Tod in Uganda Polizei geht von Mord aus

Gut eine Woche nach dem Tod Hunderter Sektenanhänger in Uganda ermittelt die Polizei jetzt wegen Mordes. Bei der Suche nach dem Sektenanführer haben die Behörden internationale Hilfe erbeten.


Kampala - "Wir gehen davon aus, dass es Mord war und die Verantwortlichen sich auf der Flucht befinden», sagte Polizeisprecher Asuman Mugenyi am Samstag in der Hauptstadt Kampala. Der Fund dreier Massengräber mit 153 Leichen auf weiteren Sektengrundstücken am Freitag hatte für die Ermittler ein neues Licht auf die so genannte Massenverbrennung in der Sektenkirche der Ortschaft Kanunga geworfen.

Die Polizei in Uganda ermittelt jetzt wegen Mordes
DPA

Die Polizei in Uganda ermittelt jetzt wegen Mordes

Einsatzkräfte durchkämmten derzeit das zentralafrikanische Land nach weiteren Mitgliedern der Sekte, sagte Mugenyi. Ihre Zahl wird auf 5000 geschätzt. Auch die Suche nach dem flüchtigen Sektenführer Joseph Kibweteere wurde verstärkt. Der selbst ernannte "Prophet" wird für den Tod von inzwischen rund 700 Sektenjüngern verantwortlich gemacht. Die Polizei bat die internationale Gemeinschaft um Mithilfe und schickte Fotos des 68-jährigen Flüchtigen an Interpol und mehrere Zeitungen.

Die Opfer in den jetzt entdeckten Massengräbern starben allen Anzeichen nach einen gewaltsamen Tod. Der staatliche Sender "Radio Uganda" zitierte einen Polizeihauptkommissar, John Kisembo, mit der Aussage, die exhumierten ausgemergelten Körper zeigten die Spuren von Folter. Die meisten von ihnen trugen Schlingen um ihre Nacken. Einige seien allem Anschein nach vergiftet worden, andere waren zerhackt. Ihr Tod liege bis zu eineinhalb Monate zurück. Unter den Leichen waren auch 37 Kinder.

Ugandas Innenminister Edward Rugumayo verurteilte das Geschehene: "Es ist ein tragisches Desaster. Das ganze mutet teuflisch an", sagte der Minister im staatlichen Rundfunk. Die jüngsten Leichenfunde in drei Dörfern, rund 60 Kilometer von Kanungu entfernt, reihen sich in eine Kette grausamer Entdeckungen. Nach der so genannten Massenverbrennung vor acht Tagen war die Polizei am Montag auf weitere Leichen im Gemüsegarten und in einer Latrine der Kultbewegung gestoßen. Auch diese Körper trugen Spuren von Gewalt. Dennoch sah die Polizei die kollektive Verbrennung bis zu ihrem letzten Fund am Freitag weiter als Massenselbstmord an. Lediglich die Fälle der Kinder wurden als Morde gewertet.

Zahlreiche Angehörige der Verbrannten hatten bereits vor Tagen die Überzeugung geäußert, dass ihre Verwandten ermordet wurden. Innerhalb der Sekte sei seit Jahresbeginn eine wachsende Opposition gegen den Anführer gewachsen, als offenkundig wurde, dass der von Kibweteere vorausgesagte Weltuntergang nicht eintrat. Daraufhin datierte der Sektenführer die Apokalypse auf ein weiteres Jahr um. Etliche Mitglieder hätten sich von ihm betrogen gefühlt. Sie hätten ihre verkauften Besitztümer zurückgefordert und damit gedroht, seine Grundstücke zu konfiszieren, um sich zu entschädigen.

Ein junges Sektenmitglied hatte ausgesagt, Kibweteere auf der Flucht beobachtet zu haben. Der 17-Jährige will gesehen haben, wie der Kultführer gemeinsam mit seiner Stellvertreterin, einer ehemaligen Prostituierten, das Grundstück in Kanungu verließ, bevor sich seine Jünger in ihrer schwer verbarrikadierten Kirche in Brand steckten.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.