Therapie-Tagebuch "Desperate Housewives" statt besoffener Hausfrauen

Um einer Horde beschwipster, enthemmter Frauen zu entgehen, flüchtet SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem in die letzte Ecke seines Lieblingsrestaurants. Trotzdem wünscht er sich nach Hause aufs Sofa - Fernsehen kann eine Wohltat sein.


Erik war der erste von uns, den das Virus erwischte. Damals, vor mehr als zwanzig Jahren, als wir in einer Kleinstadt am Niederrhein lebten, Drogen nahmen und uns für unsterblich hielten. "Meine Leberwerte und die Viruslast sind stark angestiegen", sagt Erik am Telefon. "Von 600.000 Viren pro Milliliter Blut auf sechs Millionen." Es ist Donnerstagabend, und es ist ein Jahr her, dass ich Erik zuletzt gesehen habe. Er lebt seit Ende der Achtziger in Berlin, lange schon drogenfrei. In den vergangenen Monaten, sagt Erik, habe er sich häufig müde und matt gefühlt. Im Januar plant er, mit seiner Hepatitis-C-Therapie zu beginnen.

"Desperate Housewives"-Darstellerinnen: Perfekter Abend auf dem Sofa
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"Desperate Housewives"-Darstellerinnen: Perfekter Abend auf dem Sofa

Für einige Jahre war Erik mir näher als ein Bruder. Es waren Jahre, die unser weiteres Leben prägen sollten. Mein erster LSD-Trip, mein erster Heroindruck, meine Verhaftung in Amsterdam - Erik war immer dabei. Wir teilten Drogen, Mädchen, Geld, Platten und alles, was damals sonst noch zählte. Erik war gerade volljährig, als bei ihm eine Hepatitis diagnostiziert wurde, die sein Arzt nicht genauer klassifizieren konnte. "Non A, Non B" hieß das damals, in den achtziger Jahren waren nur Hepatitis A und B bekannt. In den Neunzigern schließlich wurde seine Hepatitis C Typ 2 festgestellt. Weil seine Leberwerte über Jahre unauffällig blieben und die Virenzahl niedrig, hat er bisher von einer Behandlung abgesehen.

Erik ist Ende 30 und Sozialarbeiter. Er betreut Behinderte. Er hat vier Kinder und einen Meistergrad in einer koreanischen Kampfkunst-Disziplin. An mehreren Abenden in der Woche trainiert er oder gibt Unterricht. Es ist wahrscheinlich, dass die Behandlung sein Leben ziemlich durcheinanderbringen wird. Dennoch - ich rate Erik zur Therapie. Trotz der ständigen Schmerzen, der Mattigkeit, der Schlafstörungen und der Kälte habe ich die Entscheidung noch keine Minute bereut. Zumal Eriks Behandlung nur sechs Monate dauern wird, und seine Heilungschancen höher liegen als bei mir. Der Genotyp 2 ist einfacher zu behandeln als mein Typ 1.

Am Freitagabend habe ich mir die zwölfte Spritze gesetzt. Ein Viertel der Therapie ist geschafft. Am Samstagmittag bringt der Postbote ein Paket mit Comics, Rezensionsexemplare des Verlages Panini. Neben "Batman"- und "X-Men"-Heften, die ich seit meiner Kindheit liebe, sind auch Alben des Verlages Vertigo dabei. Sie gehören zum Besten, was auf dem amerikanischen Comicmarkt seit den Neunzigern veröffentlicht wird. Mein Wochenende ist gerettet!

Am Dienstagabend um 18 Uhr hole ich Simone von der Arbeit ab. Ihr Laden liegt nur wenige Straßen von meiner Wohnung entfernt. Wir gehen in ein nahe gelegenes Restaurant, ins Cafe Hirsch, mein Lieblingsrestaurant. Ich war seit vielen Wochen nicht mehr hier. Nach wenigen Minuten weiß ich wieder, warum. An dem Tisch hinter mir sitzen fünf Frauen mittleren Alters. Sie sind angetrunken. Sie selbst würden es wohl beschwipst nennen. Sie reden laut und lachen schrill. Hinter meinem Rücken ballen sich ihre Stimmen bedrohlich zusammen, wie eine Gewitterwolke. Eine sticht heraus, gleißend wie ein Blitz, schrill und laut wie ein Nebelhorn, fährt mir in die Glieder, fräst sich in meinen Kopf. Ein akustischer Übergriff, dem ich nicht gewachsen bin. Ich muss hier weg!

"Mir reicht's!"

Am anderen Ende des Raumes ist das Stimmengewirr auszuhalten, gerade so. Zum Glück bietet das Restaurant so früh am Abend noch genügend freie Plätze. Und die meisten Gäste sind noch nicht betrunken. Alkohol wird immer mehr zu einem Problem für mich. Zu Beginn der Behandlung habe ich es noch hin und wieder bedauert, kein Bier trinken zu dürfen, an warmen Spätsommerabenden auf der Terrasse des Italieners um die Ecke oder wenn im Fernsehen ein Champions-League-Spiel lief.

Mittlerweile gehen mir Betrunkene fürchterlich auf die Nerven. Das Laute, Enthemmte, der beginnende Kontrollverlust setzen mir zu. Kommt mir all das zu nahe, empfinde ich es als Bedrohung. Wenn Linda zu ihrem Essen mehr als zwei Gläser Wein trinkt, wird sie mir schon fremd. Ich mag sie dann kaum noch um mich haben, obwohl ich sie liebe. Mir graut vor Silvester.

Simone trinkt Apfelschorle. "Mir reicht's", sagt sie. "Ich hab die Schnauze voll von den ständigen Schmerzen, dem Juckreiz, den Schlafstörungen." Simone hat neun Monate ihrer Hepatitis-C-Therapie hinter sich, drei Monate liegen noch vor ihr. Sie fühlt sich wie gerädert, mag kaum noch in den Spiegel sehen, ihr Gesicht ist ausgezehrt, sie hat dunkle Ränder unter den Augen, die Haare fallen ihr aus.

Trotzdem steht sie Tag für Tag bis 18 Uhr in ihrem Laden - eine ungeheure Belastung. "Ich möchte mich endlich wieder normal fühlen", sagt sie. Auch ihr Sozialleben gehe völlig vor die Hunde. Ihr Kampfsporttraining hat sie schon vor Monaten aufgeben müssen. Für Verabredungen fehlt ihr meist die Kraft, und wenn sie jemanden trifft, weiß sie nichts zu erzählen. Ihr einziges Thema sind die Nebenwirkungen ihrer Behandlung, ihre Schmerzen und Ängste. Für die meisten Menschen nicht besonders unterhaltsam, zumindest nicht ständig. "Ich vermisse die Leichtigkeit", sagt sie, "ich möchte mich endlich wieder unbeschwert fühlen, ausgelassen und albern sein." Im März, nach dem Ende ihrer Behandlung, möchte sie eine Kur antreten. Die Klinik hat sie sich schon ausgesucht. Sie kann es kaum noch erwarten.

Gegen 20 Uhr verabschieden wir uns. Wir sind beide völlig erledigt. "Andere gehen jetzt ins Kino, in eine Kneipe oder in ein Konzert", sagt Simone. "Und wir müssen aufs Sofa. Irgendwie bitter." Nein, das ist okay so, finde ich. Ich habe einen erfüllten Tag hinter mir - nachmittags einen Text geschrieben, den Abend mit Simone verbracht, gleich eine Folge "Desperate Housewives" mit Linda auf dem Sofa, das ist mehr als genug.

Ich hoffe, dass es mir in sechs Monaten noch genauso geht.



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