Tempelhof-Besetzung Katz-und-Maus-Spiel um den Flughafen

Über den Zaun und rauf aufs Gelände: In Berlin versuchten am Samstagabend linke Aktivisten, den stillgelegten Flughafen Tempelhof zu stürmen. Die Polizei wollte das auf jeden Fall verhindern - und sicherte das Gelände mit einem Großaufgebot.

Von Torben Waleczek


Berlin - Auf dem Columbiadamm hätte es am Samstagnachmittag fast geklappt. Ein Wurfhaken fliegt in Richtung des Zauns, oben löst sich der Stacheldraht, drei Meter, fünf Meter. Etwa 150 Autonome wollen das Gitter niederreißen, das sie vom Flughafen Tempelhof trennt.

Doch die Polizei ist schnell da, mit Mannschaftswagen, Wasserwerfern und Hundestaffeln - niemand soll auf die Wiese gelangen. Bald fliegen die ersten Steine auf die Beamten, die jetzt auch Pfefferspray einsetzen. Ein Zivilpolizist zieht seine Pistole. Festnahmen und Platzverweise. Der Zaun wird wieder geflickt.

In Berlin lieferten sich an diesem Samstag linke Aktivisten ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Die Demonstranten wollten den stillgelegten Flughafen Tempelhof stürmen. Sie forderten, dass das Gelände für die Öffentlichkeit freigegeben wird. Im Internet hatte eine Gruppe namens "Squat Tempelhof" zu der Aktion aufgerufen. Und in Schulungsvideos vorgeführt, wie sich ein Stacheldrahtzaun überwinden lässt.

Doch das ist in der Realität gar nicht so einfach. Die Polizei sicherte den Flughafen mit einem Großaufgebot. Neben den Berlinern patrouillierten auch Hundertschaften aus Bayern und von der Bundespolizei. Am Himmel kreiste ein Hubschrauber. Überall an dem riesigen Gelände mit seinen etwa vier Quadratkilometern waren Beamte postiert, sogar auf dem Radarturm. Angeblich sollen weit über tausend Mann im Einsatz gewesen sein. Doch so genau will die Polizei das nicht bestätigen.

"Das Gelände gehört uns!"

"Das scheint ziemlich aussichtslos für die Demonstranten", sagt Henry Siering, der mit seinem Fahrrad den Zaun entlangfährt. Der 28-jährige Tischler wohnt in der Nachbarschaft und würde sich freuen, wenn die Besetzung gelingt. "Aus dem Gelände könnte man eine große Parkanlage machen, das wäre super", sagt er.

Die linken Aktivisten fürchten, dass sich auf dem Areal bald Investoren breitmachen und Luxuswohnungen bauen. Sie haben Angst vor einer Aufwertung des Bezirks und vor steigenden Mieten auch für die Anwohner - im Soziologen-Jargon heißt das "Gentrifizierung". "Dabei gehört das Gelände doch uns", sagen viele Demonstranten.

Wären da nicht der Zaun und die konsequente Haltung der Behörden. Schon im Vorfeld hatte der Berliner Polizeipräsident Dieter Glietsch vor Strafanzeigen wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch gewarnt. Seine Leute würden die Besetzung konsequent verhindern, sagte Glietsch.

In der Berliner Politik hatte die geplante Aktion schon für Streit gesorgt. Zumal in der Hauptstadt nach einer Serie von nächtlichen Brandattacken auf Autos ohnehin ein gespanntes Klima herrscht.

Grüne und Linke kündigten an, den Flughafenprotest zu unterstützen - solange alles friedlich und legal bleibe. Die Grünenfraktionsvorsitzende Franziska Eichstädt-Bohlig wollte auch in möglichen Zaunübersteigungen lieber zivilen Ungehorsam als einen Rechtsbruch erkennen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit warnte hingegen, solche Äußerungen liefen "auf die Unterstützung von Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch hinaus."

Trotzdem bevölkern am Samstagnachmittag etliche junge Leute die Straßen rund um den Flughafen. Die Aktivisten von "Squat Tempelhof" hatten zehntausend Teilnehmer angekündigt. Wie viele es wirklich sind, ließ sich kaum feststellen. Die Demonstranten sind in zahllosen Kleingruppen unterwegs, zu Fuß und auf Fahrrädern, auf den Wegen und in den Büschen. Viele haben Computerausdrucke mit Geländekarten dabei, manche auch Bollerwagen mit Stereoanlagen, aus denen laute Musik dröhnt.

Die Polizei nimmt Demonstranten in Clown-Kostümen fest

In der Neuköllner Oderstraße, nur ein paar Meter vom Flugfeld entfernt, nimmt die Polizei Demonstranten in Clown-Kostümen fest. Einige Beobachter berichten, die Clowns hätten nur Späße getrieben. Anderswo heißt es, sie hätten am Zaun gerüttelt. Die Oderstraße wird anschließend geräumt und abgesperrt.

Eine alte Dame, die ihren Namen nicht nennen will, schaut dem Geschehen fassungslos zu. Sie erzählt, dass sie seit 40 Jahren ihre Parzelle in der benachbarten Kleingartenkolonie "Odertal" pflegt. Der Flugzeuglärm habe sie nie gestört. "Aber jetzt diese Chaoten", sagt sie. "Das ist alles sehr traurig."

Ein paar Ecken weiter feiern die Aktivisten ein Straßenfest. Kinder bemalen mit Kreide den Asphalt. Die Erwachsenen lümmeln auf Bierbänken und trinken Orangensaft. Von Aufruhr ist hier nichts zu spüren.

"Ist die Jugend wirklich so lahmarschig oder tut sie nur so?" ruft ein Mann aus dem Fenster seiner Etagenwohnung.

Tatsächlich bleibt es lange Zeit ziemlich ruhig. Bis zum frühen Abend gelingt es nach Polizeiangaben keinem der Demonstranten, den Zaun zu überwinden. Krawalle wie am 1. Mai habe es bisher nicht gegeben, sagt ein Sprecher.

Viele halten die massive Polizeipräsenz deshalb für übertrieben. So auch der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele, der mit dem Fahrrad über den Columbiadamm fährt. "Was die Polizei hier veranstaltet, ist ein absurdes Theater", sagt Ströbele. Und fügt hinzu: "Ich möchte auf das Gelände, und zwar sofort."

Zwischenzeitlich dann wieder Anspannung: Vor dem Eingangportal des Flughafens, am Platz der Luftbrücke, versammeln sich etwa tausend Demonstranten zu einer Kundgebung. Am Rand versuchen kleinere Gruppen, Wasserwerfer der Polizei mit Sitzblockaden zu behindern. In der Unruhe, die dadurch entsteht, stürmen Aktivisten erneut Richtung Zaun, rangeln mit Polizisten.

Doch auch hier löst sich die Menge bald wieder auf. Bis spät in den Abend zieht sich das Katz-und-Maus-Spiel: In Kleingruppen streifen die Aktivisten weiter durch die Umgebung des Flughafens, Polizeiwannen kreuzen mit Blaulicht die Straßen.



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