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11. August 2006, 18:55 Uhr

Terrorismus

Die Pakistan-Connection

Von Yassin Musharbash

Nach der Enthüllung des Terrorplots von London wird deutlicher, dass die Möchtegern-Attentäter mit Islamisten in Pakistan in Verbindung standen. Diese längst etablierte Achse des Dschihad bereitet Terrorbekämpfern große Sorge. Denn sie ist so gefährlich wie diffus.

Berlin - "Ich und Tausende andere wie ich haben alles aufgegeben für das, woran wir glauben": Es war eine schreckliche Prophezeiung, die Mohammed Siddique Khan, einer der Londoner Rucksackbomber vom Juli 2005, da ausstieß - posthum, in seinem Märtyrervideo im Qaida-Style.

Lange Schlangen auf dem britischen Flughafen Gatwick: Eingespielte Achse des Dschihad
DPA

Lange Schlangen auf dem britischen Flughafen Gatwick: Eingespielte Achse des Dschihad

Heute, ein knappes Jahr nach Ausstrahlung dieses Videos und genau einen Tag nach Enthüllung eines weiteren gigantischen Terrorplans, der von London ausgehen sollte, sieht es aus, als seien Khans Worte beiseite gewischt. Denn wieder waren es vor allem Briten pakistanischer Abstammung mit Verbindungen in das Herkunftsland ihrer Vorväter, die massenhaft vornehmlich westliches Blut vergießen wollten. Und dieses Mal waren es nicht "nur" vier Attentäter, die sich auf den Weg gemacht hatten zu töten, sondern fast zwei Dutzend Möchtegern-Massenmörder, wahrscheinlich zusätzlich unterstützt von einer Logistik-Zelle, die noch einmal so viele Personen umfasste.

Sie hatten geplant, Passagierflugzeuge auf dem Weg in die USA mithilfe von Flüssigsprengstoff zu sprengen - Tausende Tote hätten die Folge sein können, je nachdem, wie viele Jets die Terroristen bestiegen hätten. Bereits gestern gab es erste Hinweise, dass dieser Horror-Plan nicht allein in Großbritannien ausgeheckt wurde, sondern dass es eine Pakistan-Connection gab. Glaubt man den pakistanischen Behörden, dann begann die Aufklärung des Komplotts bereits vor Wochen, als an der Grenze zu Afghanistan ein militanter Islamist festgenommen wurde, der erste Hinweise auf das Vorhaben gab.

Hochburgen des Islamismus

Vor einer Woche nahmen die Behörden in Lahore und Karatschi, beides Hochburgen des Islamismus, zwei Briten pakistanischen Ursprungs fest, die Schlüsselfiguren der Verschwörung gewesen sein sollen: "Sie wussten ganz genau über den Plan Bescheid, die Flugzeuge in die Luft zu jagen", sagte ein pakistanischer Polizist. Außerdem wurden fünf einheimische Helfer dingfest gemacht.

Diese Arretierungen - und wohl auch erste Umrisse des Terrorplans - teilten Pakistans Behörden den Briten und den USA mit, was dann wiederum zur Ausschaltung des restlichen Netzes in der Nacht zu Donnerstag führte. Es sei möglich, dass noch einzelne Mitverschwörer auf freiem Fuß seien, hieß es aus London; aber daran, dass die Terrorzelle nicht mehr schlagfähig ist, bestehe kein Zweifel.

Der Ermittlungserfolg war also das Ergebnis einer gedeihlichen Zusammenarbeit zwischen den pakistanischen und westlichen Behörden. Nach dem 11. September 2001 vor die Wahl gestellt, ob es zur Achse der Guten oder der des Bösen zählen wollte, hatte Pakistan unter Führung des Generals Pervez Musharraf die Kooperation mit dem Westen gewählt - und seine alten Verbündeten, die Taliban und viele Islamistengruppen, offiziell aufgegeben. Seitdem ist Islamabad rührend bemüht, seine Effektivität im Anti-Terrorkampf unter Beweis zu stellen. So auch gestern, als pakistanische Beamten ihre Mitwirkung stolz in jeden Block diktierten.

Doch diese nicht unerfolgreiche asiatisch-westliche Allianz gegen den Terror hat ein finsteres Spiegelbild, das sie erst nötig macht: eine Allianz zwischen in Großbritannien lebenden Dschihadisten mit pakistanischen Wurzeln und solchen, die nach wie vor in Pakistan beheimatet sind. Heute stellten die Briten ihren Partnern im Westen erste Ermittlungsergebnisse zur Verfügung. Etliche der in London Verhafteten waren mit jenen, die in Pakistan ins Netz gingen, verwandt, geht daraus hervor. Der pakistanische Teil von "Londonistan", wie Kritiker die islamistische Szene der britischen Hauptstadt nennen, ist ideologisch und organisatorisch offenbar eng mit der ursprünglichen Heimat verbandelt.

Die Heimat als Feind

Daraus wächst eine besondere Gefahr für Großbritannien, wie sich schon oft gezeigt hat - nicht erst bei dem Anschlag im vergangenen Juli, der 52 Menschen das Leben kostete. Im Frühjahr 2003 beispielsweise verhaftete die Polizei mehrere pakistanischstämmige Londoner, die 600 Kilogramm Dünger gehortet hatten, der zur Sprengstoffherstellung genutzt werden konnte - und offenbar auch sollte. Die Verfahren laufen noch, aber den Männern wird vorgeworfen, sie hätten Züge und Nachtclubs angreifen wollen.

Insgesamt will die britische Polizei seit dem blutigen 7. Juli 2005 vier Anschläge verhindert haben. Details gab sie kaum heraus. Dass aber Islamisten mit pakistanischem Hintergrund unter den mutmaßlichen Terroristen waren, gilt als sicher. Großbritannien, ihre vermeintliche Heimat, gilt vielen von ihnen, spätestens seit dem Irakkrieg, als Feindstaat, der mit allen Mitteln bekämpft werden muss.

Während sicher ist, dass über die Jahre eine ideologische Befruchtung dieser Klientel durch al-Qaida & Co. stattgefunden hat, wäre es jedoch zugleich falsch, die Islamistenachse Pakistan-Großbritannien einfach als Teil des Netzwerks von Osama Bin Laden zu beschreiben. "Die Bemühungen der britischen Beamten liefen ins Leere", schrieb die Londonder "Times" rückblickend über die Versuche, eine solche Verbindung im Falle der 7/7-Attentäter um Mohammed Siddique Khan nachzuweisen. "Sie konnte nicht bewiesen werden." Zwar adoptierte al-Qaidas Nummer zwei, Aiman al-Sawahiri, den U-Bahn-Anschlag 2005 gleichsam für sein Netzwerk. Aber dass es wirklich eine organisatorische Kooperation gegeben hat, glaubt bis heute kaum ein Experte.

Wenig Reisebewegungen

Im aktuellen Komplott sieht es bis jetzt ganz ähnlich aus: Nicht in einem einzigen Fall wissen die Behörden im Moment von einer Mitgliedschaft auch nur eines der Verhafteten in einer einschlägigen militanten Organisation wie etwa der in Pakistan aktiven Gruppen, etwa Lashkar e-Toiba oder Jamaat al-Dawat. Von al-Qaida-Verbindungen gibt es ebenfalls noch keine Kunde.

Die Beteuerungen pakistanischer Beamter, der Plot sei von (ungenannten) al-Qaida-Kadern in Afghanistan debattiert worden, werden im Westen angezweifelt. Auch ein angeblich bei einem der Verhafteten gefundenes, bereits gedrehtes Märtyrervideo beweist in Wahrheit nichts, wie das Beispiel Siddique Khan zeigt. In deutschen Behörden werden solcherlei Versuche vor allem der USA und Pakistans, eine starke Beziehung zu al-Qaida zu suggerieren, als eher plump bewertet. Sie gehen mehrheitlich davon aus, dass jenseits der ideologischen Führung sowieso keine operativen Fäden mehr bei Osama Bin Laden zusammenlaufen.

Natürlich muss das nicht bedeuten, dass die Festgenommenen nirgendwo organisiert und reine Freelancer des Dschihad waren. Auch im Falle der 7/7-Attentäter kamen erst nach und nach Details über Aufenthalte in pakistanischen Koranschulen heraus, von denen viele als von Militanten unterwandert gelten. Bis jetzt allerdings, so die ersten Informationen aus London, sollen selbst die Reisebewegungen zwischen Großbritannien und Pakistan eher ein geringes Ausmaß gehabt haben.

Ein loses Netzwerk aus Familie, Freunden und locker assoziierten Fanatikern, so der bisherige Stand der Dinge, war also für die Planung des größten Anschlags im Westen seit dem 11. September 2001 verantwortlich - und wohl eher nicht Osama Bin Laden und seine Höhlen-Gefährten. Die Achse Großbritannien-Pakistan, für diesen Zweck perfekt geeignet, bleibt so diffus wie gefährlich.

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