Terror-Verdacht in Berlin Bundesanwalt lässt islamischen Verein durchsuchen

Wie blank die Nerven bei den Sicherheitsbehörden nach den ersten Bomben auf den Irak liegen, zeigt eine Durchsuchungsaktion in Berlin. Spontan ließ der Generalbundesanwalt fünf Männer festnehmen, die er schon länger beobachtet. Möglicherweise planten sie Anschläge zum Kriegsbeginn, so die Befürchtung.


Karlsruhe/Berlin - Ob die fünf Männer wirklich konkrete Pläne für Anschläge in Deutschland hatten, blieb bis zum Abend vollkommen unklar. Am Nachmittag hatten Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) mehrere Objekte in der Hauptstadt durchsucht, umfangreiches Beweismaterial sichergestellt und fünf Männer vorübergehend festgenommen.

Im Zentrum der von Generalbundesanwalt Kay Nehm geführten Ermittlungen stand die Moschee "al-Nur" im Berliner Bezirk Neukölln, der wegen seiner hohen Ausländerquote als Zentrum der islamischen Glaubensbewegung in der Hauptstadt gilt. Außerdem filzten die Terror-Ermittler den im gleichen Haus angesiedelten Verein "Die islamische Gemeinschaft Berlin" und mehrere Wohnungen. Sowohl die Moschee als auch der Verein wird von dem islamischen Gelehrten Dr. Salem el-R. geleitet. Der Berliner gilt den Ermittlern als Hauptverdächtiger, um den sich eine Schar von gewaltbereiten Männern gebildet haben soll.

Nach Informationen aus Berliner Sicherheitskreisen wird gegen die Verantwortlichen des Vereins und der Moschee bereits seit Monaten wegen des Verdachts auf die Bildung einer terroristischen Vereinigung ermittelt. Im Rahmen eines sogenannten Strukturermittlungsverfahrens entsprechend dem Paragraphen 129a beobachteten die Terror-Ermittler die Gruppe von Männern, die sich um die beiden Brüder Salem und Kamel al-R. bildete. Seit dem 11. September werden Dutzende solcher Verfahren in ganz Deutschland geführt.

Dass nun wenige Stunden nach Kriegsbeginn die Räume des Vereins und der Moschee durchsucht wurden, kam jedoch auch für die Berliner Polizei überraschend. Der Generalbundesanwalt teilte nach Beginn der Aktion mit, er habe Hinweise, dass die Männer unter Umständen anlässlich des Kriegsbeginns Anschläge verüben wollten. Außerdem sei es Ziel der Gruppe, arabische Studenten anzuwerben und in naher Zukunft mit ihnen Sprengstoffanschläge in der Bundesrepublik zu verüben. Näheres wollte Kay Nehm erst nach Abschluss der Durchsuchungen und der Vernehmungen mitteilen.

Über die Ergebnisse der Razzia schwiegen sich die Ermittler am Donnerstagabend aus. Ob bei der Durchsuchung Material oder Unterlagen für einen möglichen Anschlag gefunden wurde, blieb unklar. Erst am Freitag sollen die fünf vorläufig festgenommenen Männer einem Haftrichter vorgeführt werden. Bis dahin werden sie vernommen.

Die Aktion kannn nach Meinung von Sicherheitsexperten indes auch lediglich ein Zeichen an die islamistische Szene in Deutschland sein, dass die deutschen Behörden sie durchaus beobachten und jederzeit gegen sie vorgehen können. Staatsschützer hatten bereits in den letzten Wochen immer wieder die Befürchtung geäußert, dass Islamisten den beginnenden Krieg zum Anlass für Gewalt-Aktionen nehmen könnten.

Matthias Gebauer



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