Terror-Festnahme in Hamburg Attas Kommilitone trainierte in Afghanistan

Schon vor einem Jahr haben Fahnder den jetzt festgenommenen Abdelghani Mzoudi ins Visier genommen. Er kannte den Terrorpiloten Atta und seine Komplizen, wohnte sogar mit ihnen zusammen. Doch erst jetzt fanden die Ermittler Belege dafür, dass der Marokkaner schon früh von den Anschlagsplänen gewusst haben soll und in einem afghanischen Trainingslager war.

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Festnahme: Abdelghani Mzoudi soll die Terrorpläne vom 11. September 2001 gekannt haben.
AP

Festnahme: Abdelghani Mzoudi soll die Terrorpläne vom 11. September 2001 gekannt haben.

Hamburg - Es war Anfang Oktober 2001, da schmiedete Abdelgani Mzoudi noch schöne Zukunftspläne. Nach seinem Studium an der Technischen Universität in Hamburg-Harburg wolle er wieder zurück nach Marokko gehen, sagte er damals in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE. Den Kontakt zu Deutschland allerdings wollte er auch dort nicht abbrechen lassen. "VW plant in Tanger ein Werk. Vielleicht bekomme ich dort einen Job", träumte der 29-Jährige vor sich hin, nachdem er seine Verbindung zu der Hamburger Terror-Zelle um Mohammed Atta als vollkommen "normal" unter Muslimen bezeichnet hatte.

Doch nun hat der Generalbundesanwalt einen Strich durch Mzoudis Lebensplanung gemacht. Am Donnerstagmorgen schickte der oberste deutsche Ermittler Kay Nehm mehrere Polizei-Beamte zu der Sozialwohnung des angeblich so arglosen Studenten im Hamburger Stadtteil Fischbek. Da sich Mzoudi jedoch nicht in seiner Wohnung in dem mehrstöckigen Bau aufhielt, fuhren die Ermittler zu einem Bekannten des Marokkaners im Stadtteil Hamm. Dort wurden sie fündig.

Bestätigt sich der Verdacht der Terror-Ermittler, könnte der Marokkaner schon bald für lange Zeit hinter Gittern sitzen. Der Vorwurf im Haftbefehl lautet auf Unterstützung der Hamburger Terror-Zelle bei der Planung und der Ausführung der Anschläge vom 11. September auf das WTC in New York. Demnach soll Mzoudi von den Plänen der Terror-Piloten gewusst und Mohammed Atta, Marwan al-Schechhi, Ziad Jarrah und den weiteren Komplizen bei ihrem tödlichen Komplott geholfen haben.

Ermittlungen seit Oktober 2001

Kurz vor der Abreise in die USA versteckte Mzoudi den Todes-Piloten Marwan Al-Schehhi in seiner Wohnung
SPIEGEL ONLINE

Kurz vor der Abreise in die USA versteckte Mzoudi den Todes-Piloten Marwan Al-Schehhi in seiner Wohnung

Dass der junge Marokkaner eine enge Verbindung zu den Attentätern hatte, ist nicht neu. Gerade deshalb zeigt der Fall Mzoudi, wie schwierig die Ermittlungen gegen die hochkonspirativ arbeitenden Islamisten sind. Fast ein Jahr mussten die Fahnder nach dem entscheidenden Beweis suchen, um Mzoudi zu verhaften. Schon seit dem 25. Oktober 2001 ermittelt der Generalbundesanwalt gegen ihn - bis zum Donnerstag ohne Erfolg. Penibel trugen die Ermittler alles zusammen, was den Studenten mit der Hamburger Terror-Zelle in Verbindung brachte, doch trotz der vielen Indizien reichte es nie für einen Haftbefehl.

Letztlich fiel den Terror-Jägern das letzte Stückchen im Puzzle nach Informationen von SPIEGEL ONLINE fast zufällig in die Hände: Von einem zuerst schweigsamen Zeugen im Ermittlungsverfahren gegen die im April 2002 ausgehobene Isalmisten-Gruppe "al-Tawhid" erfuhren die Beamten neben vielen anderen wichtigen Details über die Hamburger Terror-Zelle fast nebenbei auch den entscheidenden Hinweis zu Abdelghani Mzoudi. In zwei knappen Sätzen schilderte ihnen Shadi A. in einer seiner Aussagen, dass Mzoudi im Jahr 2000 in einem Terror-Trainingslager im afghanischen Kandahar gewesen sein soll. Shadi A. hatte den Fahndern vorher bereits verraten, dass er auch mehrere andere Piloten und deren Komplizen dort gesehen haben will. Wie glaubwürdig der Zeuge ist, steht jedoch bisher nicht fest - manche seiner Geschichten ließen sich verifizieren, andere nicht.

Ausgangspunkt Afghanistan

Für die Fahnder war die Aussage dennoch ein wichtiger Schritt nach vorn, denn sie schlossen daraus, dass Mzoudi wesentlich fester in die Hamburger Gruppe integriert gewesen sein musste, als er selbst zugegeben hatte. Das Detail passt ins Bild, denn die Ermittler gehen auf Grund neuer Erkenntnisse davon aus, dass die Hamburger Zelle in Afghanistan den Auftrag für die Terror-Anschläge bekam und diese dann in Hamburg logistisch plante. Die Vermutung der Bundesanwaltschaft geht mittlerweile so weit, dass Mzoudi seit seinem Afghanistan-Trip von den Anschlagsplanungen Attas und seiner Komplizen gewusst haben könnte und dann selber einer von ihnen wurde. Rund drei Monate nach der Aussage gelang es den Ermittlern, die beiden dünnen Sätze in der Aussage des gesprächigen "al-Tawhid"-Manns zumindest zu belegen und sie beantragten einen Haftbefehl gegen den marokkanischen Studenten.

Teror-Pilot Mohamed Atta war nicht nur ein Kommilitone von Mzoudi
AP

Teror-Pilot Mohamed Atta war nicht nur ein Kommilitone von Mzoudi

Andere Indizien gab es gegen Mzoudi schon vor der Aussage von Shadi A. reichlich, aber eben nur Indizien: Der Marokkaner studierte wie die Todes-Piloten ebenfalls an der TU in Harburg im Fach Elektrotechnik. Er selbst gab im Interview mit SPIEGEL ONLINE schon wenige Wochen nach den Anschlägen zu, dass er alle Todes-Piloten und deren mutmaßliche Komplizen kannte. Dass sei aber unter Muslimen "normal", beteuerte er damals. Nicht ganz normal war hingegen, dass Mzoudi laut Bundesanwaltschaft kurz vor der Abreise der Todes-Piloten in die USA einen von ihnen, Marwan al-Schehhi, in seinem Studentenwohnheim versteckt haben soll, um seinen Aufenthaltsort für die Behörden zu verschleiern. Wenig später zog Mzoudi im Sommer 2000 in die Marienstraße 54 im Bezirk Harburg - kurz nachdem Atta und Co. Hamburg die Wohnung in Richtung USA verlassen hatten.

Geld für die Flugausbildung

Mzoudi selbst hatte immer wieder zur Entschuldigung herangezogen, dass die Todes-Piloten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr dort wohnten. Trotzdem logierten damals in dem mittlerweile als "Terror-Nest" bekannten Appartement immer noch der mittlerweile weltweit gesuchte Marokkaner Zakariya Essabar, mit dem Mzoudi ein Zimmer teilte. Auch der mittlerweile in Pakistan gefasste Ramsi Binalshibh, der nach neuen Erkenntnissen vielleicht neben den Piloten selbst die wichtigste Rolle für die Anschläge einnahm, lebte zu der Zeit noch dort. Mzoudis Zimmerkumpane Essabar gilt für die Ermittler mittlerweile als "Ersatzpilot" für den 11. September, falls einer der anderen ausgefallen wäre. Mehr als verdächtig erscheint den Fahndern deshalb auch, dass der nun festgenommene Mzoudi seinem Landsmann Geld für die geplante Flugausbildung zur Verfügung stellte.

Nachdem die Terror-Piloten für die Flugausbildung in die USA gereist waren, zog Mzoudi in die Wohnung in der Marienstraße ein
DPA

Nachdem die Terror-Piloten für die Flugausbildung in die USA gereist waren, zog Mzoudi in die Wohnung in der Marienstraße ein

In der Marienstraße lernte Mzoudi auch den mutmaßlichen Logistiker der Gruppe, den ebenfalls flüchtigen Said Bahaji, kennen. Bahaji wollte Mzoudi gar als Nachmieter in die Verträge aufnehmen. Letztlich wickelte Mzoudi im Februar 2001 dann die Formalitäten für die Aufgabe der Wohnung ab. Den Job führte Mzoudi nahezu perfekt aus: Als die Fahnder kurz nach dem 11. September 2001 dort durchsuchten, fanden sie nicht einen Hinweis auf die Vormieter.

Testament unterzeichnet

Ein wichtiges Verbindungsglied der Gruppe soll auch die al-Kuds-Moschee im Hamburger Stadtteil St. Georg gewesen sein. Dort beteten die Attentäter und ihre mutmaßlichen Helfer. Außerdem steht der Name des Marokkaners unter dem nach den Anschlägen in den USA entdeckten Testament von Mohammed Atta. Demnach hatte Mzoudi am 11. April 2001 den letzten Willen Attas als Zeuge beglaubigt, in dem Atta die Rituale für seine Beerdigung festlegte. Mzoudi hatte sich vergangenes Jahr im SPIEGEL verteidigt und gesagt, dass dieses Testament "als Vordruck in der al-Kuds-Moschee verteilt" worden sei.

Kein Wunder also, dass die Fahnder auf die ersten Aussagen Mzoudis brennen. Der Marokkaner war im Juli 2002 schon einmal vernommen worden, als die Terror-Fahnder gegen eine vermeintliche Terror-Zelle, die sich in dem Hamburger Buchladen "Attawhid" getroffen haben soll, vorging. Damals jedoch waren seine Aussagen dürftig. Er gab sich unschuldig und erstaunlich selbstsicher.

Das könnte sich nun ändern, denn sollte er wegen Unterstützung oder gar der Mitgliedschaft der Hamburger Terror-Zelle verurteilt werden, könnte Abdelghani Mzoudi für immer ins Gefängnis gehen. "Das Lachen wird ihm hoffentlich bald vergehen", hofft einer der Fahnder. Auch wenn er sich selber entlasten kann, was keiner der beteiligten Fahnder ausschließen will, muss er mehr wissen, als er bisher gesagt hat.



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