Teil II Das Bernsteinzimmer und die Stasi

Befindet sich das Bernsteinzimmer in einem thüringischen Bergwerk oder in ostpreußischen Katakomben? Das Geheimnis wurde nie gelüftet, weil die Sowjets schlampig recherchierten, und weil ein Sonderkommando der Stasi kein Interesse an seiner Entdeckung hatte.

Von Erich Wiedemann


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Das Bernsteinzimmer und die Stasi, la belle et la bête. Was wäre passiert, wenn die Operation Puschkin erfolgreich gewesen wäre, wenn die ostdeutsche Staatssicherheit das Bernsteinzimmer gefunden hätte? Dann hätte es sich der KoKo-Haifisch Alexander Schalck-Golodkowski geschnappt, um damit Devisen zu beschaffen - wie mit vielen anderen von der Stasi aufgefundenen Raubkunstgütern, die nicht ihren alten Eigentümern zurückgegeben, sondern für Dollar und Westmark an vermögende Schattenmänner im Westen verscherbelt wurden. Die Stasi hatte ständig den Schalck im Nacken, weil der für seine Westgeschäfte gar nicht genug antike Handelsware kriegen konnte.

Erhalten geblieben: Das berühmte Steinmosaik aus dem Bernsteinzimmer hat Deutschland inzwischen an Russland zurückgegeben
DPA

Erhalten geblieben: Das berühmte Steinmosaik aus dem Bernsteinzimmer hat Deutschland inzwischen an Russland zurückgegeben

Die Frage stellte sich aber nicht, denn die Operation blieb erfolglos. Das Stasi-Kommando Puschkin hat in über zwanzig Jahre die entlegensten Winkel Teile der Arbeiter- und Bauernrepublik ausgeleuchtet. Es gab Phasen, da hatte Projektleiter Paul Enke ganze Hundertschaften von Hilfskräften im Einsatz. Insgesamt hat er 130 mögliche Verbringungsorte besichtigt und an 30 Stellen graben lassen. Alles umsonst.

Aktenzeichen AV 14/79 blieb ungelöst

Enkes Adjutant, Uwe Geissler, der in den achtziger Jahren den größten Teil der Feldforschung besorgte, hat auf der Suche nach dem Bernsteinzimmer in der gar nicht mal so großen DDR über eine Million Kilometer abgespult. Trotzdem: Aktenzeichen AV 14/79 blieb ungelöst. Sie haben in der Barbarossa-Höhle im Kyffhäusergebirge gesucht, in Klöstern, Schlössern und Burgen, in den Katakomben unter dem alten Gauforum mitten in Weimar, in stillgelegten Bergwerksstollen und in Flüssen und Teichen. Nichts. Ja, doch, auf dem Gelände von Görings Schloss Karinhall in der Schorfheide bei Berlin gruben sie einmal einen überlebensgroßen Bronzejüngling von Professor Thorak aus, in einem See bei Berlin fanden sie ein paar Statuen, die der Duce seinem Freund Hitler geschenkt hatte. Doch das war alles.

Die Berliner Gauck-Behörde bekam im November 1999 dreißig Ordner mit 10.865 Blatt Infomaterial vom Koblenzer Bundesarchiv, die bis dahin dort zurückgehalten worden waren. Der Rest ist verschollen.

Uwe Geisler meint, das Bundeskriminalamt und der Bundesnachrichtendienst hätten aus den Beständen der Akte Puschkin fuderweise belastendes Material über westdeutsche Biedermänner verschwinden lassen. Sicher ist: Leute von der Staatssicherheit selbst haben sich aus dem Aktennachlass nach Kräften bedient. Uwe Geisler ist auch ganz gut sortiert.

Der verbliebene Aktenberg gibt immer noch Einblicke in die oberlehrerhafte Akuratesse, mit der Enkes Bernstein-Detektive den Vorgang AV 14/79 abarbeiteten. Er gibt auch Anlass zu der Frage, ob sie das Bernsteinzimmer denn wirklich finden wollten.

Bernsteinzimmer-Jäger der Stasi: "Die hatten verdammt gute Jobs"

Der Erfolg der Operation Puschkin hätte für die Puschkin-Kommission nämlich das Ende ihrer Fettlebe bedeutet. "Die hatten verdammt gute Jobs", sagt Günter Wermusch, der Lektor, der den "Bernsteinzimmer-Report" bearbeitete. Warum sollten sie die aufs Spiel setzen dadurch, dass sie das Bernsteinzimmer fanden? Wermusch: "Spesen, Privilegien und Freiheiten, die andere nicht hatten. Wer konnte denn kontrollieren, was die trieben?" Geisler bekam alle zwei Jahre einen neuen Dienst-Wartburg de luxe. Normalerweise musste man darauf 15 Jahre warten.

Bei so einer prima Stasi-Dienststelle hätten viele gern gearbeitet. Paul Enke brauchte sich nicht die Finger schmutzig zu machen. In seiner Abteilung wurde nicht spioniert, erpresst und gefoltert. Der ganze Betrieb hatte eher ABM-Charakter.

Weil das Bernsteinzimmer Chefsache war, mussten sie für MfS-Vormann Erich Mielke immer neue Hoffnungen produzieren. Mielke ließ sich von Paul Enke, dem Genossen Bernstein, wie er ihn nannte, über den Stand der Ermittlungen ständig auf dem Laufenden halten.

So, wie die Abhängigkeiten waren, mussten die Rechercheure mehr Interesse am Wohlgefallen ihrer Obrigkeit als an einer erfolgreichen Recherche haben. Deshalb setzten sie auch konstruierte Gerüchte über das Bernsteinzimmer in Umlauf. Mielke hatte Spaß daran, die westliche Konkurrenz irrezuführen. Weniger aus Kalkül als aus der Lust an der Desinformation. Der Sinn war für die Stasi-Exekutive im einzelnen zwar nicht immer abzusehen. Aber bei der Stasi stellte man keine Sinnfragen - weil sich das für sozialistische Amtspersonen nicht gehörte

Kontakte nach Westen

Dass Enke & Co. so lange und so intensiv Kontakt zu dem westdeutschen Bernsteinzimmerjäger Georg Stein hatten, der hier als begabter Paranoiker galt, das hatte weniger mit Erkenntnismaximierung zu tun als damit, dass Stein immer die Kicks und Gags für ihre Reports lieferte, die sie brauchten, um das Interesse von Erich Mielke wach zu halten.

Georg Stein passte gut zum Schlapphut-Ambiente der Stasi-Szene. Er war der Indiana Jones der Bernsteinzimmersucher. Einmal stieg er ins Schlafzimmer einer schlafenden Exilrussin in der Schweiz ein, weil er dort was Wichtiges zu finden hoffte. Die Nachricht von seinem Harakiri-Tod wurde vom Bernsteinzimmer-Referat der Stasi begeistert aufgenommen: Da seht ihr's, die Faschisten haben unseren Mann im Westen abgeschlachtet, weil er ihnen gefährlich wurde. Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Paul Enke hat seine Erfahrungen im "Bernsteinzimmer-Report" niedergeschrieben. Das Buch ist ordentlich recherchiert. Doch der Konsensmief und die ranschmeißerische Ergebenheitshudelei rücken es trotzdem in die Nähe einer Agitprop-Broschüre. Tenor: Heil euch, ihr Sowjetsoldaten, die ihr das deutsche Volk den Klauen der faschistischen Bestie entrissen habt! Die Abteilung Puschkin wird sich bemühen, durch Auffinden des Bernsteinzimmers Dank abzustatten.

Die Ostdeutschen wurden aber von den sowjetischen Brüdern für ihre Verbindlichkeiten ziemlich stiefbrüderlich honoriert. 1982 übergab Stasi-Prinzipal Mielke dem damaligen KGB-Chef Tschennikow einen ausführlichen Sachstandsbericht zur Suche nach dem Bernsteinzimmer. Die Moskauer Genossen zeigten jedoch kein Interesse an einer Zusammenarbeit. In einem Aktenvermerk heißt es dazu: "Eine Reaktion seitens der sowjetischen Freunde erfolgte darauf nicht".

Befehl von Putin

Funkte der Stasi dazwischen: Wladimir Putin arbeitete als KGB-Mann in Dresden
REUTERS

Funkte der Stasi dazwischen: Wladimir Putin arbeitete als KGB-Mann in Dresden

Andererseits fuhren die Sowjets den deutschen Genossen stets nach Lust und Laune in die Parade. Geisler weiß noch gut, wie sie ihm in Dresden mit ihren tollpatschigen stalinistischen Allüren eine ganz heiße Spur kaputt machten. Auf Befehl eines gewissen Wladimir Putin, der damals KGB-Major in Dresden war.

Als 1987 aus Kaliningrad (dem ehemaligen Königsberg) überraschend die Botschaft kam, das Bernsteinzimmer sei nunmehr definitiv geortet worden, und die Bergung stehe unmittelbar bevor, musste die Stasi ihre Ermittlungen auf Mielkes Order ganz schnell zurückfahren. Sie haben keinen Augenblick an die Erfolgsmeldung geglaubt, aber sie wollten ja nicht durch die Fortsetzung der eigenen Recherche den Eindruck erwecken, dass sie die sowjetischen Recherchen für dubios hielten.

In den Stasi-Akten findet sich ein Vermerk aus dem Jahr 1986, in dem es heißt: "Inzwischen sind alle Keller, Gewölbe und Gänge des Schlosses (in Königsberg d. Red.) freigelegt und sorgfältig auf Spuren nach dem Bernsteinzimmer und anderen Kunstschätzen durchforscht worden." Das war eine Lüge im Dienste der Völkerfreundschaft. In Wahrheit sind die verschütteten Gewölbe des Schlosses bis heute nicht untersucht worden.

Schatzsucher müssen gegen alle Striche denken und sich streiten dürfen. Doch das war in der notorisch schlecht gelüfteten DDR nicht erwünscht. Stasi-Mann Paul Enke recherchierte mit ehernen Scheuklappen auf ein virtuelles Ziel zu und selektierte alles weg, was nicht in sein Schema passte. Er und seine Leute hatten den gleichen politisch-mentalen Horizont wie die Stasi-Lodenmänner, die Dissidentenunterhosen in Einmachgläsern bunkerten, um den Sozialismus zu verteidigen. Und deshalb suchten sie im Nirwana.



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