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05. Juli 2007, 19:13 Uhr

Therapie-Tagebuch

Leben wie ein Langstreckenflug

Festgezurrt, ohne Bewegungsfreiheit, zur Untätigkeit verdammt: So fühlt sich SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem in der 43. Woche seiner Hepatitis-C-Behandlung. Schicksalsergeben wartet er auf das Ende der Therapie.

Freitag bekomme ich Besuch von guten, alten Bekannten: Die Gliederschmerzen sind zurück und mit ihnen das Gefühl tiefer Erschöpfung. Einige Wochen haben sie mich verschont, jetzt sind sie wieder da. Und sie machen sich ganz schön breit, als wollten sie Versäumtes nachholen - sogar der Weg vom Wohnzimmer in die Küche schafft mich. Gleichzeitig fühle ich mich unruhig, nicht ausgelastet. Ich bin die Untätigkeit leid, mag nicht sitzen oder liegen. Alles andere aber ist zu anstrengend.

Flugzeugkabine vor dem Boarding: Keine Chance auf eine angenehme Position
DDP

Flugzeugkabine vor dem Boarding: Keine Chance auf eine angenehme Position

Ich fühle mich eingesperrt, abgestumpft. Ich brauche Bewegung, in jeder Hinsicht, Sport, Aktivität, Veränderung, neue Eindrücke. Wenn ich nicht so schwach und antriebslos wäre, meine Batterien sind restlos leer gesaugt. Leben wie ein Langstreckenflug mit einem Billigflieger - festgezurrt auf engem Raum, keine Bewegungsfreiheit und kaum eine Chance, dauerhaft eine angenehme Position oder eine befriedigende Beschäftigung zu finden. Schicksalsergeben da sitzen, die Welt durch eine dicke Plastikscheibe betrachten und auf das Ende der Reise warten.

Am Abend setze ich mir die 43. Interferonspritze, bleiben noch fünf. Das Ende dieser Reise ist nahe. Doch der Endspurt setzt mir gehörig zu. Genau genommen kann von Spurt keine Rede sein, ich bewege mich mit dem Elan einer Wanderdüne durch die Welt, mein Gehirn hat auf Notbetrieb geschaltet. Sonntag lege ich mich nach dem Frühstück direkt wieder hin, sogar sitzen schafft mich. Die "FAS" und die Wochenendausgabe der "SZ" lese ich eher pflichtschuldig als interessiert, vergesse das Gelesene schon nach wenigen Minuten. Alle Musik klingt schal und nicht einmal eine neue Folge der "Simpsons" kann mich aufheitern.

Ich bin kurz davor, den Plan, im Anschluss an die Behandlung eine Kur zu beantragen, wieder fallen zu lassen – allein das Ausfüllen des Fragebogens stellt ein schier unüberwindliches Hindernis dar. Außerdem muss ich in der nächsten Woche mit meinem Wagen zum TÜV, Ende des Monats läuft mein Handyvertrag aus und mein Festplattenrecorder hat Macken, er muss in die Reparatur. Allein der Gedanke daran lähmt mich, alles ist mir zuviel. Vom Alltag überfordert: Seit zwei Tagen gammelt gewaschene, feuchte Kleidung in meiner Waschmaschine. Zu anstrengend, sie aufzuhängen. Ich werde sie noch einmal waschen müssen. Gestern habe ich horrende Nachgebühren für eine geliehene DVD bezahlt. Ich war tagelang nicht in der Lage, sie zurückzubringen. Dienstag habe ich eine Lesung in Pforzheim. Keine Ahnung, wie das gehen soll. Aber am Ende geht es dann doch immer irgendwie. Glücklicherweise hält mich meine Arbeit zumindest ein wenig in Bewegung.

Am Nachmittag kommt eine SMS. "Bin gerade manisch und in der Psychiatrie. Mir geht’s hervorragend!" Die SMS stammt von B., einem jungem Mann, den ich bei den Recherchen zu meinem letzten Buch kennen gelernt habe. Seine Psychosen und Wahnvorstellungen haben B. schon um seine Existenz und ein halbes Dutzend Mal in die geschlossene Psychiatrie gebracht. Einige Monate zuvor hat er geheiratet, ich hatte gehofft, dass er von weiteren Psychosen und manisch-depressiven Episoden verschont bleibt. Im Vergleich zu den Unwettern, die in seinem Inneren toben, erscheinen mir meine Stimmungsschwankungen, meine Unzufriedenheit und meine Antriebslosigkeit wie ein lauer Sommerregen.

Später ruft Simone an. Sie fühlt sich seit einigen Tagen krank. "Ich hoffe, es ist nur eine Grippe", sagt sie. Jedes Mal, wenn sie sich nicht wohl fühlt, ist sofort die Angst vor dem Virus da. Simone hat ihre Hepatitis-C-Behandlung Anfang März beendet, erst im September wird sie erfahren, ob das Virus dauerhaft aus ihrem Körper verschwunden ist. Im Moment macht ihr jede Erkältung Angst und jedes Glas Wein ein schlechtes Gewissen.

Abends schleppt mich Bernd ins Kino, "Stirb langsam 4.0". Anschließend quäle ich mich die vier Stockwerke zurück in meine Wohnung, als ich oben ankomme fühle ich mich wie Bruce Willis, nachdem ihm Gebäude, Autos und ein Düsenjet auf den Kopf gefallen sind.

Montag ruft Steffen an. Er arbeitet als Dramaturg am Theater. G. ist tot. Ich habe G., einen Theaterregisseur aus Wien, vor drei Jahren kennen gelernt, in "Danach war alles anders" habe ich seine Lebens- und Suchtgeschichte aufgeschrieben. Wir mochten uns auf Anhieb und haben einige Zeit miteinander verbracht, vor zwei Jahren haben Linda und ich G. und seine Freundin für ein langes Wochenende in Wien besucht. G. ist, war, Anfang 40, talentiert, charmant, attraktiv und aus gutem Haus. Außerdem Alkoholiker und immer wieder von Depressionen geplagt. Offiziell heißt es, er sei in der Nacht vom Balkon seiner Wohnung gestürzt. Die Nachricht schockt mich, sie hinterlässt ein Gefühl von Taubheit und Leere; an den Tod werde ich mich wohl nie gewöhnen. An einen Unfall kann ich nicht recht glauben. Die Zeit ist mehr als reif für gute Nachrichten.

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