Tierfreunde 70 Millionen Mark für die Katz

Tierfreunde aus ganz Deutschland spendeten dem Deutschen Tierhilfswerk für ihre possierlichen Lieblinge. Das Alpha-Tier des Vereins, Wolfgang Ullrich, soll davon 70 Millionen Mark unterschlagen haben, bevor er sich nach Thailand verzog.


Wolfgang Ullrich
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Wolfgang Ullrich

München - Der Prozess zu einem der größten Betrugsskandale bei einer wohltätigen Organisation in Deutschland hat unter strengen Sicherheitsvorkehrungen am Montag in München begonnen. Der frühere Vorsitzende des Deutschen Tierhilfswerk (DTHW) und des Fördervereins Europäisches Tierhilfswerk (ETHW), Wolfgang Ullrich, 57, soll aus den Beitragseinnahmen der Organisationen mindestens 70 Millionen Mark unterschlagen haben. Mitangeklagt vor dem Landgericht München II sind auch zwei frühere Stellvertreter Ullrichs, der selbst Mitte Februar von Thailand nach Deutschland ausgeliefert worden war.

"Viechernarren abzocken"

Allein von 1994 bis Februar 1999 nahmen die beiden Hilfswerke zusammen rund 200 Millionen Mark ein. Davon kamen den Ermittlungen zufolge nur knapp sieben Prozent wirklich dem Tierschutz zugute. Neben den unterschlagenen Geldern sollen mit immensen Mitteln neue Mitglieder angeworben worden sein, die einen anhaltenden Geldfluss garantieren sollten. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft ging es den Beschuldigten nie wirklich um den Tierschutz, sondern ums Abkassieren im eigenen Interesse. Ullrich soll zu einem Vertrauten einmal gesagt haben, er wolle "die Viechernarren kräftig abzocken".

"Nicht ein einziges Mitglied hätte Mitgliedsbeitrag bezahlt und kein Spender hätte gespendet, wenn bekannt gewesen wäre, dass der Tierschutz beim Förderverein ETHW und beim DTHW im Tatzeitraum lediglich Fassade und Werbemittel war", sagte Staatsanwalt Alexander Kalomiris. Nach mehreren Anträgen von Ullrich und den Verteidigern seiner Mitangeklagten, über die das Gericht noch nicht entschied, entfiel der Großteil des ersten Prozesstages auf die mehrstündige Verlesung der umfangreichen Anklageschrift. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

"Misstrauen gegen das Gericht"

Ullrich lehnte seinen bestellten Pflichtverteidiger ab und verlangte die Bestellung eines Anwalts seines Vertrauens. Darüber hinaus forderte der Hauptangeklagte eine vorübergehende Aussetzung des Verfahrens mit der Begründung, er habe die Anklageschrift erst am 9. März erhalten und deshalb nicht genügend Zeit gehabt, sich auf seine Verteidigung vorzubereiten. Außerdem stellte Ullrich einen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter, der "das Verfahren durchhetzen will".

Jeder Prozessbesucher wurde von Justizbeamten nach Waffen durchsucht. Hintergrund dieser strengen Anordnung des Gerichts waren vermutlich Berichte aus Thailand, wonach Ullrich vor seiner Auslieferung demjenigen eine Million Mark in Aussicht gestellt haben soll, der ihm zur Flucht verhelfe.

Ullrich hatte seit 1983 als Geschäftsmann in luxuriösen Verhältnissen im thailändischen Badeort Pattaya gelebt und war nur gelegentlich für seine Geldgeschäfte nach Europa gejettet. In Deutschland hatte er in Ziemetshausen bei Günzburg einen zweiten Wohnsitz behalten - dabei handelt es sich nach Polizeiangaben um ein weiteres Luxusanwesen mit eigenem Hubschrauber-Landeplatz.



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