Limburger Kirchenskandal Der Tebartz-Faktor

Bischof Tebartz-van Elst hat gegen seinen Willen Bewegung in die katholische Kirche gebracht. Mehr denn je hinterfragen Gläubige deren Strukturen und Handeln, sind offen für Reformen - gerade im Limburger Bistum.
Limburger Bischofsresidenz: "Die Leute haben die Nase voll von dem Thema"

Limburger Bischofsresidenz: "Die Leute haben die Nase voll von dem Thema"

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Das Wort "katholisch" ist dem Griechischen entlehnt und bedeutet so viel wie "das Ganze betreffend". Nach Wochen des Limburg-Skandals scheint es allerdings angebracht zu fragen, wie katholisch die päpstliche Kirche noch ist. "Das Ganze" ist zurzeit ein ziemlicher Scherbenhaufen.

Rüdiger Eichhofen ist einer von denen, die das unmittelbar mitbekommen. Er sitzt im Amtsgericht Limburg, hinter dem Eingang links, in einem grauen Behördengang mit Linoleumboden. Schräg gegenüber ist eine ebenso farblose Bank in die Wand eingelassen. Sie sieht aus, wie für Sünder gemacht: Zurzeit sitzen da ungewöhnlich oft Menschen, die darauf warten, Zimmer 28 zu betreten.

"Normalerweise haben wir zwei, drei Kirchenaustritte am Tag. Jetzt hatten wir in eineinhalb Wochen über 80. Allein am Montag waren es 29", sagt Eichhofen. Seither normalisiere sich das Ganze langsam wieder.

Was daran liegen könnte, dass Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, zweifelsfrei der Verursacher der Kirchenaustrittswelle, zurzeit in Rom weilt. Seitdem ist die Nachrichtenflut abgeebbt, auch Limburg schöpft Atem. "Die Leute", sagt Eichhofen, "haben die Nase voll von dem Thema".

Und die, die zu ihm kommen, auch von der Kirche. Für manche, mutmaßt er, war der Skandal vielleicht nur der Anlass, etwas zu tun, was sie schon länger wollten." Aber manche äußern sich auch, und dann hört man immer wieder, dass das Maß nun voll sei. Für die ist das der einzige Weg, zu protestieren. Das geht gegen die Kirche, nicht gegen den Glauben. Viele schimpfen darüber, wo überall das Geld fehlt, aber für Prunkbauten sei es da. Die empfinden das als Diskrepanz."

Der Skandal mehrt vorhandene Unzufriedenheit

Klar, sie hören ja auch von St. Hedwig in Frankfurt am Main, der frisch umgebauten Kirche. Die hat nun eine Behindertentoilette im ersten Stock, aber keinen Aufzug - dafür reichte das Geld nicht. Sie lesen vom Caritas-Frauenheim, das wegen schwerer Schimmelschäden geschlossen werden muss, von Kirchenzusammenlegungen. Davon, dass knapp fünfzig Jahre alte Kirchen abgerissen werden sollten. Und von 31 Millionen Euro Umbaukosten für eine Bischofsresidenz mit allem Schnickschnack.

Als der Kirchenkritiker Eugen Drewermann mahnte, der Limburger Skandal sei nicht "personell, sondern strukturell", sprach er damit auch zahlreichen Tebartz-Gegnern aus dem Herzen. Drewermann sagte: "Die katholische Kirche hat enorme Rücklagen und ist der größte Großgrundbesitzer in Deutschland. Das ist der eigentliche Skandal, nicht der Limburger Bischof."

So sehen das viele. Gemeint ist die Kirche als Institution, nicht die Kirche im Dorf. Es sind verschiedene Welten, kein Ganzes.

Die andere Kirche

"Wenn die Kirche in ihrem Tun nicht mehr erkennbar ist, hat sie ein Problem", sagt Diakon Herbert Gerlowski. Er selbst ist da nicht verdächtig: Geweihter Diakon, der Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen durchführt, ist er im Nebenberuf, hauptberuflich arbeitet er als Schornsteinfeger. Gerlowski ist verheiratet und hat drei Kinder - bei katholischen Diakonen ist das möglich.

Die christliche Berufung empfing er nach einem schweren Arbeitsunfall, die erzwungene Auszeit nutzte er zu einem Theologiestudium. Nebenbei gründete er einen Hospizverein, den er noch immer als Vorsitzender führt - ein karitatives Ehrenamt neben dem geistlichen Nebenjob. Keine Frage, der Mann ist vorbildlich engagiert.

Es sind auch Menschen wie er, die sich wünschen, dass die Strukturen sich verändern, auch wenn er nicht daran glaubt, dass das geschieht. Er sähe gern mehr Flexibilität und Menschlichkeit, mehr Unterstützung wohltätiger Organisationen. Sein Hospiz bekommt Geld vom Land, nicht aber von der Kirche. Der Widerspruch: Die reklamiere zwar oft für sich, Betreiber von Hospitälern oder Kindergärten zu sein, obwohl sie diese gar nicht finanziere. "Das geht doch nicht", sagt Gerlowski.

Damit ist er nicht allein. Es sind die Diskrepanzen zwischen Wort und Tat, zwischen Botschaft und Verhalten, die auch Limburg zum Skandal machten.

"Aber dann wären wir doch Protestanten"

Das Negative als Nebenwirkung des großen Guten - es ist ein durchaus katholischer Zeitgeist, an der Verknöcherung der eigenen Kirche zu leiden. Diejenigen, die nur zu gern die Hierarchien aufbrechen würden, stoßen auf Skepsis: "Aber dann wären wir doch Protestanten."

Tatsächlich, so könnte man das sehen. Stimmen, die mehr Liberalität einfordern, sind den Konservativen darum verdächtig. Die Bewahrer des Status Quo haben den zum Sanktum erklärt.

Menschen wie der Wetzlarer Pastoralreferent Joachim Schäfer sind für sie eine Art Netzbeschmutzer: Schäfer hatte als Protest gegen Tebartz-van Elst zu einer Andacht vor dem Limburger Dom aufgerufen - verbunden mit der Forderung "Treten Sie zurück!".

Schäfer ist Katholik einer Sorte, die Kirchenmüde dazu bringen könnte, den Austritt noch einmal zu überdenken: Er arbeitet im sozialen Brennpunkt, mit Migranten und Flüchtlingen, leitet eine Film- und Rap-Werkstatt für Jugendliche, unterrichtet an einer Förderschule. Nebenbei engagiert er sich in einer Initiative gegen Neonazis. Ein Brandanschlag Rechtsradikaler gegen das Haus seiner Familie machte überregional Schlagzeilen.

Was soll sich so einer von seiner Kirche wünschen, als dass sich die auch einmal bewegt? Und was sollte sich eine Kirche wünschen, wenn nicht solche Beweger?

Reformgeist mit 30 Jahren Verspätung

Für ihn kommt mit dem "spürbaren Ruck", den der Skandal in vielen Gemeinden verursacht, der Geist des zweiten Vatikanischen Konzils auf Gemeindeebene an - "mit 30 Jahren Verspätung". Und Veränderung und frischen Wind brauche seine Kirche.

Doch Reform liegt für viele schon zu nah an Reformation, ein belasteter Begriff, den Bischöfe von Amts wegen scheuen. Dass es zu spät sein könnte, sich allen Reformen zu verschließen, scheinen zumindest einige erkannt zu haben. Nach der Transparenz-Initiative, in der mehrere deutsche Bistümer erstmals ihre bischöflichen Vermögen offenlegten, wächst der Druck auf jene, die sich dem verschließen.

Diakon Gerlowski hofft nun, dass der Skandal nicht nur in dieser Hinsicht etwas bewegt hat: "Es reicht doch schon, wenn das Selbstvertrauen in den Gemeinden wächst. Dass man nicht nur als Bittsteller zum Bischof kommt, sondern auch einmal etwas einfordert!"

Man könnte sich tatsächlich vorstellen, dass so mancher Pfarrer über die Installation von Aufzügen und Rollstuhlrampen künftig anders verhandelt, wenn er weiß, dass auch nach Bezahlung der bischöflichen Ziergärten noch etliche Millionen auf der hohen Kante liegen.

Es wäre eine Art Happy End für die Geschichte des Limburger Skandals, wenn er dafür sorgte, dass der Katalysator Tebartz-van Elst mehr beschleunigt hätte als nur die Zahl der Kirchenaustritte.