Terror-Jagd Taliban wollten Bin Laden mit US-Raketen töten

Freigegebene US-Akten beschreiben in bisher unbekannten Details, wie die USA bereits 1998 mit den Taliban über die Tötung von Osama Bin Laden verhandelten. Die Gotteskrieger boten einem US-Beamten gar an, den Job selber zu übernehmen.


Terror-Chef Osama Bin Laden: Im Jahr 1998 unter dem Schutz der Taliban
AP

Terror-Chef Osama Bin Laden: Im Jahr 1998 unter dem Schutz der Taliban

Berlin - Im November 1998 hatten die USA offenbar eine gute Gelegenheit, den meistgesuchten Mann der Erde durch einen gezielten Militärschlag in Afghanistan umzubringen. Schon in der Vergangenheit war immer wieder berichtet worden, dass US-Offizielle sich damals mit ranghohen Vertretern des Taliban-Regimes trafen, um die Ausschaltung oder Verhaftung von Osama Bin Laden zu organisieren.

Nun jedoch sind Details der Verhandlungen bekannt geworden, die aus den bisher schwammigen Gerüchten einen handfesten Thriller der US-Außenpolitik machen. Demnach boten die Taliban den USA konkret an, dass sie einen gezielten Militärschlag mit Cruise Missiles auf Bin Laden nicht verhindern und gegebenenfalls sogar durch Hinweise ermöglichen würden.

Ebenso machten die Gotteskrieger den USA ein skurriles Angebot: Wenn die USA ihnen einige der ferngesteuerten Cruise Missiles aus ihren Beständen gäben, würden die Taliban Bin Laden selbst ausschalten.

Bei den Dokumenten handelt es sich um sogenannte Kabelberichte, die der damalige US-Botschafter in Pakistan, Alan Eastham Jr., an das US-Außenministerium und mehrere US-Vertretungen im Mittleren Osten schickte. Darin beschreibt er laut einem Bericht des Fernsehsenders CNN detailliert mehrere Gespräche, die er mit dem ranghohen Taliban-Vertreter Wakil Ahmed hatte. Dieser soll ein enger Vertrauter des Taliban-Chefs Mullah Omar gewesen sein.

Laut den Dokumenten traf sich der US-Botschafter zweimal mit dem Taliban-Vertreter. Die Taliban waren zu der Zeit Machthaber in Kabul, waren aber von den USA nie als Regierung anerkannt worden. Das hinderte die USA indes nicht, mit den fanatischen Islamisten über Bin Laden zu verhandeln. Dieser galt schon damals als Kopf der al-Qaida, die kurz zuvor zwei schwere Bombenanschläge auf US-Botschaften in Afrika mit mehr als 200 Toten verübt hatte. Unter dem Schutz der Taliban bildete Bin Laden damals neue Dschihadis in mehrere Camps in Afghanistan aus.

Bei den Treffen ging es laut den Dokumenten recht schnell ums Eingemachte. Wenn die USA Bin Laden mit einem gezielten Anschlag umbringen würden, gäbe es für die Taliban ja sowieso wenige Möglichkeiten, dies zu verhindern, gestand Ahmed ein. Eine Alternative wäre die Ausstattung der Taliban mit US-Marschflugkörpern des Typs Cruise Missile, um die "Situation auf diesem Weg zu lösen", so die Kabelberichte. Eine Auslieferung Bin Ladens lehnte Ahmed mehrmals ab, da dies die Glaubwürdigkeit der Taliban gefährden würde. Bin Laden galt damals unter vielen Kämpfern der Taliban als einer der mutigsten Dschihadis im gewonnenen Kampf gegen die Russen in Afghanistan.

Die Dokumente werfen ein schales Licht auf die Taktik der US-Außenpolitik zu dieser Zeit. Hauptziel war damals wie heute die Ausschaltung Bin Ladens. Die massiven Menschenrechtsverletzungen ihrer Verhandlungspartner waren den USA offenbar völlig egal, wenn die Taliban ihnen bei dem Bin Laden-Problem geholfen hätten.

Am Ende aber scheiterte die heikle diplomatische Offerte. Weder erklärten sich die Taliban bereit, den al-Qaida Chef auszuliefern, noch lieferten die USA die geforderten Waffen.



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