Therapietagebuch Ständiger Festplattenabsturz im Gehirn

Und wieder etwas vergessen: Dass sein Geist mitunter ungefragt spazierengeht, ist SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem in der siebten Woche seiner Therapie schon gewöhnt. Da hilft nur eine gehörige Portion Improvisation.


Donnerstagabend lese ich an einem Gymnasium in Thüringen, ungefähr 400 Kilometer von Hamburg entfernt; als ich ankomme, ist das Virus schon da.

Jörg Böckems Medikamente: Die Belastung steigt
Jörg Böckem

Jörg Böckems Medikamente: Die Belastung steigt

Ich komme zu spät. Wie bei der Deutschen Bahn üblich sind aus den knapp vier Stunden Fahrzeit mehr als fünf geworden. Ich bin frühzeitig losgefahren, hatte geplant, mich nach der Reise noch eine Stunde in meinem Hotelzimmer auszuruhen. Meine Erholungspause ist zum Teufel, im Gegenteil, ich muss mich beeilen. Eigentlich müsste es eine Möglichkeit geben, die Bahn in solchen Fällen auf Schadensersatz wegen Vernichtung von Lebenszeit zu verklagen.

Kurz vor Beginn der Lesung fällt mir auf, dass ich die falschen Manuskripte eingepackt habe, ich muss improvisieren. Irgendwann musste so etwas geschehen. Nicht nur, dass meine Konzentrationsfähigkeit stark eingeschränkt ist, auch mein Kurzzeitgedächtnis schaltet sich immer wieder zwischenzeitlich ab, eine Art Festplattenabsturz im Gehirn. Bei längeren Gesprächen kann ich irgendwann nicht mehr folgen, mein Geist geht spazieren. Oder ich stehe in der Küche oder im Schlafzimmer, sehe mich suchend um und frage mich, was zum Teufel ich da eigentlich wollte.

Preußische Disziplin hilft nicht immer

Nach der Lesung erzählt mir der Veranstalter, Mitte 40, Doktor der Jurisprudenz und Inhaber einer Buchhandlung, dass vor rund 15 Jahren in seinem Blut ebenfalls Hepatitis-C-Antikörper festgestellt wurden. Das Virus scheint allgegenwärtig. Bei einer Routineuntersuchung waren dem Arzt die erhöhten Leberwerte aufgefallen. Wann und wo er sich infiziert hat, weiß er nicht. Bisher, sagt sein Arzt, zwinge der Krankheitsverlauf noch nicht zu einer Behandlung. Allerdings sind die Belastungen der Therapie mit fortschreitendem Alter für den Patienten immer schwieriger auszuhalten, und auch die Heilungschancen sinken. Mein Arzt hat einige Patienten über 60 behandelt, kaum einer von denen hat die Therapie durchgehalten, trotz geradezu preußischer Disziplin.

Am Freitagabend wartet zu Hause die siebte Spritze. Aber zuerst zu Linda auf die Couch, ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten. In der Nacht zuvor habe ich in dem fremden Hotelbett keinen Schlaf gefunden. Die Fahrt und die Lesung hatten mich völlig ausgelaugt.

Am Samstag ruft Simone an, ihre Stimme klingt belegt und tränenverhangen. "Ich bin völlig fertig", sagt sie, "möchte mich eigentlich nur noch verkriechen und heulen." Simone ist Modedesignerin, zusammen mit einer Kollegin ist sie seit 1994 selbständig mit eigenem Geschäft. In den vergangenen Jahren allerdings ist das Verhältnis der beiden zueinander immer schwieriger und angespannter geworden, und auch die Bilanzen haben sich nicht wunschgemäß entwickelt. Ende Mai, wenige Wochen nachdem Simone mit ihrer Hepatitis-C-Therapie begonnen hat, entschied ihre Kollegin kurzfristig, die Zusammenarbeit zum Jahresende zu beenden und den Laden aufzulösen.

Die Sehnsucht nach dem Schönen

Simone fühlt sich verraten, zwischen den beiden schwelt Streit und Misstrauen. Damals begannen auch Simones Schlafprobleme und ihre depressiven Stimmungen. Zumal beide völlig unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie die verbleibenden gemeinsamen Monate zu einem sauberen Abschluss gebracht werden können. Simones Leben ist geprägt von Stress, Enttäuschung, Auseinandersetzung und Zukunftsangst - wie wird es im nächsten Jahr für sie weiter gehen?

Ihre Behandlung endet erst im März, bis dahin wird sie kaum die Kraft und die Kreativität für einen Neuanfang aufbringen können. Es fällt ihr schwer genug, sich den alltäglichen Problemen zu stellen - die Steine, die ihr vom Schicksal in den Weg gerollt werden, sind in der Regel Felsbrocken: Vor zwei Monaten hat sie erfahren, dass ihr Krankenkassenwechsel vor sechs Jahren wohl in der Bürokratie der beteiligten Kassen untergegangen ist und damit ihr Versicherungsverhältnis ungeklärt. Noch eine Front, an der sie kämpfen muss. Es geht auch um die Kostenübernahme der Behandlung. Auch wenn ihr Ex-Freund sie unterstützt und sich an den Wochenenden, nach ihrer Spritze, um sie kümmert, steht sie mit ihren Schwierigkeiten meist ziemlich alleine da.

"Ich sehne mich nach etwas Friedfertigem, Schönem", sagt Simone. "Ich würde mir gerne etwas Gutes tun, meine Batterien wieder aufladen." Aber sie hat keine Idee, wie das gehen könnte. Die gewohnten Strategien wie Kampfsport, Sauna, Tanzen oder ein Glas guter Wein funktionieren nicht mehr. Alkohol ist während der Behandlung verboten, und ihre körperliche Belastungsgrenze ist schon durch die Arbeit überschritten. Woher die Kraft nehmen, sich all dem zu stellen, jeden Tag aufs Neue, in einer Zeit, in der es doch eigentlich darum gehen sollte, sich zu schonen, gesund zu werden?

Die Therapie verändert den Alltag, das Denken und Fühlen in vielerlei Hinsicht. Der Handlungsspielraum wird kleiner, und ich muss mir Kraft und Energie gut einteilen; gleichzeitig wuchern die Ängste, und Bedrohungen gewinnen an Macht. Auch mein Sozialleben findet eigentlich nur rudimentär statt und ist auf wenige Stunden in der Woche begrenzt, meist am späten Nachmittag. Abends bin ich zu erschöpft für Verabredungen und Termine, außer sie finden in meiner Wohnung statt. Zum Glück gibt es Telefon und Internet.

Sonntagabends sitze ich mit Linda in der Küche, sie hat gekocht. Ich weiß nicht, ob ich ohne sie durchhalten würde. Ohne die Nähe und Zärtlichkeit, ohne ihre Fürsorge, ihr Lachen und ihren Witz; ohne das Gefühl, zu ihr zu gehören.



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