Terrorverdacht Die Nonne, die nicht in den Himmel kam

Schwester Mary McPhee war eine Vielfliegerin. Doch im Oktober 2003 geriet die 62-jährige Ordensfrau auf die Flugverbotsliste der US-Geheimdienste – weil ein afghanischer Terrorverdächtiger sich ihres Namens bediente. Das US-Online-Magazin "Wired" schildert ihren neunmonatigen Alptraum.


Hamburg - Schwester Glenn Anne Mary McPhee ist eine geduldige Frau. Sie ist 62 Jahre alt, höflich, viel beschäftigt und gesetzestreu. Lediglich einmal ist sie bisher mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Da war sie jung, 23, und ist mit jugendlichem Leichtsinn schneller gefahren als erlaubt. Aber das ist lange her, als sie Mitte Oktober 2003 am Baltimore Washington International Airport erneut die Staatsgewalt zu spüren bekommt.

Wie üblich gibt sie dem Mitarbeiter ihrer Fluglinie, die sie nach Providence, Rhode Island, bringen soll, ihr Ticket und ihren Führerschein. Wie üblich gibt der Mitarbeiter die Daten in den Computer ein, um dann durch eine Tür auf der "Zutritt nur für Mitarbeiter" steht, zu verschwinden. Und: nicht wiederzukommen - eine ganze Stunde lang. Als er schließlich wieder auftaucht, ist er nicht allein: Zwei Polizisten nehmen sich der Ordensfrau an. Einer legt die Hand auf seine Waffe, während der andere mit seinem Handy telefoniert, um die Personalien der Schwester zu überprüfen. Weitere zwei Stunden und zwei verpasste Flüge später wird Schwester McPhee erlaubt, den Sicherheitsbereich zu betreten, wo man sie noch einmal von Kopf bis Fuß abtastet. "Das war der Anfang von neun höllischen Monaten", erzählt sie dem Online-Magazin "Wired".

Doch der Aufwand, den man um die Ordensschwester am Flughafen betrieb, hatte seinen Grund: Ein afghanischer Mann, nach dem die Ermittler wegen Terrorverdachts fahndeten, benutzte den Nachnamen McPhee. Und da auf der Liste kein Vorname des Mannes angegeben war, stand Schwester Glenn Anne Mary plötzlich unter Verdacht und auf der Flugverbotsliste, die die amerikanische Regierung erstellt hatte, um Terroristen davon abzuhalten, Flüge in den USA zu besteigen. Ungeachtet der geringen Ähnlichkeit, die sie mit dem Mann aufwies.

"Ich konnte nichts dagegen tun"

Schwester McPhee ist die Sekretärin der amerikanischen Bischofskonferenz für Bildungsfragen - und als solche zuständig für jegliche Form des katholischen Religionsunterrichts in den Vereinigten Staaten: von der Vorschule bis zur Universität. Sie berät das Ministerium für Bildung, hält häufig Vorträge auf Konferenzen und prüft die Religions-Schulbücher. Wegen ihrer Tätigkeit reist sie viel: zwei- bis dreimal pro Monat ist sie in den Vereinigten Staaten unterwegs - fast immer mit dem Flugzeug.

Von Oktober 2003 bis Juli 2004 war dies allerdings kaum möglich - die Nonne verbrachte die meiste Zeit damit, ihren Namen von der Flugverbotsliste der Regierung entfernen zu lassen. Ein Bemühen, das so lange ohne Erfolg blieb, bis die Geschichte von der Ordensschwester die Runde machte und schließlich beim Generalsekretär der Amerikanischen Bischofskonferenz, William P. Fay, ankam. Dieser schrieb einen Brief an Karl Rove, den persönlichen Berater von Präsident Bush. Jener wiederum kontaktierte den damaligen Heimatschutzminister Tom Ridge, der das Problem seinerseits an einen hochrangigen Mitarbeiter seiner Behörde weiterreichte.

"Es kam so weit, dass ich mich kaum noch getraut habe, zum Flughafen zu gehen, weil ich nicht absehen konnte, was passieren würde und ich nichts dagegen tun konnte", sagte die Nonne dem Magazin. "Ich habe wichtige Vorträge, die ich halten sollte, verpasst. Irgendwann begann ich damit, grundsätzlich mein Handgepäck aufzugeben, weil ich jedes Mal, wenn ich durch die Polizeikontrolle gegangen war, noch durch eine spezielle Sicherheitskontrolle musste, wo sie mich von Kopf bis Fuß durchsuchten. Sie kippten alles aus meiner Tasche, warfen es einmal durcheinander und drückten es mir wieder in die Hand."

Die Nonne ist nicht die Einzige auf der Liste

Die Nonne ist nicht die Einzige, deren Name auf der Überwachungsliste der Regierung auftaucht: Senator Edward Kennedy, Präsidentschaftskandidat John Anderson und Cat Stevens teilten das Schicksal der Ordensschwester. Sie waren jedoch ebenfalls in der Lage, das Missverständnis schnell mit Hilfe hochrangiger Bekannter aus der Welt zu schaffen.

Schwester McPhees Fall ist typisch für die Fehler und Unwägbarkeiten des Flughafen-Fahndungs-Systems, das nach dem 11. September in den USA ins Leben gerufen worden ist. Zuständig für die Namen auf der Flugverbotsliste ist die Verkehrssicherheitsbehörde. Ihr Vorgehen muss nun nach einem Antrag offen gelegt und von der Datenschutzbehörde untersucht werden. Das Ergebnis soll in dieser Woche veröffentlicht werden.

Der Datenschutzbehörde liegen auch die Protokolle der Anrufer vor, die sich im Call-Center der Verkehrssicherheits-Behörde über ihre Behandlung an den Flughäfen beschwert haben. Immer wieder seien sie um ihre Zeit und um ihre Flüge gebracht worden.

Beschweren sinnlos?

Auch die Nonne beschwerte sich wiederholt bei der Hotline der Verkehrssicherheitsbehörde - ohne Erfolg. Immer wieder sagte man ihr, sie würde zurückgerufen, binnen 72 Stunden. Stets wartete sie - vergeblich. "Für mich war das wie ein Schock", sagt sie. "Wie muss das erst für Menschen sein, die kein Englisch sprechen, für Einwanderer, für Menschen, die nicht die Bildung genießen konnten, die ich genießen durfte? Wenn so Amerika aussieht, ist das ziemlich traurig."

Trotz allem bewahrte sich die Nonne ihren Humor. Als sie mal wieder am Flughafen stand und untersucht wurde, machte sie eine höchst unkluge Bemerkung: "Wenn wir hier in Nordirland wären, dann könnte ich das alles ja noch verstehen." Worauf der Sicherheitsbeamte erwiderte: "Das habe ich jetzt gerade nicht gehört, Schwester. Andernfalls müsste ich sie auf der Stelle festnehmen."

Barbara Hans



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