Therapie-Tagebuch Der Cremeschock in der Badewanne

Shampooflaschen und Bodylotion sehen sich zum Verwechseln ähnlich - jedenfalls mit einem bestimmten Medikamentenpegel im Blut. Creme macht sich aber weniger gut in den Haaren, stellt Jörg Böckem nach geraumer Zeit fest. Immerhin bleiben ihm wenig anheimelnde Turnübungen im Bett erspart.


An Weihnachten, sagt mein Arzt, soll ich Bilanz ziehen. Es ist Donnerstagmittag, und seit ungefähr zwei Wochen nehme ich abends 37,5 Milligramm Doxepin, ein leichtes Antidepressivum, gegen meine Reizbarkeit, die Stimmungsschwankungen und vor allem gegen die Schlafstörungen. Mittlerweile haben die Nebenwirkungen des Doxepin, unter denen ich in den ersten Tagen sehr gelitten habe, nachgelassen. Ich fühle mich weniger fremd und apathisch. Genau genommen sind es die Nebenwirkungen der Nebenwirkungen, da die Symptome, die ich mit dem Antidepressivum bekämpfe, von den Medikamenten ausgelöst werden, mit denen ich die Hepatitis C bekämpfe. Irgendwie absurd, das Ganze.

Pillenschachtel von Jörg Böckem: Irgendwie absurd
Jörg Böckem

Pillenschachtel von Jörg Böckem: Irgendwie absurd

Wahrscheinlich, sagt mein Arzt, wird sich mein Körper bis Weihnachten an das Doxepin gewöhnt haben, und die Nebenwirkungen werden weiter zurückgehen. Dann soll ich entscheiden, ob ich mich mit oder ohne Antidepressivum besser fühle. Natürlich gibt es die Möglichkeit, auf ein Präparat auszuweichen, dessen Wirkungs- und Nebenwirkungsspektrum etwas anders gelagert ist. Aber da es in erster Linie meine Schlafstörungen lindern soll, ist die Auswahl klein. Wirksame Schlafmittel machen abhängig, zumindest bei einer Einnahme über Monate - abgesehen von den rein pflanzlichen, und die helfen mir nicht. Einzige Alternative sei ein Antihistaminikum älterer Generation. Eine gute Idee. Ich bin Allergiker. Ich weiß aus Erfahrung, wie müde diese Tabletten machen und wie gut ich nach der Einnahme schlafe. Allerdings ist das wiederum eine unerwünschte Nebenwirkung des Antihistaminikums, die bei den neueren Mitteln weggeforscht wurde. Verrückte Medikamentenwelt! Egal, ich bin froh, eine Alternative zu haben.

Und auch bei meinen Hepatitis-Medikamenten gibt es Abwechslung. Mein Arzt verschreibt mir Tabletten mit 400 Milligramm Ribavirin, zusätzlich zu meinen üblichen 200ern. So komme ich mit nur zwei Tabletten morgens und abends auf meine Dosis von jeweils 600 Milligramm. Immerhin, eine neue Vielfalt in der Tablettendose.

Am Freitagabend setze ich mir die 15. Spritze. Danach steige ich in die Badewanne, wie jeden Freitag. Linda beobachtet amüsiert, wie ich minutenlang auf die Shampooflasche in meiner Hand starre. Ich habe meine Gründe: Eine Woche zuvor habe ich versucht, mir mit Bodylotion die Haare zu waschen.

Am Samstagmittag ruft Bernd an. Er denkt darüber nach, die Antidepressiva, die er eine Woche nach Ende seiner Hepatitis-C-Behandlung abgesetzt hat, wieder zu nehmen. Seine depressiven Stimmungen sind wieder stärker geworden. Es gibt Tage, an denen er in Düsternis versinkt, mit der Welt und dem Leben rettungslos überfordert. "Solche Phasen hatte ich vor Begin der Behandlung auch", sagt Bernd. "Aber weniger stark, und damals gab es unterm Strich mehr gute als schlechte Tage. Manchmal habe ich mich einige Wochen hintereinander gut gefühlt, bevor das nächste Tief kam. Damit konnte ich umgehen", sagt er. Jetzt seien die guten Tage eine kostbare Ausnahme.

Möglich, dass es sich noch um Nachwirkungen der Hepatitis-Medikamente handelt. Die Nebenwirkungen, vor allem psychische, können noch Monate nach Absetzen des Interferon und Ribavirin auftreten, da der Körper ungefähr ein halbes Jahr benötigt, die Wirkstoffe abzubauen. Ärzte empfehlen daher die Einnahme des Antidepressivums über das Ende der Behandlung hinaus fortzusetzen.

Körper und Geist im Treibsand

Die Entscheidung, wieder Zuflucht bei einem Medikament zu suchen, fällt Bernd schwer. Obwohl es ihn im Sommer gerettet hat: Drei Monate nach Beginn seiner Hepatitis-C-Therapie haben ihn die Depressionen überfallen, mit nie gekannter Wucht. Ihm war, als würden Körper und Geist in Treibsand stecken, jede Bewegung, jede Entscheidung erforderten eine schier übermenschliche Anstrengung. Sein Körper war wie festgekleistert auf dem Sofa, die Hände in den Schoß genagelt. Um ihn, vor ihm, hinter ihm nur Finsternis, die ihn verschlang und nie mehr freigeben würde.

Nur sein Verantwortungsbewusstsein zwang ihn auf die Füße. Er musste seinen zehnjährigen Sohn Paul morgens zur Schule bringen. Anderenfalls hätte er das Bett gar nicht verlassen. Arbeiten war unmöglich. Aufstehen und Frühstück bereiten forderte ihn schon über die Maßen. Er fühlte sich wie die Menschen in Hurrikangebieten, die sich mit aller Kraft gegen die Naturgewalten stemmen und nicht in der Lage sind, einen Schritt voran zu kommen. Sogar sein geliebter Sohn erschien ihm wie ein kleines, gemeines Ungeheuer, das mit schriller Stimme nach ihm schrie und mit Klauenfingern nach ihm griff. Er brüllte es an, dieses Monster, er wollte Ruhe, nur Ruhe. Das alles musste aufhören, unbedingt. Zum ersten Mal in seinem Leben wünschte er den Tod herbei. Dann wäre Frieden, endlich.

In einem lichten Moment erkannte Bernd, dass er seinen Sohn schützen musste und brachte Paul zu dessen Mutter. Das Antidepressivum, das ihm sein Arzt bei Ausbruch der Depressionen verschrieben hatte, wirkte nicht sofort. Bernd dachte darüber nach, sich zu seinem eigenen Schutz in eine psychiatrische Klinik einweisen zu lassen. Oder die Hepatitis-C-Behandlung abzubrechen. Durchzuhalten forderte seine letzten Reserven. Sein Arzt hatte ihm empfohlen, das Medikament prophylaktisch schon vor Beginn seiner Behandlung einzunehmen, da Bernd zu depressiven Schüben neigt. Damals hat er sich dagegen entschieden. Ein Fehler, sagt Bernd heute. Als nach drei Wochen die Wirkung des Antidepressivums einsetze, war es wie eine Erlösung.

Trotzdem, auch er blieb nicht von Nebenwirkungen verschont. Wie ferngesteuert habe er sich oft gefühlt, sagt er, und seine Empfindungsfähigkeit war deutlich eingeschränkt, im Guten wie im Schlechten. Sogar sein Lustempfinden habe gelitten. Der Sex mit seiner Freundin sei manchmal regelrecht zur Turnübung verkommen, der Orgasmus ließ oft lange auf sich warten, wie damals unter Heroineinfluss. Bernd konnte er es kaum erwarten, nach den Hepatitis-Medikamenten auch das Antidepressivum abzusetzen.

Ganz so übel hat es mich nicht erwischt, Gott sei Dank. Ich werde meine Entscheidung nach den Feiertagen fällen.


Wegen der Feiertage erscheint die nächste Folge des Therapie-Tagebuchs nicht wie gewohnt am Donnerstag, sondern erst am Freitag, 29. Dezember.



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