Terrorkontrollen in Frankfurt "Trinken Sie Ihren Hustensaft lieber gleich aus"

In Frankfurt am Main hat sich der Flugverkehr nach dem Londoner Terroralarm wieder normalisiert - auch in Richtung Großbritannien und USA. Doch unklare Vorschriften über Flaschen mit Babymilch und Kontaktlinsenflüssigkeiten irritieren immer noch viele Passagiere.

Von , Frankfurt am Main


Frankfurt am Main - Es ist noch früh für die beiden Mädchen, halb sechs Uhr morgens, verschlafen sitzen die Dreijährige und ihre acht Monate alte Schwester auf dem Schoß ihrer Mutter Christine Graeff. "Bislang gibt es noch nicht einmal größere Schlangen", freut sich die 33-jährige Frankfurterin, "hoffentlich bleibt das so."

Terrorangst in Frankfurt: Passagiere nehmen alle Flüssigkeiten aus ihrem Handgepäck
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Terrorangst in Frankfurt: Passagiere nehmen alle Flüssigkeiten aus ihrem Handgepäck

Sie ist auf dem Weg nach London, zur Hochzeit einer Freundin. "Unser Flug gestern Nachmittag wurde storniert - und jetzt hoffe ich, dass wir die Milchflaschen für unsere Kinder mit an Bord nehmen können - angeblich darf keine Flüssigkeit mit ins Handgepäck." Auf der anderen Seite sei sie natürlich froh, dass "ordentlich kontrolliert wird".

Ruhig und gelassen sind auch die anderen Passagiere in der Abflughalle E im Terminal 2 am Frankfurter Flughafen einen Tag nach dem Terroralarm am Londoner Flughafen Heathrow. Am Schalter der British Airways beginnt der Check-In für den ersten Flug in die Metropole an der Themse, Flug BA 901, Abflug 7.20 Uhr, alles läuft nach Plan.

Noch am Abend zuvor wirkte die Halle wie leergefegt: keine Menschen an den Schaltern, keine Wartenden auf den Sitzbänken; alle BA-Flüge nach London waren gestrichen worden, einige Passagiere konnten auf die ersten Lufthansa-Flüge gestern Abend umgebucht werden.

Das Gros der Menschen, die am Vortag in Frankfurt hängenblieben oder erst gar nicht von hier starten konnten, wartet nun auf die Abfertigung. Darunter aber auch viele, die den 7.20-Uhr-Flug ganz regulär gebucht haben. Wie zum Beispiel Axel Dross. Der 37-Jährige hat gerade seine Koffer aufgegeben, will über London nach New York fliegen. "Handy, Fotoapparat, alles musste ich in mein normales Gepäck räumen", erzählt er ein wenig genervt, "und als die meinen Hustensaft gesehen haben hieß es: Trinken Sie den mal lieber gleich aus."

"Überflüssige Panikmache"

Jetzt hat er nur noch ein Buch in der Hand und eine kleine Gürteltasche um den Bauch geschnallt. "Dass gestern so viele Flüge storniert wurden, halte ich für völlig überflüssig. Wenn die mutmaßlichen Täter doch festgenommen wurden, warum dann noch die ganze Aufregung?" Er hofft, dass ihn in London keine größeren Verzögerungen beim Umsteigen erwarten. "Ich finde, es sollte generell strenge Kontrollen geben, dann ist doch eine solche Panikmache zwischendurch überflüssig." Angst vor einem Terroranschlag hat er nicht, "es ist doch viel gefährlicher, mit dem Auto zu fahren".

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Thomas Tempel hingegen ist über die erhöhte Alarmstufe an den Flughäfen schon besorgt. Ein wenig mulmig sei ihm jetzt zumute, erzählt der 31-Jährige, der den Wochenendtrip nach Großbritannien schon vor Monaten geplant hat. "Ich habe mich gestern noch im Internet informiert, was ich mit an Bord nehmen darf", erklärt der junge Mann, "jetzt gebe ich meinen Trolley, den ich sonst als Handgepäck mitgenommen hätte, eben auf. Ansonsten hat alles ganz normal funktioniert - sogar der Quick-Check-In."

"Der Flugbetrieb in Deutschland hat sich aus unserer Sicht weitgehend normalisiert", bestätigt eine Frankfurter Sprecherin der Fluglinie British Airways, "wir nehmen an, dass 70 Prozent aller Kurzstreckenflüge heute planmäßig abgewickelt werden können." Die meisten Passagiere wurden am Vortag von der Stornierung ihrer Flüge unterrichtet, so dass am Flughafen Massenaufläufe Wartender gleich ausblieben.

"Hauptsache, wir kommen an"

"Die meisten Leute kommen schon sehr gut informiert am Flughafen an", staunt Volker Zintel vom Fraport Flug- und Terminalbetrieb. Probleme bereite im Moment einzig die zusätzliche Sicherheitsanweisung für Flüge nach Amerika, dass alle Schuhe mit dicken Sohlen ausgezogen und speziell geröntgt werden müssen. "Das führt noch zu einigen Verspätungen, aber wir sind zuversichtlich, das bald in den Griff zu bekommen."

Inzwischen werden die Reisenden in Abflughalle E per Durchsage darüber informiert, dass "das Mitnehmen von Flüssigkeiten an Bord nicht gestattet ist". Am Schalter wird jedem BA-Passagier ein Informationsblatt ausgehändigt, auf dem die aktuellen Richtlinien aus Großbritannien weitergegeben werden: Aus Sicherheitsgründen, so erklärt der DIN-A4-Zettel, dürften Transit-Passagiere zum Beispiel keine Brillenetuis oder Kontaktlinsen-Flüssigkeit mit ins Flugzeug nehmen. Flüssige Medizin sei nur in nachweislich wichtigen Ausnahmefällen erlaubt. Milch, Baby-Nahrung und Windeln für Kleinkinder sollten laut diesem Schreiben keine Probleme darstellen.

"Uns hat man jetzt aber trotzdem gesagt, dass wir die Flaschen vorher leeren müssen", erzählt Christine Graeff als sie vom Check-In zurückkommt. Sie und ihr Mann wollen bei den nächsten Sicherheitskontrollen noch einmal nachhaken. Irgendwie müsse man die Kleine ja auch bei Laune halten. Überhaupt fragt sich die junge Familie, warum man erst so plötzlich die Gefahr von Flüssigsprengstoff erkannt habe - "das wurde ja nicht erst gestern erfunden", so die junge Mutter. "Aber wie auch immer", sagt Graeff mit einem entspannten Schulterzucken, "Hauptsache wir kommen rechtzeitig in London an und verpassen nicht die halbe Trauung."



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