Terrorverdächtige in London Die gefährlich netten Jungs von nebenan

Maurer, Pizzabäcker, Nachtwächter: Zwei Dutzend Männer hat die britische Polizei wegen der geplanten Terroranschläge festgenommen. Alle sind jung und waren bislang unauffällig - nur eine religiöse Radikalisierung einiger der Verdächtigen will deren Umfeld bemerkt haben.


London - Nach und nach werden immer mehr Einzelheiten über die 24 in Großbritannien festgenommenen Verdächtigen und deren Pläne bekannt. Die Bank of England fror die Konten von 19 der 24 Männer ein. Sie sind laut der britischen Zeitung "The Guardian" zwischen 17 und 35 Jahre und Muslime. Die pakistanische Polizei nahm ihrerseits schon vergangene Woche zwei Männer fest, die britische Staatsbürger sind und als Schlüsselfiguren der Verschwörung gelten. Unter fünf noch flüchtigen Verdächtigen soll auch der Kopf der Gruppe sein. Der 29-jährige mutmaßliche Anführer habe fünf Jahre nach den Anschlägen vom 11. September einen "spektakulären Anschlag" geplant, berichtete der US-Fernsehsender ABC unter Berufung auf pakistanische Ermittler.

Polizist vor einem Haus in High Wycombe: Nachbarn sind bestürzt
AP

Polizist vor einem Haus in High Wycombe: Nachbarn sind bestürzt

Von den Männern, deren Konten eingefroren wurden, ist laut "The Guardian" einer ein Maurer, ein weiterer ein Angestellter einer Pizzeria und ein dritter Nachtwächter. Unter den Verdächtigen soll auch der Vorsitzende der studentischen islamischen Gesellschaft an der London Metropolitan University sein, sowie zwei Brüder, die Gebrauchtwagenhändler sind, wie die Zeitung unter Berufung auf Ermittlungskreise berichtete.

Einer der Männer auf der Liste der Verdächtigen ist Ibrahim Savant. Wie viele junge Briten liebt er Fußball. Nachbarn und Freunde beschreiben den 25-Jährigen als normalen, netten Jungen. Nun soll er an einem Terrorplan beteiligt gewesen sein, Bombenanschläge auf mehrere transatlantische Flüge zu verüben. Hunderte Menschen wären nach Einschätzung der britischen Polizei gestorben, wäre das Vorhaben erfolgreich gewesen.

Ein normaler Durchschnittstyp

Im Umfeld von Savant kann sich niemand erklären, warum ausgerechnet der nette junge Mann von nebenan an den teuflischen Plänen beteiligt gewesen sein soll. Savant wohnt im Londoner Vorort Walthamstow im Osten der britischen Hauptstadt, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft weitgehend friedlich zusammenleben. "Wir sind zusammen aufgewachsen", sagte Assad, der seinen Nachnamen nicht nennen wollte. "Er ist ein normaler, durchschnittlicher Typ." Deshalb seien alle "überrascht und bestürzt", dass Savant jetzt mit den Planungen der Anschläge in Zusammenhang gebracht werde.

Laut Assad konvertierte Savant 1997 oder 1998 zum Islam und fing damit an, traditionelle Kleidung gläubiger Muslime zu tragen und sich einen Bart wachsen zu lassen. Er sei regelmäßig in die örtliche Moschee gegangen. Gearbeitet habe Savant in einem Kaufhaus in der Londoner Innenstadt. Ein Bekannter der Familie Savant sagte, der junge Mann habe sich sehr verändert. "Als er ein kleiner Junge war, haben wir ihn Oliver genannt", berichtet er. "Aber er hat seinen Namen geändert."

Ein zweiter Verdächtiger, der sich auf der Liste findet, ist Abdul Waheed. Er hieß nach Angaben von SkyNews bis vor wenigen Monaten noch Don Stewart-Whyte und stammt aus High Wycombe. Vor einem halben Jahr sei er zum Islam konvertiert und habe sich einen Vollbart wachsen lassen, heißt es auf der Website des Senders. "Früher hat er Joints geraucht und viel getrunken", zitiert SkyNews einen Nachbarn, "aber er hat sich total verändert." Unbestätigten Berichten zufolge ist Waheed der Sohn eines ehemaligen konservativen Politikstrategen.

Nach Angaben des US-Heimatschutzministers Michael Chertoff wollten die Verdächtigen Flüssigsprengstoff in Energiedrink-Flaschen in die Flugzeuge schmuggeln und an Bord zu Bomben mischen. Als Zünder hätten die Terroristen Geräte wie iPods und Blitzlichter von Kameras benutzen wollen. Nach US-Geheimdienstangaben hatten die Täter Flüge von Großbritannien zu "wichtigen Urlaubszielen" in den USA im Visier, wie New York, Washington, Los Angeles, Boston und Chicago.

Nach einem Bericht der "Washington Post" erfuhr der britische Geheimdienst erstmals über die geplanten mutmaßlichen Attentate, als ein Muslim nach den Bombenanschlägen in London im Juli vergangenen Jahres dem Dienst von verdächtigen Aktivitäten eines Bekannten erzählte. Im Dezember wurde dann auch die Polizei in London eingeschaltet, berichteten britische Zeitungen.

24 Stunden nach Inkrafttreten der höchsten Sicherheitsstufe normalisiert sich an den Flughäfen in Großbritannien der Passagierverkehr langsam. Es kommt aber weiter zu Verspätungen. Die höchste Sicherheitsstufe und die scharfen Sicherheitsvorkehrungen bleiben bestehen, teilte der britische Innenminister John Reid in London mit. Hunderte Flüge wurden gestern gestrichen

ffr/AFP/reuters

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