Terrorangst Experten befürchten Einsatz von dirty bombs

Experten warnen, dass Terroristen schon in naher Zukunft eine schmutzige Bombe zünden könnten. Nach Meinung der Wissenschaftler sind zivile Ziele besonders gefährdet: die Londoner U-Bahn oder Massenveranstaltungen wie die Olympischen Spiele, die im kommenden Sommer in Athen stattfinden.


U-Bahn in London: Mögliches Ziel für Terrorangriffe
DPA

U-Bahn in London: Mögliches Ziel für Terrorangriffe

London - Die Wissenschaftler hatten sich nach einem Kongress, der am vergangenen Wochenende in Stockholm stattfand, zu dem ungewöhnlichen Schritt entschlossen, eine Terrorwarnung herauszugeben, meldet der britische "Independent". Demnach sind die Experten der Auffassung, dass ein Terrorangriff mit einer so genannten schmutzigen Bombe nahezu unvermeidbar sei. Eine "dirty bomb" besteht aus herkömmlichem Sprengstoff, der mit radioaktivem Material ummantelt ist. Bei einer Explosion wird dann der Stoff freigesetzt.

Eine internationale Expertengruppe sei eingesetzt worden, um den Schaden zu berechnen, den ein solcher Terrorangriff in einem dicht besiedelten Gebiet anrichten könnte. Die Gruppe gehöre zur Internationalen Strahlenschutzkommission, der International Commission on Radiological Protection (ICRP).

Die Wissenschaftler, die mit dieser Arbeit betraut seien, gehörten zu den erfahrensten Forschern auf dem Gebiet der Strahlenverseuchung. Zum Teil hätten sie Erfahrung in Tschernobyl gesammelt, andere seien in Brasilien zum Einsatz gekommen, als mittelbrasilianischen Stadt Goiania im Jahr 1987 Hunderte Menschen durch die illegale Entsorgung von verstrahltem Krankenhausmaterial gefährdet worden, heißt es in dem Bericht weiter.

Die Fachleute gingen davon aus, dass Terroristen zivile Ziele angreifen würden, erklärte ein Wissenschaftler, der Einblick in der Arbeit der Expertengruppe hatte, und der den "Independent" um die Wahrung seiner Anonymität bat. In den Szenarien seien die Olympischen Spiele in Athen und die Londoner U-Bahn genannt worden.

Für einen Anschlag bräuchte man allerdings nicht einmal eine Explosion, wird der Mann zitiert. Cäsium-137 aus der medizinischen Strahlentherapie sei wie Staub sehr flüchtig. "Die U-Bahn in London ist ein fantastisches Mittel um solche Stoffe zu verteilen. Fährt ein Zug in eine Station ein, sorgt der Druck dafür, dass das Gift weiter getragen wird." Binnen zwei bis drei Stunden hätte sich die krebserzeugende Substanz in dem gesamten Untergrundnetz verteilt.

Bereits im Juni hatte der amerikanische Geheimdienst CIA ein Dossier vorgelegt, wonach es für die Terrororganisation al-Qaida ein Leichtes sei, dirty bombs herzustellen. Vermutlich sei primäres Ziel derartiger Angriffe nicht das Töten von vielen Menschen, sondern die Verbreitung von Angst und Schrecken. Auch auf die Wirtschaft hätte eine solche Bombe katastrophale Folgen, wenn ganze Stadtteile evakuiert werden müssten. Die CIA hielt es dem Bericht zufolge auch für möglich, dass Osama Bin Ladens Garden konventionelle Angriffe gegen die Atomindustrie verüben, um so radioaktive Kontamination zu verursachen.

Auf die Frage, ob die Regierung für eine solche Bedrohung gewappnet sei, sagte der Wissenschaftler dem "Independent": Ich fürchte nicht. Sollte das heute passieren, glaube ich nicht, dass wir vorbereitet sind, um angemessen zu reagieren."



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