Terror-Ermittlungen Polizei identifiziert Drahtzieher der Anschläge

Die britische Polizei ist dem Drahtzieher der Selbstmordanschläge von London auf der Spur: Die Tageszeitung "The Times" berichtet, es handele sich um einen Briten pakistanischer Herkunft. Der Mann soll Kontakte zu al-Qaida in den USA haben.


London - Die Sicherheitsbehörden gingen davon aus, dass der Verdächtige Verbindungen zu Vertrauten von Osama Bin Laden in den USA habe, schreibt "The Times". Er sei etwa Mitte 30 und sei im vergangenen Monat in einem britischen Hafen angekommen. Er habe das Land jedoch am Tag vor den Anschlägen wieder verlassen.

Die Sicherheitsbehörden vermuten, dass der Verdächtige bereits früher in terroristische Operationen verwickelt gewesen sei. Er soll die Attentäter im nordenglischen Leeds getroffen und möglicherweise seine "Rekruten" unterwiesen haben, wie die Bomben gleichzeitig zu zünden seien.

Die Polizei fahnde nach einem möglichen fünften Attentäter, der ebenfalls am Bahnhof von Luton nördlich von London gesehen worden sei. Die Attentäter waren per Zug von Luton nach London gefahren.

Bei den mutmaßlichen Attentätern handelt es sich nach Medienangaben um vier befreundete Briten pakistanischer Herkunft, die alle im Vereinigten Königreich geboren sind und dort auch aufwuchsen. Die Täter waren den Angaben nach nie aufgefallen oder mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Keine Festnahme bei neuer Razzia

Gestern Abend durchsuchte ein Sonderkommando der Polizei ein Haus in Aylesbury etwa 64 Kilometer nordwestlich von London. Dort sei jedoch niemand festgenommen worden, berichtete der Fernsehsender BBC. Auch sei kein Sprengstoff sichergestellt worden.

Die Durchsuchung hänge jedoch mit den Anschlägen am vergangenen Donnerstag zusammen, sagte eine Polizeisprecherin. Die kriminaltechnische Prüfung dauere noch an. Mit Ergebnissen sei erst später zu rechnen. Am Dienstag hatte die Polizei bei der Durchsuchung mehrerer Häuser in Leeds einen Verdächtigen festgenommen.

EU gedenkt mit Schweigeminute

Mit zwei Schweigeminuten wird in der Europäischen Union heute um 13 Uhr der Terroropfer gedacht. Premierminister Tony Blair kündigte verstärkte Kontrollen an den Grenzen sowie eine baldige Debatte über mögliche neue Antiterror-Gesetze an. Außerdem werde die Regierung unverzüglich Diskussionen mit den geistlichen Führern der Muslime im Land beginnen, um "die Pervertierung und vergiftende Fehlinterpretation des Islams" zu bekämpfen, der sich hinter den Anschlägen verberge, sagte Blair vor dem Unterhaus.

Scotland Yard hatte die Identität der Attentäter am Vortag durch akribische Untersuchungen ermitteln können, fünf Tage nach den Anschlägen. Nach Berichten war die Bombenexplosion in dem Bus wahrscheinlich nicht geplant. Die Bombe sollte demnach in einer vierten U-Bahn explodieren. Die entsprechende Linie war aber am Donnerstagmorgen gesperrt, hieß es.

"Ich kann nicht glauben, dass die vier jungen Männer auf eigene Faust handelten", sagte auch Terrorismusexperte Professor Paul Wilkinson von der schottischen St. Andrews-Universität. Dafür seien die Anschläge zu gut koordiniert und zeitlich abgestimmt gewesen.

Auch Andy Oppenheimer, Waffenexperte vom Fachverlag Jane's, äußert sich in diesem Sinn. Außerdem habe es sich bei den Bomben nicht um "Amateur-Sprengsätze" gehandelt. "Es erscheint unwahrscheinlich, dass diese vier jungen Männer in der Lage war, sie zu bauen", sagte er. Nach Berichten soll es sich um einen militärischen Sprengstoff gehandelt haben.

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