Terrorprozess in Spanien Angeklagte streiten Vorwürfe ab

In Spanien hat unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen der erste Prozess gegen islamistische Terrorverdächtige begonnen. Den 24 Männern wird vorgeworfen, Mitglieder der Terrororganisation al-Qaida gewesen zu sein. Doch die Angeklagten streiten das ab.

Aus Madrid berichtet


Angeklagte hinter Panzerglas: Herr Richter, es heißt der Dschihad
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Angeklagte hinter Panzerglas: Herr Richter, es heißt der Dschihad

Madrid - Das einstöckige Gebäude aus orangefarbenem Klinker mit den altmodischen schwarzgelackten Laternen ist verbarrikadiert. Panzerwagen und Polizisten stehen davor, ein Hubschrauber kreist über dem Gelände. Hier in diesem eigens zum Gerichtssaal mit Zellentrakt umgebauten Messepavillon am Rande von Madrid, aus Sicherheitsgründen nicht im Nationalen Gerichtshof im Zentrum der spanischen Hauptstadt, hat heute der europaweit bislang wichtigste Prozess gegen mutmaßliche Terroristen von al-Qaida begonnen.

Den 24 Angeklagten wird vorgeworfen, Mitglieder der spanischen Zelle der islamistischen Terrororganisation zu sein, die der Untersuchungsrichter Baltasar Garzón im November 2001, wenige Wochen nach den Anschlägen in New York und Washington ausgehoben hatte. Der Staatsanwalt Pedro Rubira hält den Hauptangeklagten Imad Eddin Barakat Jarkas, 42, genannt Abu Dahdah, für den Chef der Quaida-Zelle. Er habe in der Madrider Abu-Baker Moschee junge Muslime für den Dschihad rekrutiert und sie in militärische Trainingslager nach Afganistan geschickt.

Der Syrer aus Alepo habe auch im Juli 2001 das Treffen der Todespiloten in Spanien organisiert, bei dem Mohamed Atta mit drei Komplizen möglicherweise den 11. September für die Attacke auf die USA festlegten. Deshalb fordert die Staatsanwaltschaft für jeden der 2973 Toten von damals 25 Jahre Haft. Also insgesamt bis zu 74.000 Jahre für Jarkas, ebenso lange für dessen Helfer Driss Chebli und für Ghasoub Al Abrash Ghalyoun. Der soll im August 1997 in New York das World Trade Center gefilmt und die Aufnahmen an al-Qaida weitergeleitet haben. Die übrigen Angeklagten sind mit Haftstrafen zwischen 27 und neun Jahren bedroht.

Zur Eröffnung des Prozesses lauschten die Angeklagten in einem Kasten aus Panzerglas den Vorwürfen. Nur vier hatten sich in Anzug und Krawatte geworfen, wie der Syrer Mohamed Ghaleb Kalaje, 44, der mutmaßliche Finanzchef der Bande. Er soll terroristische Zellen im Jemen, der Türkei, Deutschland und Belgien mit Geld versorgt haben. Die meisten Bärtigen trugen trotz des frühlingshaften Wetters und der Enge im gepanzerten Kasten Wolljacken oder Sweatshirts. Der Journalist Taysir Alony vom Fernsehsender Al Dschasira, bekannt geworden durch sein Interview mit Osama Bin Laden in Afganistan, erhielt aus Gesundheitsgründen Haftverschonung und durfte im Saal sitzen. Die übrigen Angeklagten bleiben während des Prozesses in Untersuchungshaft.

Erste Aussage

Der Verteidiger von Abu Dahdah tat zum Auftakt kund, er halte das spanische Gericht nicht für zuständig, über internationalen Terrorismus zu urteilen. Außerdem beklagte er, die Beweise gegen seinen Mandanten seien "unzulässig" durch das Abhören von Telefongesprächen erlangt worden. Ungerührt hörten die drei Richter zu.

Dann rief der Präsident der Strafkammer der Nationalen Gerichtshofs den einzigen gebürtigen Spanier unter den Beschuldigten, José Luis Galán, 40, zur Befragung auf. Weil man seine Stimme aus dem Glaskasten nur undeutlich hörte, durfte der zum Islam konvertierte Madrilene vor dem Richtertisch zur Befragung Platz nehmen.

Der dicke Mann im blaukarierten Hemd war sichtlich überrascht, hatte er doch seine Vernehmung nicht vor Montag erwartet. So unvorbereitet, gab er vor, könne er sich an keinerlei Daten erinnern: "Herr Richter, ich habe ein gutes Gedächtnis für manches, aber mit Terminen bin ich eine Katastrophe", versuchte Galán auszuweichen. Er wollte sich auch nicht mehr daran erinnern, dass ein flüchtiger Terrorverdächtiger ihn per E-Mail aus Indonesien aufgefordert hatte, Waffen für "die Dschihad", so zitierte der Richter, zu beschaffen. Der Begriff "Dschihad" erfordere den männlichen Artikel, belehrte zudem der Angeklagte das Gericht. Dass er nach Indonesien gereist sei, um seinem Freund Geld zu bringen, leugnete er. Vielmehr habe er das größte muslimische Land kennen lernen wollen.

Der vergessliche Galán, bei dem Ermittler ein Arsenal von speziell für ihn angefertigten Waffen gefunden hatten, überzeugte auch nicht mit seiner Erklärung, ein Waffennarr zu sein. Auf die Frage, warum er auf Fotos in der Kampftracht der Mudschahedin zu sehen sei, antwortete er zur Belustigung der Frauen und Männer in den schwarzen Talaren: "Ich verkleide mich gern." Abschließend beteuerte er seine Unschuld.

Dass mutmaßliche Terroristen die ihnen zur Last gelegten Taten abstreiten, ist für die sonst mit Terrorprozessen so erfahrenen Richter und Staatsanwälte des Nationalen Gerichtshofs zu Madrid eine ungewohnte Taktik: Die Juristen haben es häufig mit der baskischen Separatistenbande Eta zu tun. Etarras bekennen sich meist stolz zu Morde und Autobombenanschlägen.

Ab Montag wird im Sondergebäude auf dem Messegelände weiterverhandelt. Das Urteil soll voraussichtlich in drei Monaten ergehen. Im kommenden Frühjahr könnte der flache Klinkerbau dann Schauplatz des Verfahrens um die Terroranschläge vom 11. März 2004 auf Madrider Vorortzüge werden.



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