Terrorfahndung Der Mann, der den Bus in die Luft jagte

Das Bild der Attentäter von London vervollständigt sich. Scotland Yard hat jetzt Fotos von dem Terroristen veröffentlicht, der den Ermittlungen zufolge für den Anschlag auf den Bus am Tavistock Square verantwortlich war. Außerdem wurde bekannt: Einer der mutmaßlichen Täter stammt aus Jamaika.


Hasib Hussein: Polizei hofft auf neue Hinweise
DPA

Hasib Hussein: Polizei hofft auf neue Hinweise

London - Die beiden Aufnahmen zeigen den 18-jährigen Hasib Hussein. Eine der Aufnahmen zeigt das Gesicht des Mannes, das andere Bild stammt von Aufzeichnungen einer Überwachungskamera und bildet Hussein mit einem großen Rucksack ab, in dem vermutlich sein Sprengsatz steckte. Die Behörden erhoffen sich von der Veröffentlichung Hinweise auf Aktivitäten des Mannes am Morgen vor der Anschlagserie.

Der britische Fernsehsender Sky News gab den Namen des Briten jamaikanischer Herkunft unter Berufung auf die Polizei mit Lindsey Germail an. Zuvor hatte es geheißen, die vier Selbstmordanschläge vom vergangenen Donnerstag seien das Werk von vier in Pakistan geborenen Briten muslimischen Glaubens gewesen.

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Anschläge in London: Europa gedenkt der Opfer

Wie Sky News meldete, gingen Ermittler derzeit davon aus, dass es sich bei Germail um den Bombenleger handelte, der sich zwischen den U-Bahn-Stationen King's Cross und Russel Square in die Luft sprengte und dabei 20 Fahrgäste tötete. Der gebürtige Jamaikaner soll zusammen mit seiner Partnerin und seiner jungen Tochter das Haus in Aylesbury bewohnt haben, das Polizisten in der vergangenen Nacht durchsuchten.

"Wir glauben, dass sie alle tot sind"

Unterdessen bestätigte die britische Polizei, dass alle Anschläge von Selbstmordattentätern ausgeführt wurden. Scotland-Yard-Chef Ian Blair sagte in London, die vier Männer hätten am Morgen des 7. Juli die U-Bahn und den Bus bestiegen, "um zu töten". Höchstwahrscheinlich hätten sie in Kauf genommen, dabei ums Leben zu kommen. Bislang hatten die Ermittler auch die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass einer oder mehrere Sprengsätze zu früh explodiert sein könnten.

Attentäter Hasib Mir Hussein am Bahnhof Luton

Attentäter Hasib Mir Hussein am Bahnhof Luton

"Sie sind in einer liberalen Demokratie nicht dazu gezwungen, Selbstmordbomber zu werden. Diese Männer haben sich dazu entschieden", sagte Blair. "Wir wissen, wer die vier Männer waren, die die Bomben trugen - und wir glauben, dass sie alle tot sind." Er schloss nicht aus, dass es weitere Attentäter gab, die Ermittlungen konzentrierten sich jetzt aber auf die Hintermänner der Terrorserie, bei der 52 Menschen getötet worden waren. "Wir wissen nicht, ob es einen fünften, sechsten oder siebten Mann gab. Jetzt müssen wir herausfinden, wer die Anschläge plante", sagte Blair. Er nahm keine Stellung zur Identität des vierten Attentäters.

Auf die Rolle von al-Qaida angesprochen, erklärte der Chef der Metropolitan Police: "Al-Qaida ist keine Organisation, sondern eine Methode. Und dies trägt die Handschrift ihrer Vorgehensweise." Al-Qaida sei in der Lage, Terroristen auszubilden und mit dem notwendigen Fachwissen auszustatten. "Das ist hier geschehen."

Zu den weiteren Ermittlungen sagte Blair: "Wir müssen herausfinden, wer die Anschläge geplant hat, woher die finanziellen Mittel kamen und was aus dem Sprengstoff geworden ist." Der Leiter der Anti-Terrorabteilung Peter Clarke formulierte offene Fragen über die Identität der vier mutmaßlichen Attentäter hinaus: "Wer hat sie unterstützt? Wer hat sie finanziert? Wer hat sie ausgebildet? Wer hat sie ermutigt?" Er ergänzte: "Das wird noch viele Monate intensiver und detaillierter Ermittlungen erfordern."

Suche nach dem Chemiker

Bei ihren Ermittlungen zu den Urhebern durchsuchten Beamte von Scotland Yard heute eine weitere Wohnung in Leeds und evakuierten zahlreiche Häuser nahe der Wohngegend einiger der mutmaßlichen Attentäter. Eine Polizeisprecherin sagte, die Absperrung um ein Anwesen in der Lodge Lane im Vorort Beeston sei von 30 auf 100 Meter Breite ausgeweitet worden. Auch eine Moschee und eine Schule seien geräumt worden.

Die vierte Explosion bereitet der Polizei weiterhin Kopfzerbrechen, ereignete sie sich doch 57 Minuten nach den anderen und in einem Bus statt in einer U-Bahn. Daher wandte sich die Polizei mit Bildern des mutmaßlichen Bus-Attentäters und der Bitte um Hinweise an die Öffentlichkeit.

Britischer Polizist in Leeds: Eine Spur führt nach Jamaika
AP

Britischer Polizist in Leeds: Eine Spur führt nach Jamaika

Die "Times" berichtete unter Berufung auf Ermittlerkreise, der etwa 30-jährige Anführer der Attentäter sei bereits in frühere terroristische Taten verwickelt gewesen und habe Kontakte zu Vertrauten von Qaida-Chef Osama Bin Laden in den USA. Der Gesuchte sei im Juni in einem britischen Hafen angekommen und habe Großbritannien am Tag vor den Anschlägen wieder verlassen. Möglicherweise habe er die Attentäter zu Hause im nordenglischen Leeds aufgesucht und sie im Umgang mit den eingesetzten Rucksackbomben geschult.

Ein Hintermann soll laut "Times" der 33-jährige ägyptischstämmige Chemiedozent Magdi al-Nashar von der Universität Leeds sein. Wie die Universität des Bundesstaates North Carolina mitteilte, studierte Nashar zwischen Januar und Mai 2000 in den USA Chemie. Nach einem Bericht der Zeitung "The Sun" reiste er kurz vor den Anschlägen vom 7. Juli nach Ägypten aus. Die "Financial Times" berichtete, Scotland Yard habe am Dienstag die Wohnung des Chemikers durchsucht. Bei der Anschlagserie auf die Londoner U-Bahn und einen Doppeldeckerbus waren mindestens 52 Menschen getötet und 700 weitere verletzt worden.

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