Therapie-Tagebuch Leben wie ein Langstreckenflug

Festgezurrt, ohne Bewegungsfreiheit, zur Untätigkeit verdammt: So fühlt sich SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem in der 43. Woche seiner Hepatitis-C-Behandlung. Schicksalsergeben wartet er auf das Ende der Therapie.


Freitag bekomme ich Besuch von guten, alten Bekannten: Die Gliederschmerzen sind zurück und mit ihnen das Gefühl tiefer Erschöpfung. Einige Wochen haben sie mich verschont, jetzt sind sie wieder da. Und sie machen sich ganz schön breit, als wollten sie Versäumtes nachholen - sogar der Weg vom Wohnzimmer in die Küche schafft mich. Gleichzeitig fühle ich mich unruhig, nicht ausgelastet. Ich bin die Untätigkeit leid, mag nicht sitzen oder liegen. Alles andere aber ist zu anstrengend.

Flugzeugkabine vor dem Boarding: Keine Chance auf eine angenehme Position
DDP

Flugzeugkabine vor dem Boarding: Keine Chance auf eine angenehme Position

Ich fühle mich eingesperrt, abgestumpft. Ich brauche Bewegung, in jeder Hinsicht, Sport, Aktivität, Veränderung, neue Eindrücke. Wenn ich nicht so schwach und antriebslos wäre, meine Batterien sind restlos leer gesaugt. Leben wie ein Langstreckenflug mit einem Billigflieger - festgezurrt auf engem Raum, keine Bewegungsfreiheit und kaum eine Chance, dauerhaft eine angenehme Position oder eine befriedigende Beschäftigung zu finden. Schicksalsergeben da sitzen, die Welt durch eine dicke Plastikscheibe betrachten und auf das Ende der Reise warten.

Am Abend setze ich mir die 43. Interferonspritze, bleiben noch fünf. Das Ende dieser Reise ist nahe. Doch der Endspurt setzt mir gehörig zu. Genau genommen kann von Spurt keine Rede sein, ich bewege mich mit dem Elan einer Wanderdüne durch die Welt, mein Gehirn hat auf Notbetrieb geschaltet. Sonntag lege ich mich nach dem Frühstück direkt wieder hin, sogar sitzen schafft mich. Die "FAS" und die Wochenendausgabe der "SZ" lese ich eher pflichtschuldig als interessiert, vergesse das Gelesene schon nach wenigen Minuten. Alle Musik klingt schal und nicht einmal eine neue Folge der "Simpsons" kann mich aufheitern.

Ich bin kurz davor, den Plan, im Anschluss an die Behandlung eine Kur zu beantragen, wieder fallen zu lassen – allein das Ausfüllen des Fragebogens stellt ein schier unüberwindliches Hindernis dar. Außerdem muss ich in der nächsten Woche mit meinem Wagen zum TÜV, Ende des Monats läuft mein Handyvertrag aus und mein Festplattenrecorder hat Macken, er muss in die Reparatur. Allein der Gedanke daran lähmt mich, alles ist mir zuviel. Vom Alltag überfordert: Seit zwei Tagen gammelt gewaschene, feuchte Kleidung in meiner Waschmaschine. Zu anstrengend, sie aufzuhängen. Ich werde sie noch einmal waschen müssen. Gestern habe ich horrende Nachgebühren für eine geliehene DVD bezahlt. Ich war tagelang nicht in der Lage, sie zurückzubringen. Dienstag habe ich eine Lesung in Pforzheim. Keine Ahnung, wie das gehen soll. Aber am Ende geht es dann doch immer irgendwie. Glücklicherweise hält mich meine Arbeit zumindest ein wenig in Bewegung.

Am Nachmittag kommt eine SMS. "Bin gerade manisch und in der Psychiatrie. Mir geht’s hervorragend!" Die SMS stammt von B., einem jungem Mann, den ich bei den Recherchen zu meinem letzten Buch kennen gelernt habe. Seine Psychosen und Wahnvorstellungen haben B. schon um seine Existenz und ein halbes Dutzend Mal in die geschlossene Psychiatrie gebracht. Einige Monate zuvor hat er geheiratet, ich hatte gehofft, dass er von weiteren Psychosen und manisch-depressiven Episoden verschont bleibt. Im Vergleich zu den Unwettern, die in seinem Inneren toben, erscheinen mir meine Stimmungsschwankungen, meine Unzufriedenheit und meine Antriebslosigkeit wie ein lauer Sommerregen.

Später ruft Simone an. Sie fühlt sich seit einigen Tagen krank. "Ich hoffe, es ist nur eine Grippe", sagt sie. Jedes Mal, wenn sie sich nicht wohl fühlt, ist sofort die Angst vor dem Virus da. Simone hat ihre Hepatitis-C-Behandlung Anfang März beendet, erst im September wird sie erfahren, ob das Virus dauerhaft aus ihrem Körper verschwunden ist. Im Moment macht ihr jede Erkältung Angst und jedes Glas Wein ein schlechtes Gewissen.

Abends schleppt mich Bernd ins Kino, "Stirb langsam 4.0". Anschließend quäle ich mich die vier Stockwerke zurück in meine Wohnung, als ich oben ankomme fühle ich mich wie Bruce Willis, nachdem ihm Gebäude, Autos und ein Düsenjet auf den Kopf gefallen sind.

Montag ruft Steffen an. Er arbeitet als Dramaturg am Theater. G. ist tot. Ich habe G., einen Theaterregisseur aus Wien, vor drei Jahren kennen gelernt, in "Danach war alles anders" habe ich seine Lebens- und Suchtgeschichte aufgeschrieben. Wir mochten uns auf Anhieb und haben einige Zeit miteinander verbracht, vor zwei Jahren haben Linda und ich G. und seine Freundin für ein langes Wochenende in Wien besucht. G. ist, war, Anfang 40, talentiert, charmant, attraktiv und aus gutem Haus. Außerdem Alkoholiker und immer wieder von Depressionen geplagt. Offiziell heißt es, er sei in der Nacht vom Balkon seiner Wohnung gestürzt. Die Nachricht schockt mich, sie hinterlässt ein Gefühl von Taubheit und Leere; an den Tod werde ich mich wohl nie gewöhnen. An einen Unfall kann ich nicht recht glauben. Die Zeit ist mehr als reif für gute Nachrichten.



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Seite 1
wassoll, 05.07.2007
1.
Der Autor Her Böckem hat sich durch seine Drogensucht doch selbst in die Situation gebracht. Mitleid ist also total fehl am Platz. Es hat ihn niemand zum Drogenkonsum gezwungen. So trist kann die Jugend in Erkelenz auch nicht gewesen sein, daß es zur Droge keine Alternative gab. Millionen andere sind in Kleinstädten zu geachteten Mitgliedern der Gesellschaft herangewachsen. Ich gehe mal davon aus, daß Herr Böckem krankenversichert ist und die Behandlungskosten übernommen werden. Selbstverschuldete Erkrankungen sollten zumindest mit einem EIGENANTEIL belastet werden. Ich meine das generell und möchte auch nicht zwischen Drogensucht und Skiunfall unterscheiden. Vielleicht wäre eine Lösung ähnlich der KFZ-Versicherung denkbar, dort werden grob fahrlässig verschuldete Unfälle zwar von der Versicherung reguliert, der Fahrer aber mit bis zu Euro 5.000 in Regreß genommen. Noch zu meiner Person, ich bin 12 Jahre älter als Herr Böckem, habe nie Drogen genommen, nie geraucht und trinke nicht, außer dem gelegentlichen Glas guten Weines zum Essen. Ich kann nicht ausschließen, daß ich auch mal krank werde, versuche aber, offensichtliche Risikosituationen zu vermeiden.
Mona_Baudelaire 06.07.2007
2. was solls...
Fahren Sie Auto? Wenn Sie einen Autounfall haben und verletzt werden, ist es wohl die logische Konsequenz dass Sie Ihre Behandlung dann auch selbst bezahlen. Es ist irrelevant ob Sie schuld sind oder nicht, denn schliesslich haben Sie sich in die Situation begeben. Schoen, dass Sie so ein Saubermann sind, da haben Sie ja Glueck gehabt. Ich habe selbst drei Hepatitis C-Behandlungen durchgemacht bis ich geheilt war und ja, so gesehen bin ich auch selbst dran schuld. Jemand, der so wie sie noch nie Drogen genommen hat und ueberhaupt keinen Plan von der Problematik hat, sollte sich mit seinen Platitueden lieber zurueckhalten. Uebrigens, ich bin etwa im gleichem Alter wie Herr Boeckem. Zu unserer Drogenzeit war Hepatitis C ueberhaupt noch nicht entdeckt. Es gab auch nicht viele Moeglichkeiten, saubere Spritzen zu bekommen, weil solche Saubermaenner wie Sie dass fuer verwerflich und Beihilfe hielten. Haette es damals schon saubere Spritzen zur staendigen Verfuegung gegeben, haetten sich viele HCV- und HIV-Faelle vermeiden lassen. Das haette den Staat ein paar Pfennige gekostet.
Mona_Baudelaire 06.07.2007
3. Therapiebericht
Ich finde die Kolumne von Herrn Boeckem sehr gut. Vor allem weil ich mir vorstellen kann, wie schwer es ihm faellt im Moment zu schreiben. Vielen Leuten wird das eine Hilfe sein um mit ihrer eigenen Krankheit klarzukommen. Es ist allerdings eine subjektive Sicht. Nicht jeder muss so massive Probleme mit der Interferon-Behandlung bekommen. In meinem Fall war die erste Behandlung ziemlich heftig, weil ich erst spaet gemerkt habe, dass ich Depressionen bekam. Nachdem ich ein Antidepressiva bekam, war es einigermassen ok. Die anderen zwei Behandlungen waren im Vergleich zu Herrn Boeckems Erfahrungen ein Spaziergang. Es wirkt sich auf jeden anders aus. Eine andere Person, die genau die gleiche Dosierung und Ribavirin wie ich bekommen hat, musste abbrechen weil sie tagelang hohes Fieber hatte. Warum sich das gleiche Medikament so unterschiedlich auswirken kann, weiss ich nicht.
chrome_koran 06.07.2007
4. Ich nehme an, das meinen Sie alles ironisch.
Zitat von wassollDer Autor Her Böckem hat sich durch seine Drogensucht doch selbst in die Situation gebracht. Mitleid ist also total fehl am Platz. Es hat ihn niemand zum Drogenkonsum gezwungen. So trist kann die Jugend in Erkelenz auch nicht gewesen sein, daß es zur Droge keine Alternative gab. Millionen andere sind in Kleinstädten zu geachteten Mitgliedern der Gesellschaft herangewachsen. Ich gehe mal davon aus, daß Herr Böckem krankenversichert ist und die Behandlungskosten übernommen werden. Selbstverschuldete Erkrankungen sollten zumindest mit einem EIGENANTEIL belastet werden. Ich meine das generell und möchte auch nicht zwischen Drogensucht und Skiunfall unterscheiden. Vielleicht wäre eine Lösung ähnlich der KFZ-Versicherung denkbar, dort werden grob fahrlässig verschuldete Unfälle zwar von der Versicherung reguliert, der Fahrer aber mit bis zu Euro 5.000 in Regreß genommen. Noch zu meiner Person, ich bin 12 Jahre älter als Herr Böckem, habe nie Drogen genommen, nie geraucht und trinke nicht, außer dem gelegentlichen Glas guten Weines zum Essen. Ich kann nicht ausschließen, daß ich auch mal krank werde, versuche aber, offensichtliche Risikosituationen zu vermeiden.
Worunter sind Sie denn geneigt, zu unterscheiden? Manchen Autoren zu Folge ist jede Krankheit auf irgendeine Weise "selbst verschuldet". Kausale Zusammenhänge sind dabei oft genauso willkürlich wie fragmentarisch und unbewiesen. Nach Ihrem Prinzip könnten Sie jedwede Krankenversicherung abschaffen - oder, besser noch, Beiträge kassieren und im Versicherungsfall Kunden pauschal in Regress nehmen. Lungenkrebs? Selber schuld, warum lebte er in den 1960er mit dem ganzen Asbest. Schwangerschafts-Komplikationen? Selbst schuld, keiner hat sie gezwungen, ein Kind zu kriegen. NB: Die Krankheit von Herrn Böckem ist keine Folge des Drogenmissbrauches, sondern die einer viralen Infektion. Dass durch die unnötige Illegalität mancher Drogen die "User" irgendwann in hygienisch zweifelhafte Umstände geraten, ist weder der Droge noch Herrn Böckem anzulasten. Das hoffe ich! Das ist Ihre persönliche Entscheidung, die wohl kaum jemand in Frage stellt (was durchaus ginge, zum Beispiel: "Sie führen vermutlich ein sehr langweiliges Leben"). Dass Ihre Abstinenz Sie aber nicht automatisch zu einem besseren Menschen macht - zu einem schlechteren auch nicht - dürfte Ihnen aber schon klar sein, oder?
rem023, 06.07.2007
5. Ignorant
Leute wie Du sind der Grund, warum viele den Weg aus einer Sucht nicht finden... und manchmal frage ich mich, warum sie den Weg denn suchen sollten, wenn Ihnen soviel Ignoranz und Arroganz entgegenschlägt. Der Begriff Emphatie scheint für Dich eben auch nur ein Konversationsbegriff zu sein.
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