Teneriffa nach der Katastrophe "Über die Hügel kamen die Flammen"

Malerische Gassen, herrliche Gebirgslandschaft: Masca war eines der Touristenhighlights auf Teneriffa. Ausgerechnet dieses Dorf haben die verheerenden Brände am stärksten erwischt. Jetzt kehren die Bewohner in das zurück, was von ihren Häusern übrig ist.

Aus Masca berichtet


Masca - Josefas Nichte geht stumm, mit rußverschmierten Armen, durch die Trümmer. Ihre Großnichten sitzen geschockt auf dem Terrassengeländer. Also übernimmt Josefa Hernández selbst das Reden. Erklärt, wie es früher in der "Bar de los Fuentes" aussah: "Hier war ein wunderschöner angebauter Salon, mit Holzdach und ganz alten Möbeln", sagt sie.

Die 69-Jährige, die viele nur Doña Josefa nennen, zieht die Strickjacke vor der Brust enger zusammen. Von dem Raum ist nur eine Wand aus rotem Stein übrig. Das Dachgestell ist herab gestürzt und bildet ein Stangengewirr auf der Terrasse, wie ein Klettergerüst auf einem Abenteuerspielplatz. Das Schwarz, das hinter den Fenstern des grauen Steinhauses klafft und alles Licht schluckt, lässt erahnen, dass auch im Haupthaus nicht viel übrig geblieben ist. Nur auf der runden Terrasse mit dem atemberaubenden Blick ins Tal stehen noch intakte Holztische und Stühle, die ein Bild von lauem Sommerabend und Rotwein vor dem inneren Auge entstehen lassen.

"Morgens zwischen neun und zehn, wenn die Sonne noch nicht so brennt, war es in Masca am schönsten", sagt Josefa, "dann leuchteten die Farben von den Bäumen am stärksten. Jedes Grün war anders." Nun haben die verheerenden Brände, die Anfang der Woche auf Teneriffa auf insgesamt 15.000 Hektar wüteten, ausgerechnet das abgelegene, mitten im Gebirge gelegene Dörfchen mit seinen engen kopfsteingepflasterten Gassen und den hübschen Steinhäusern am schlimmsten erwischt. Das einzig halbwegs ursprüngliche Überbleibsel im sonst vielerorts ziemlich verbauten Teneriffa. Mehrere Häuser brannten aus, die am Berghang angelegten Gartenterrassen sind jetzt schwarz verkohlt und mit Asche überzogen.

Josefa Hernández ist in dem 100-Einwohner-Dorf geboren, kann sich noch an die Zeiten erinnern, als der kleine Ort ausschließlich mit dem Esel erreichbar war und nur ein einziges Telefon besaß. Obwohl sie dort schon lange nicht mehr wohnt, hat sie sich auch heute nicht aufhalten lassen, ihre Familie zu besuchen und die Folgen der Brände selbst in Augenschein zu nehmen. Dabei ist die Straße eigentlich noch immer gesperrt. Nur die Dorfbewohner durften, nach drei Nächten in einer Sporthalle, zu ihren Häusern zurückkehren. Oder zu dem, was davon übrig ist.

"Wenn ich laut klage, hilft es ja auch nichts"

Josefa Hernández ist eine nüchterne Frau. "Wenn ich laut klage, hilft es ja auch nichts", sagt sie. Auf dem langen Serpentinenweg hatte die 69-Jährige mit den sorgfältig frisierten roten Locken das für seine Pflanzenwelt berühmten Gebirge deshalb noch ziemlich ruhig betrachtet. Gigantische schwarze Flecken bedeckten die Abhänge, so groß, dass man sie im ersten Moment für Schatten der gegenüber liegenden Gipfel halten wollte. "Von dort, über die beiden Hügel, kamen die Flammen", erklärt sie.

Doch als sie am Ortseingang das erste zerstörte Haus einige hunderte Meter weiter entdeckt, kommen sie doch, die Emotionen. "Da lebte eine Engländerin, schon seit Jahren, die Kunsthandwerk verkaufte", erklärt Josefa. "Schmuck aus Makramee und solche Sachen." Aus der Ferne sehen die abgebrannten Wände nun aus wie ausgefledderte, schwarze Pappe. "Das ist wirklich...", flüstert Josefa, ohne den Satz zu beenden.

Jetzt will sie im Ort die Schäden zeigen, damit die Inselregierung und auch der spanische Ministerpräsident so schnell wie möglich helfen, das Dorf wieder so aufzubauen, wie es vorher war. Doch nicht alle Bewohner von Masca sind davon begeistert. Josefas Neffe will nur Fotos von seinem Keramikgeschäft und den hübschen Steingassen vor seiner Bar zulassen, die von den Flammen verschont geblieben sind. "Wenn sie schreiben, dass alles kaputt ist, kommen die Touristen nicht mehr", sagt er ängstlich. Dann erzählt er immer wieder von der Gastfreundschaft im Ort, zieht ein altes Zweimark-Stück aus dem Geldbeutel, das ein Gast ihm einst schenkte. Erzählt eine Geschichte, wie ein deutscher Tourist eine versehentlich nicht bezahlte Kaffeerechnung nach fünf Jahren noch beglich und so zum Freund wurde.

Angst, dass die Touristen im nächsten Jahr wegbleiben

So reagieren viele in Masca auf Fragen, schließlich lebt das einstige Bauerndorf inzwischen fast ausschließlich von den ungezählten Besuchern, die in Reisebussen über die Serpentinen kommen. "In einigen Monaten wird hier alles sein wie früher", sagt ein Dorfbewohner deshalb und zeigt auf die Gebirgsgipfel ringsum. "Sehen Sie, dort ist alles unbeschadet, und dort auch." Er hat sich wie die meisten vor einem Restaurant eingefunden, das immer noch blütenweiß und pittoresk über dem Ort thront. Fast könnte man die Menschen, die dort Tee und Kaffee aus riesigen Thermosflaschen zapfen, für eine Ausflugsgruppe halten. Wenn die aufgeregten Diskussionen nicht wären.

3000 bis 6000 Euro hat die Inselregierung für von den Bränden besonders betroffene Bewohner versprochen, eine Summe, die hier mehr Wut als Begeisterung erzeugt. Und wie so oft dieser Tage geht es um die alles entscheidende Frage, ob man die gewaltigen Feuersbrünste hätte verhindern können. "Es ist alles die Schuld der Umweltbehörde. Sie kümmern sich einen Dreck um die Palmen", schimpft eine Frau. Sobald die hübsch anzuschauenden Blätter vertrocknet seien, brennen sie beim kleinsten Funken lichterloh, sagt sie. Eigentlich müssen sie deshalb regelmäßig "gesäubert" werden, wie es die Insulaner nennen. "Aber das passiert nicht", stimmt ein anderer Dorfbewohner der Frau zu. Früher habe man sich selbst darum gekümmert und auch die staubtrockenen Gewächse in den Terrassengärten eigenhändig abgebrannt. "Aber das ist jetzt verboten. Jemand anders macht es aber auch nicht." Dann fügt aber auch er eilig hinzu: "Wenn der Regen kommt, erholt sich die Natur schnell."

Auch Bürgermeister Aurelio Abreu versucht, Optimismus und Geschäftigkeit zu verbreiten. "Ich kümmere mich hier um die ganze Organisation", sagt er. "Als erstes musste wieder für Strom und Wasser gesorgt werden", sagt er. Dann habe sich heute mit der Inselregierung zusammengesetzt, um die Lage zu beraten. "Die, die nicht zurückkehren können, bekommen eine Unterkunft gestellt", sagt er nun. Und auf das Versprechen von Ministerpräsident Zapatero, die bisher noch vollkommen unabsehbaren Folgen der Brände auf den Kanaren ohne Einschränkung aus öffentlichen Mitteln finanzieren zu wollen, könne man sich verlassen. "Es wird eine signifikante Summe fließen", sagt er, als könnte die offizielle Formulierung der Botschaft noch mehr Glaubwürdigkeit verleihen.

Josefa Hernández ist skeptisch: "Politiker reden viel." Zuversicht schöpft sie aus anderen Quellen. Masca sei, sagt sie, früher immerhin mal ein Bauerndorf gewesen. "Die Leute hier können sehr hart arbeiten. Und sie halten zusammen."



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