Tierhaltung im Zirkus Der Elefantenkrieg

"Berufsverbot!" schreien die Dompteure. Und: "Das ist der Tod des klassischen Zirkus!" Es herrscht Panik in den Manegen, seit eine Bundesratsinitiative Elefanten, Bären und Affen aus dem Zirkus verbannen soll. Doch bis es so weit ist, rechnen Experten vor, dürfte der letzte deutsche Zirkuselefant ohnehin gestorben sein.
Von Dominik Baur

Hamburg - Ein Schweinestall nahe Dessau: Angekettet in dem dunklen und feuchten Raum stehen Rani und Kenia, zwei afrikanische Elefantenkühe. Die beiden sind die Stars des Zirkus "Harlekin". Rani hat sich den Oberschenkel gebrochen, ihr Bein ist entzündet. Damit sie überhaupt stehen kann, hat der Direktor des Zirkus seine schwergewichtige Artistin mittels Flaschenzug an der Decke festgebunden. Das Bein behandelt er mit dem Urin des Tieres. Doch Rani ist nicht mehr zu retten. Im Januar wird sie eingeschläfert. Jahrelang hatten die beiden Tiere nach Expertenmeinung unter Fehlernährung, Bewegungsmangel und großem Stress zu leiden.

Es gibt sie zuhauf, die Beispiele schlechter Tierhaltung im Zirkus. Die hessische Regierung hat das Thema jetzt wieder aufs Tapet gebracht. Für September kündigte das Land eine Bundesratsinitiative an - sehr zur Freude von Vereinen wie dem "Deutschen Tierschutzbund"  und "Vier Pfoten" . Das Ziel: Drei Tierarten sollen künftig aus deutschen Zirkussen verschwinden - Elefanten, Affen und Bären. Die Tiere verbrächten "einen Großteil ihres Lebens in engen Transportwagen", schimpft Umweltminister Wilhelm Dietzel (CDU). Die Folgen seien Verhaltensstörungen, Erkrankungen und Todesfälle. "Hiermit muss jetzt Schluss sein!"

Gut gebrüllt, Löwe! Markige Sprüche haben von jeher die Diskussion um die Tierhaltung im Zirkus geprägt. Denn die Fronten in dem seit mindestens zwei Jahrzehnten brodelnden Glaubenskampf zwischen Tierschützern und Zirkusleuten sind verhärtet.

"Wie Sträflinge in Ketten"

Der Krieg um die Elefanten und andere Wildtiere wird vor den Zirkuskassen ausgetragen, wo Tierschützer Flugblätter an die Besucher verteilen; er findet im Internet statt, wo zum Boykott von Zirkussen aufgerufen wird; und selbst zu Handgreiflichkeiten kommt es bisweilen - wie jüngst beim Berliner Zirkus "Renz", wo die Betreiber damit gedroht haben sollen, ihre Elefanten auf Tierschützer und Polizisten zu hetzen.

Was zumindest die radikaleren Überzeugungskämpfer beider Seiten gemeinsam haben: Sie unterstellen der anderen Seite, nicht dialogbereit zu sein, infame Lügen zu verbreiten und von den betreffenden Tieren keine Ahnung zu haben. Dabei wird gern pauschalisiert. In den Augen vieler Zirkusleute wollen die Tierschützer am liebsten sofort alle Tiere einschläfern lassen, denn ein totes Tier sei besser als ein mutmaßlich gequältes. Als angeblich typisches Beispiel für die Kenntnisse der Tierschützer wird jenes Grüppchen Verwirrter angeführt, das 1996 in Hamburg vor dem "Circus Busch-Roland"  gegen die unzumutbare Haltung der Elefanten protestierte - "Busch-Roland" führte zu der Zeit überhaupt keine Elefanten mit sich.

Organisationen wie "Animal public" dagegen orientieren sich häufig an den negativen Extrembeispielen, wenn sie von dem Zirkus sprechen: "Elefanten werden wie Sträflinge in Ketten gehalten. Egal ob sie Hunger oder Durst haben, ihnen warm oder kalt ist, die schweren Eisenketten an ihren Beinen verhindern jede Bewegung", schreiben die Tierschützer verallgemeinernd auf ihrer Homepage . Es gebe keine Ausnahmen, sagt Thomas Höller von "Animal public".

"Die versuchen uns zu kriminalisieren"

"Auch ich war schon immer gegen den Bären im Glitzerkostüm, der Fahrrad gefahren ist", erzählt Zirkusdirektor Bernhard Paul und räumt ein, dass sich viele "schwarze Schafe" in der Branche tummelten. "Da gibt's ja die furchtbarsten Zirkusse." Mehr als die Hälfte der Betriebe seien unseriös, schätzt Paul, der in seinem "Circus Roncalli"  seit einigen Jahren auf Wildtiernummern verzichtet. "Der größte Feind des Zirkus ist der schlechte Zirkus." Deshalb dürfe man aber nicht Tierdressuren generell verdammen. Für ihn ist der Hessen-Vorstoß ein Schnellschuss. "An dem Thema sind zu viele Wichtigtuer dran. Es kommt halt immer gut, wenn man was für Kinder oder Tiere macht."

Auch im zuständigen Bundeslandwirtschaftsministerium schüttelt man über die hessische Betriebsamkeit den Kopf. Mit den gerade erst überarbeiteten Leitlinien für die Tierhaltung in Zirkussen hätten die Länder doch ein Instrumentarium an der Hand, das sie bislang völlig unzureichend nutzten, heißt es.

"Die versuchen uns zu kriminalisieren", schimpft Susanne Matzenau. Sie ist Sprecherin des "Circus Krone" , des größten deutschen Zirkus. Sein Wappentier: ein Elefant. Im Reisegepäck hat "Krone" derzeit acht Elefanten. Wegen seiner fehlenden Lobby sei der Zirkus ein einfaches Opfer. Mit den Elefanten fange es jetzt nur an. Als nächstes seien die anderen Zirkustiere dran, dann die Zoos und schließlich sogar die Bauern, prophezeit Matzenau.

"Da hat man das Herz schnell im Hals": Warum Zirkuselefanten emotionalisieren und es sie bald sowieso nicht mehr geben wird

Am unmittelbarsten betroffen freilich sind die Dompteure. "Das ist ein Berufsverbot für uns", klagt Claus Kröplin, der Vorsitzende des Berufsverbands der Tierlehrer. Umweltminister Dietzel spreche von Tierquälerei, regt er sich auf. Das sei immerhin eine Straftat. "Ich soll mir von dem vorwerfen lassen, dass ich 52 Jahre lang mit einer kriminellen Tätigkeit meinen Lebensunterhalt verdient habe?"

Von den drei Tierarten, die jetzt verboten werden sollen, sind es in erster Linie die Elefanten, die die Gemüter erhitzen. Bären- und Affennummern gibt es kaum noch. Elefanten aber sind symbolträchtig - und die absoluten Lieblinge des Publikums, besonders der Kinder. "Das ist das Ende des klassischen Zirkus", schallt es nun aus den fahrenden Betrieben. Die "Gesellschaft der Circusfreunde Deutschlands"  plant eine Postkarten-Aktion gegen den Hessen-Vorstoß.

Das Thema polarisiert, wirklich neutrale Experten gibt es nicht. "Große Tiere sind einfach sehr emotionalisierend, da hat man das Herz schnell im Hals", sagt einer, der zumindest beide Seiten kennt: Fred Kurt hat als junger Mann bereits als Stallbursche gearbeitet und lange Zeit die Tiere des "Schweizer National-Circus Knie"  studiert. Inzwischen lehnt der Zoologe und Elefantenexperte die Haltung der grauen Riesen im Zirkus ab. Die größten Probleme seien die mangelnde Bewegungsfreiheit und die Unterbringung der kälteempfindlichen Tiere im Winter. "Heute wissen wir viel mehr als früher, als der Grzimek den Zirkus noch in Schutz nahm."

"Das läuft auf ein Entweder-Oder hinaus"

Kurt macht jedoch große Unterschiede zwischen den Unternehmen. Bei "Knie" gehe es den Tieren besser als in den meisten Zoos. Sie hätten viel Auslauf, gingen regelmäßig mit ihren Pflegern zum Baden in Seen oder Flüsse, die Haltung sei mustergültig. "Knie" kann sich das leisten: Der Zirkus ist in der Schweiz eine Institution, von der Krise, über die deutsche Kollegen klagen, spürt man wenig. Da der Zirkus außerdem nie die Schweiz verlässt und die Wege von einem Gastspielort zum nächsten kurz sind, gestaltet sich der Transport der Elefanten als geringes Problem. In Rapperswil besitzt das Unternehmen zudem einen modernen Zoo, in dem die Tiere untergebracht werden, wenn sie gerade nicht auf Tournee oder zu alt für den Manegenbetrieb geworden sind.

Doch in der aufgeheizten Diskussion spielten solche Differenzierungen keine Rolle mehr, glaubt der Schweizer Zoologe. "Das läuft heute auf ein Entweder-Oder hinaus." Der Witz dabei sei: Eigentlich gehe es beiden Seiten um dasselbe. Zirkusfreunde und Zirkusgegner treibe die Liebe zu den Tieren an. "Kein Zirkusbesitzer hat die Absicht, seine Elefanten möglichst schnell ins Jenseits zu befördern."

Das Problem wird sich aber ohnehin bald von selbst erledigen. Das meint nicht nur Zoologe Kurt. Nach Erkenntnissen des Vereins "Elefanten-Schutz Europa"  halten in Deutschland derzeit knapp 40 Zirkusse rund 90 Elefanten. Bis auf ein einziges Tier, das in einem deutschen Zirkus geboren worden sei, seien alles Wildfänge. Da seit 1976 ein Importverbot für Asien und seit 1989 für Afrika besteht, rechnet der Verein vor, werde es im Jahr 2010 höchstens noch einen winzigen Restbestand der exotischen Manegenstars geben. Dompteur Kröplin setzt zwar Hoffnungen auf eine Nachzucht in der geplanten Elefantenfarm im mecklenburgischen Platschow, doch hinter vorgehaltener Hand geben auch Zirkusleute zu, dass ihnen die grauen Riesen ausgehen. Und Bernhard Paul sagt ganz offen: "Die sterben aus."

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