Terror-Netzwerk Picknick mit Bin Laden

Sie ist Amerikanerin, verheiratet und hat sieben Kinder. Sie könnte ein ganz normales Leben führen, wenn der Ehemann der 34-jährigen April Ray nicht eine lebenslange Gefängnisstrafe absitzen würde. Jahrelang war er der persönliche Sekretär von Osama Bin Laden.


Al-Hage: Jahrelang Sekretär von Bin Laden
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Al-Hage: Jahrelang Sekretär von Bin Laden

"Er hat nichts getan. Jeder liebt ihn", sagt Ray über ihren Ehemann, Wadi al-Hage, im US-Magazin "Newsweek". Ihm wurde im vergangenen Jahr in Amerika der Prozess gemacht. Das Urteil: Teilnahme an einer Verschwörung im Zusammenhang mit den Anschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam.

Die Anklage sah es als erwiesen an, dass al-Hage in den neunziger Jahren für al-Qaida gearbeitet hat, als eine Art logistischer Manager. Er soll überall auf der Welt Bankkonten eröffnet haben und die Büroarbeit der Terrorzellen von al-Qaida erledigt haben. "Al-Hage führte ein Doppelleben", so der Staatsanwalt. "Er organisierte die Logistik, damit andere ihre tödlichen Aufträge erfüllen konnten."

Bin Laden war ein guter Chef

"Er ist ein liebevoller Vater und war besser darin, seinen Kindern Gute-Nacht-Geschichten vorzulesen als Geschäfte zu machen. Und er war ganz sicher nicht in der Lage, Massenmord zu begehen." April Ray weigert sich, an die Schuld ihres Ehemannes zu glauben. Sie wusste, dass ihr Mann bei Osama Bin Laden beschäftigt war. Doch al-Hage habe nur für dessen legale Unternehmungen gearbeitet. Der Arbeitgeber zahlte gut, es gab Gratifikationen, gemeinsame Picknicke.

Ray lebte damals mit ihrem Mann im Sudan. 30 bis 40 Leute kamen zu solch einem Picknick. Persönlich getroffen habe sie Bin Laden dabei nie. "Männer und Frauen sitzen nicht zusammen. Man sieht die Männer nicht an. Mein Mann hätte den US-Präsidenten mit nach Hause bringen können, und ich hätte nichts davon mitbekommen", so Ray in "Newsweek". Bin Laden jedenfalls sei ein guter Chef gewesen. "Er ist nicht das Monster, das die Leute aus ihm machen."

Mit 18 von der Mutter verheiratet

Die Mutter von April Ray war mit 40 Jahren zum Islam konvertiert. Anfangs rebellierte die Tochter noch gegen den Glauben, doch dann nahm sie ihn an. "Im Koran sind alle Antworten. Alles ist da, er ist vollständig." 18 Jahre alt wurde sie von ihrer Mutter mit dem 25-jährigen Wadi al-Hage verheiratet. Er ist Kuweiter, libanesischer Abstammung. April hat Angst.

"Er wird mich schlagen", sagt sie zu ihrer Mutter, als sie ein Foto von ihrem zukünftigen Mann sieht. Die Mutter beruhigt sie, und die Tochter mag den Mann mit der ruhigen, sanften Stimme dann doch.

Sie bekommen insgesamt sieben Kinder, wohnen in Pakistan, Texas, Sudan, Kenia und wieder in Texas. Im August 1998 werden auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam Bombenanschläge verübt. Wenige Tage später wird al-Hage verhaftet. Zwei Jahre später wird er zu lebenslanger Haft verurteilt.

Viele Muslime glauben an eine CIA-Verschwörung

April Ray muss nun die Familie allein versorgen, die Kinder vermissen ihren Vater. Seit dem 11. September ist das Leben für Muslime in Amerika schwerer geworden. Wie viele Muslime ist Ray überzeugt, dass Bin Laden nicht für die Anschläge verantwortlich ist. Es sei eine Verschwörung der CIA oder des israelischen Geheimdienstes.

Ray ist gegen die Tötung von Zivilisten. Doch wenn ihr Sohn gegen die Unterdrückung von Muslimen kämpfen wolle, so würde sie es ihm wahrscheinlich nicht verbieten. "Wir Muslime akzeptieren den Tod. Er ist ein Teil des Lebens."



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