Tankwagenunglück Über hundert Menschen sterben bei Brandkatastrophe in Kenia

Verheerendes Unglück im Nordwesten Kenias: Beim Versuch, kostenloses Benzin aus einem Tankwagen zu ergattern, sind mindestens hundert Menschen gestorben. Der Treibstoff fing aus bislang unbekannten Gründen Feuer. Die Brandkatastrophe zeigt einmal mehr die desaströse Unfallversorgung im Land.

Von , Nairobi


Nairobi - Die Armut in Kenia hat aus einem Verkehrsunfall eine Katastrophe mit mehr als hundert Todesopfern gemacht. Dutzende Menschen hatten versucht, aus einem umgestürzten Tanklastwagen Treibstoff abzuzapfen, als dieser plötzlich in Flammen aufging. Es ist die zweite große Brandkatastrophe in Kenia innerhalb weniger Tage.

Der Fahrer des Tanklastwagens hatte zwischen Nakuru und Eldoret, rund 150 Kilometer westlich von Nairobi, die Kontrolle über das Fahrzeug verloren, und es kippte um. Kurz danach kamen Dutzende von Schaulustigen, viele von ihnen mit Eimern, Kanistern und Flaschen, um sich kostenlos mit dem auslaufenden Treibstoff zu versorgen. Als der Tanker dann plötzlich explodierte, gab es für viele kein Entkommen mehr.

Das kenianische Rote Kreuz spricht von 111 Toten und mindestens 200 Verletzten. Es wird befürchtet, dass die Zahl der Todesopfer weiter steigt. Dutzende von Verletzten sollen schwerste Verbrennungen erlitten haben, einige von ihnen wurden nach Nairobi gebracht.

"Alle schrien und viele liefen brennend davon"

Noch immer ist der genaue Hergang der Brandkatastrophe unklar. Ein Rot-Kreuz-Sprecher sagte, möglicherweise habe jemand eine brennende Zigarette fallengelassen. Es gebe auch Gerüchte, wonach jemand das Feuer gelegt habe, nachdem ihn Polizei am Zutritt zum Tankwagen gehindert habe. Nach Berichten der "Daily Nation" hatten Polizeibeamte einer nahe stationierten Sondereinheit, die als erste am Unfallort ankamen, zunächst Gebühren von jedem verlangt, der Treibstoff abzapfen wollte.

Die Krankenhäuser der Umgebung waren überfüllt mit Menschen, die schwerste Verbrennungen erlitten hatten. Unter ihnen waren auch viele kleine Kinder. "Alle schrien und viele liefen brennend davon", sagte der 22-jährige Charles Kamau, der am Samstagabend gerade in Molo unterwegs war, als die Straße vor ihm mit mehreren hundert Menschen blockiert war.

Die ganze Nacht über suchten Rettungsmannschaften und Anwohner zum Teil mit Kerzen nach Überlebenden. Eine verzweifelte Mutter erzählte an der Unglückstelle, ihre zwei Söhne seien begeistert nach Hause gerannt, um Benzinkanister zu holen. Vergeblich habe sie versucht, sie zurückzuhalten: "Jetzt kann ich sie nicht finden."

Die Rettungskräfte waren überfordert

Einmal mehr steht die desaströse kenianische Unfall- und Katastrophenvorsorge in der Kritik. Feuerwehrleute trafen erst eine Stunde nach der Explosion am Unfallort ein, Reporter berichteten, auch zwei Stunden nach Ausbruch des Feuers habe es noch keine ernsthaften Anstrengungen gegeben, den Brand zu löschen. Allerdings hatten die Rettungskräfte auch mit der enormen Hitze zu kämpfen, die die Brandbekämpfung erschwerte.

Vergleichbare Katastrophen sind in Afrika keine Seltenheit. Schaulustige und Anwohner lassen sich kaum abhalten, bei havarierten Tankzügen oder auch Pipelines ihr heimisches Spritdepot zu füllen. Im August 2008 starben in Kamerun über 30 Menschen, als sie versuchten, bei einem verunglückten Tanklaster Benzin abzuzapfen. Im März 2007 kamen im Nordwesten Nigerias mindestens 98 Menschen ums Leben, als ein verunglückter Spritlaster plötzlich in die Luft flog.

Das Unglück in Molo ist eines der schwersten in dem ostafrikanischen Land in den vergangenen Jahren. Anfang der Woche waren mindestens 25 Menschen beim Brand eines Supermarktes in der Hauptstadt Nairobi umgekommen. Auch da hatte sich die Feuerwehr als überfordert erwiesen. Der Brand hatte sich in dem Geschäft am Mittwoch rasend schnell ausgebreitet, noch am Samstag wurden 47 Menschen in den Trümmern vermutet.

Der kenianische Ministerpräsident Raila Odinga sagte auf einer Pressekonferenz, die wahrscheinlichste Ursache der Explosion sei eine brennende Zigarette. Vizepräsident Kalonzo Musyoka rief die Bevölkerung im Fernsehen zur Ruhe auf. Eine Regierungsdelegation sei auf dem Weg zu der Stadt nordwestlich der Hauptstadt Nairobi, um Rettungskräfte und Polizei zu unterstützen.

mit dpa, AP



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