiffsrumpf entweicht, dann wird diese Katastrophe doppelt so schlimme Folgen haben wie die der 'Exxon Valdez' vor Alaska 1989, und das war eine der schlimmsten bisher", sagte Christopher Hails von der Umweltorganisation World Wildlife Fund (WWF).

"Es wird zehn Jahre dauern, bis sich die Küste erholt"

Die Umweltverschmutzung durch den havarierten Tanker wird bereits jetzt von Experten mit dem "Exxon-Valdez"-Unfall und der "Amoco Cadiz" vor der französischen Küste 1978 verglichen. Insgesamt hatte die "Prestige" 77.000 Tonnen Schweröl geladen - doppelt so viel wie bei der "Exxon Valdez" austrat.

"Sie versuchen, (den Strand) zu säubern, aber das Meer schwemmt immer mehr davon an", sagte der 72-jährige Jose Camano, ein ehemaliger Fischer, während er entmutigt auf den schwarzen Schlick am Strand starrte. "Es wird zehn Jahre dauern, bis sich die Küste davon erholt." Mit Schaufeln und Ölabsaug-Geräten sollte versucht werden, das angeschwemmte Schweröl zu entfernen.


Der Tanker war in der vergangenen Woche in einen Sturm geraten und leckgeschlagen Im Gegensatz zu modernen Tankern hatte die "Prestige" keine doppelte Bordwand Das Schiff hatte 77.000 Tonnen Schweröl geladen. In den Kammern sollen sich noch rund 65.000 Tonnen befinden

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Ölverschmierte Seevögel wurden zur Reinigung in eine Rettungsstelle in der Hauptstadt der Region Galicien, La Coruña, gebracht. Der Atlantik vor den Küsten Spaniens und Portugals ist ein wichtiges Überwinterungsgebiet für zahlreiche europäische Meeresvögel wie Baßtölpel, Papageientaucher, Tordalke sowie verschiedene Seetaucherarten. Spanien hat Teile des Meeres vor der galicischen Küste als ökologisch wertvolles Gebiet im Rahmen der europaweiten Schutzprogramms Natura 2000 an die Europäische Union gemeldet.

Aus ganz Europa rückten Schlepper, Reinigungsschiffe und Flugzeuge an, um das Öl aufzuhalten, das sich an der Stelle der gesunkenen "Prestige", rund 210 Kilometer von der Küste entfernt, ausbreitete. Fünf Meter hohe Wellen machten jedoch jeden Versuch zunichte. Starker Wind trieb das Öl auf die spanischen und portugiesischen Küsten zu. Damit ist einer der reichsten Fischgründe Europas bedroht.

Stolpe kündigt harte Konsequenzen an

Inzwischen ist auch in Deutschland ein Streit um die politischen Folgen der Umweltkatastrophe entbrannt. Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) kündigte heute harte Konsequenzen auf EU-Ebene und stärkere Kontrollen an. Er sagte im "ARD-Morgenmagazin": "Wir müssen da ran." Und: "Wir werden Anfang Dezember eine Verkehrsminister-Konferenz in Brüssel haben." Die Tanker müssten moderner werden, "und das wird auch durchgedrückt werden müssen", forderte Stolpe. "Das sind wir den Menschen schuldig."


Ob die Öltanks dem Wasserdruck stand halten, ist ungewiss. Experten hoffen, dass das Öl durch die niedrigen Meerestemperatur verklumpt Um die Küste vor einer gigantischen Ölpest zu bewahren, haben die Einsatzkräfte um das gesunkene Schiff schwimmende Sperren ausgelegt Der Leiter des Meeresschutzprogramms von Greenpeace in Spanien, Maria José Caballero, spricht von einer "Zeitbombe auf dem Meeresgrund"

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Nach Ansicht der Union müssen so genannte Einhüllen-Tanker "so schnell wie möglich und ohne Wenn und Aber" von den Weltmeeren verbannt werden. Die international vereinbarte Übergangsfrist sei zu lang, erklärten die Unions-Fraktionsexperten für Umwelt und Verkehr, Peter Paziorek und Dirk Fischer. "Es kann nicht sein, dass Einhüllentanker als wandelnde Zeitbomben noch bis 2015 europäische Häfen anlaufen dürfen."

Reeder-Verband spricht von Aktionismus

Der Verband Deutscher Reeder sieht keinen Bedarf für neue Gesetze. "Solche Forderungen sind politischer Aktionismus nach Öl-Katastrophen", sagte Hauptgeschäftsführer Bernd Kröger. Das bestehende dreistufige Kontrollsystem müsse besser umgesetzt werden. Aus der Ferne sei aber nicht zu beurteilen, ob eine der Instanzen nachlässig gehandelt habe.

Der Untergang der "Prestige" hätte nach Krögers Ansicht möglicherweise verhindert werden können, wenn die Behörden das Schiff in einen Hafen oder eine geschützte Bucht gebracht hätten. "Durch In-Kauf-Nehmen eines kleineren Schadens hätte man einen größeren vermeiden können", sagte Kröger. "Es kann nicht sein, dass man das Problem zum Nachbarn schafft."

Deutsche Spezialschiffe einsatzbereit

Deutsche Spezialschiffe stehen für einen Einsatz vor der spanischen Küste bereit. Ein offizielles Ersuchen aus Spanien oder seitens der EU liege derzeit jedoch nicht vor, sagte ein Sprecher der Sonderstelle des Bundes zur Bekämpfung von Meeresverschmutzungen (SBM) in Cuxhaven. Bei einer Anforderung könne die Stelle sofort reagieren und Schiffe abkommandieren. Bislang gebe es jedoch kein technisches Verfahren, um Öl aus großer Tiefe abzupumpen.

Vor zwei Jahren war das Mehrzweckschiff "Neuwerk" bei Schiffsunfällen vor der französischen Küste im Einsatz: Bis Januar 2000 hatte die "Neuwerk" in einem dreiwöchigen Einsatz rund 110 der etwa 10.000 Tonnen Öl nach dem Untergang des Tankers "Erika" aufgefangen. Die Kosten von rund 600.000 Euro hatte Frankreich übernommen. Das Schiff wurde anschließend nachgerüstet, um sehr zähes Öl aufzuweichen und abzupumpen.

Das deutsche Havariekommando in Cuxhaven ist indes noch nicht einsatzbereit. "Uns fehlen Technik und Personal", sagte der Sprecher des Kommandos. Als Konsequenz aus dem "Pallas"-Unfall in der Nordsee vor vier Jahren sollen 35 bis 40 Spezialisten in dem maritimen Lagezentrum über die Sicherheit an Nord- und Ostsee wachen. Bis auf Schleswig-Holstein ratifizierten alle norddeutschen Länder ein entsprechendes Abkommen.




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