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21. März 2017, 09:12 Uhr

Furcht vor Fremden

Begegnung hilft beiden

Von Susanne Weingarten und

Die Flüchtlingskrise verändert Deutschland. Das verängstigt viele. Die besten Mittel gegen die Furcht vor Fremden - und für ihre Integration - sind Begegnung und Engagement. Wir geben Rat, wie man in Kontakt treten kann.

Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs meint, Abwehrhaltungen gegenüber Fremden sollten sich in Neugier wandeln.

SPIEGEL: Frau Fehrs, wie entsteht die Angst vor Überfremdung?

Fehrs: Die Menschen glauben, sich vor dem Fremden, etwa den Menschen aus anderen Kulturkreisen, schützen zu müssen. Sie können aber nicht weg. Das löst großen Stress aus. Angst kommt von Enge, man könnte auch Herzensenge sagen. Wie man den Horizont dieser Menschen erweitert und sie dazu bringt, ihr Herz wieder zu öffnen, das ist die eigentliche Frage. Denn es sind gerade die Flüchtlinge, die vor existentieller Bedrohung geflohen sind und sich mit wirklich Unbekanntem auseinandersetzen müssen.

SPIEGEL: Viele ältere Menschen haben selbst Fluchterfahrungen gemacht. Fördert das ihr Verständnis für die heutigen Flüchtlinge?

Fehrs: Auf jeden Fall. Sein Zuhause zu verlieren, nicht zu wissen, ob man am nächsten Tag noch lebt: Dieser Zustand totaler Verlorenheit löst in Menschen große Angst aus. An diese Erfahrungen kann man anknüpfen, denn die haben Geflüchtete aus Syrien oder dem afrikanischen Raum genauso gemacht. Wenn ältere Menschen und Geflüchtete sich begegnen und erfahren, was der andere erlebt hat, sind sie sich nicht mehr fremd, sondern plötzlich ganz nah. Sie erkennen etwas von sich selbst.

SPIEGEL: Wo gibt es denn die Möglichkeit, sich kennenzulernen?

Fehrs: Das geht beispielsweise in Kirchengemeinden. In Hamburg-Steilshoop haben ältere Damen junge Iraner zum Seniorentanz eingeladen. Für beide Seiten war das großartig. Die jungen Männer fanden es toll, sich mit den Damen auf Deutsch zu unterhalten. Dass die auf Plattdeutsch geantwortet haben, hat sie nicht gestört. Und die Damen haben sich gefreut, von ihnen bekocht zu werden. Im Iran werden ältere Menschen mit sehr viel Respekt behandelt. Beide Seiten haben sich aufeinander eingelassen. Integration ist etwas Gegenseitiges.

SPIEGEL: Wie kommt man zu diesem Punkt, an dem Abwehr in Neugierde umschlägt?

Fehrs: Ich glaube, dass man das aktivieren kann. Wir gehen zu einem ängstlichen Menschen und sagen: Ich verstehe, dass du dir Sorgen machst. Aber versuche doch einfach mal in der Nachbarschaft, einen Geflüchteten kennenzulernen. Es werden viele Flüchtlings-Cafés angeboten. Dort kann man gut anrufen, einen Kuchen backen und einfach vorbeigehen. Viele ältere Menschen suchen nach diesem kleinen sinnstiftenden Moment. Denn eigentlich sind sie einsam und möchten gern Kontakt haben. Wenn viele Ältere nur wüssten, wie sehr ihre Expertise hier gebraucht wird, wäre für beide Seiten viel gewonnen!


Finanzen

"Riesiges Konjunkturprogramm"

Die gute Nachricht: Flüchtlingskosten kurbeln die deutsche Wirtschaft an.

Flüchtlinge kosten viel Geld? Ja, aber deutsche Unternehmen verdienen auch sehr gut daran. Ein Grund dafür, dass die deutsche Wirtschaft wächst, ist nach Angaben des Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) die Flüchtlingswelle der vergangenen Jahre. Für Aufnahme, Integration, Versorgung und Unterkunft gab die Regierung im Jahr 2016 21,7 Milliarden Euro aus. Für 2017 sind mit 21,3 Milliarden Euro ähnlich hohe Ausgaben für die Flüchtlingshilfe geplant. Ferdinand Fichtner, DIW-Konjunkturchef, sieht diese Ausgaben als "riesiges Konjunkturprogramm". Ein sehr großer Teil sei weitergeflossen in die Wirtschaft, etwa über Mietzahlungen oder in Form von Bauinvestitionen. "Das dürfte für mehr als 90 Prozent der Bundesausgaben gelten."


"Welcome Dinner"

Der Esstisch als Begegnungsstätte

Als Gastgeber eines "Welcome Dinner" kann man Fremde bewirten - und ihre Geschichten kennenlernen

Fremd ist nur, wenn man nicht kennt - und das hat Folgen. "Die Unsicherheit im Umgang mit Flüchtlingen ist vor allem bei den Menschen groß, die keine Erfahrung mit Einwanderung haben", schrieben 119 deutsche Wissenschaftler 2015 in einem gemeinsamen Brief an die Bundesregierung.

Die Hamburger Organisation "Welcome Dinner" sorgt deshalb dafür, dass sich Deutsche und Flüchtlinge oder andere Zugezogene kennenlernen - bei einer gemeinsamen Mahlzeit in privater Umgebung. 1200 Dinners mit 2000 Gästen aus 37 Ländern hat die Freiwilligenorganisation nach eigenen Angaben bereits vermittelt.

Wer Interesse daran hat, ein Abendessen für Neuankömmlinge auszurichten, kann sich auf der Website von "Welcome Dinner" anmelden, einen Wunschtermin, vorhandene Sprachkenntnisse und seine Kontaktdaten angeben. Die Organisation meldet sich dann mit Informationen über die von ihr ausgesuchten Gäste, die zumindest einige Deutsch- oder Englischkenntnisse besitzen müssen.

Die Rahmenbedingungen von "Welcome Dinner" sollen dafür sorgen, dass es keine unliebsamen Überraschungen gibt. Dass solch intensiver Kontakt auf Augenhöhe das beste Mittel gegen Vorurteile und Fremdenangst sei, postulierte der amerikanische Psychologe Gordon Allport bereits in den 1950er Jahren - die Forschung gibt ihm heute recht. Ähnliche Vermittler zwischen Gastgebern und Gästen gibt es inzwischen auch in zahlreichen anderen deutschen Städten, am besten "welcome dinner" zusammen mit dem gesuchten Ort googeln.


Mentoren

12 Wochen Hilfe

Mentoren gesucht: Auch Ältere können ihre Erfahrungen weitergeben, um Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren

Die Eingliederung in den Arbeitsmarkt ist einer der wichtigsten Faktoren, um aus Flüchtlingen produktive Neubürger zu machen, die in Deutschland Wurzeln schlagen können. Ein Mentorenprogramm der Wirtschaftsinitiative "InCharge" sucht engagierte deutsche Betreuer, die einen asylberechtigten Flüchtling über 12 Wochen bei der Suche nach einem Arbeitsplatz unterstützen, etwa durch Hilfe bei Bewerbungsunterlagen oder der Vorbereitung auf Vorstellungsgespräche.

"Durch den persönlichen, individuellen Austausch" soll den Asylberechtigten die "Orientierung im neuen Lebensumfeld erleichtert" werden. Das Programm läuft in Kooperation mit der Bundes- und Landesregierung sowie der Bundesagentur für Arbeit und der Initiative Joblinge der Boston Consulting Group. Infos unter

incharge.jobs

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