Tod von Mette-Marits Stiefbruder "Der Schütze zögerte nicht eine Sekunde"

Anders Breivik tötete auf der Insel Utøya Dutzende Menschen - darunter Trond Berntsen, den Stiefbruder der norwegischen Prinzessin Mette-Marit. Der Polizist war als Wachmann für das Jugendcamp engagiert. Er starb, als er sich schützend vor die Kinder warf.

Von und Mona Schulze


Hamburg - Mette-Marit weinte mit den Hinterbliebenen und ihrem Land, da ahnte sie wohl noch nicht, dass ihr Stiefbruder Trond Berntsen unter den 93 Toten ist. Der 51-Jährige war einer der ersten, auf die Anders Breivik am Freitag auf der Insel Utøya schoss. Mutig soll Trond Berntsen, so berichten es norwegische Zeitungen, dem Attentäter entgegengetreten sein, um die 600 Jugendlichen der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF zu schützen - darunter seinen eigenen Sohn.

Trond Berntsen war Polizist und in seiner Dienststelle zuständig für Asylbewerber, die nach Norwegen kommen. Das Sommerlager betreute er seit Jahren als private Sicherheitskraft, engagiert von Monica Bøsei, der Leiterin des Camps. Er arbeitete dort in seiner Freizeit, als "extra vergütete Überstunden", wie die Tageszeitung "Verdens Gang" (VG) berichtet. Er trug keine Uniform, keine Waffe.

Breivik war dagegen schwer bewaffnet. Erst zündete er im Regierungsviertel von Oslo eine Autobombe, dann schlüpfte er in eine dunkelblaue Uniform, wie sie norwegische Polizisten tragen, und setzte mit einem Lieferwagen voller Munition nach Utøya über.

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Massaker auf Utøya: Mette-Marit trauert um ihren Stiefbruder
Trond Berntsen soll am Ufer gestanden haben, als der Attentäter ankam. Breivik gab vor, er sei gekommen, um die Jugendlichen wegen der Anschläge in Oslo zu informieren. Trond Berntsen muss völlig ahnungslos gewesen sein.

Als Breivik das Feuer auf die Menge eröffnete, habe sich Berntsen laut "Aftenposten" vor seinen zehn Jahre alten Sohn und die anderen Kinder gestellt. Er soll dem Attentäter entgegengelaufen sein, um ihn festzunehmen, berichtet "VG" unter Berufung auf Augenzeugen. "Aber der 32-jährige Schütze zögerte nicht eine Sekunde bei seinem mörderischen Unterfangen und tötete den unbewaffneten Polizeibeamten", so "VG".

Kurz vor seinem Tod sprach er mit seiner Freundin

Trond Berntsen war Vater von zwei Kindern. Kurz nach dem Anschlag in Oslo hatte er seine Freundin angerufen. Viele Kinder seien durch die Explosion im Regierungsviertel beunruhigt, erzählte er ihr. Einige wollten die Insel sogar verlassen. Es waren die letzten Worte, die sie von ihm hörte.

Trond Berntsen war der Sohn von Rolf Berntsen, der 1994 Mette-Marits Mutter, Marit Tjessem, heiratete. Rolf Berntsen starb 2008 im Alter von 75 Jahren im Krankenhaus von Kristiansand, dem Heimatort von Mette-Marit. Die Beziehung zwischen ihm und Mette-Marit galt als innig und unproblematisch. Er und Mette-Marits Mutter wurden immer sowohl zu den offiziellen Zusammenkünften der königlichen Familie als auch zu privaten Feiern eingeladen. Rolf Berntsen unterstützte einen Verein, der Drogenabhängigen hilft, ihre Sucht zu bekämpfen.

"Die Gedanken der Prinzessin sind bei den nächsten Angehörigen", sagte eine Hofsprecherin der Nachrichtenagentur NTB. Die Distanz, die in dieser Erklärung mitschwingt, dürfte in familiären Auseinandersetzungen begründet sein. Nach Rolf Berntsens Tod verklagte Marit Tjessem die beiden Söhne Trond und Nils Otto ihres verstorbenen Mannes. Es ging um das Erbe und ihren rechtmäßigen Anteil sowie die Wertfestsetzung eines Ferienhäuschens aus dem Nachlass.

Nach Auskunft Überlebender herrschte während des 90-minütigen Blutbads totale Verwirrung. Vor allem, weil einige Teilnehmer des Camps in dem Durcheinander ausgerechnet bei Breivik, dem in Uniform getarnten Attentäter, Schutz gesucht hatten.

Die Anti-Terror-Einheit "Delta" sei am Freitag sofort nach dem ersten Alarmruf trotz der vorherigen Bombenexplosion in Oslo in Gang gesetzt worden, sagte der Osloer Polizeichef Anstein Gjengedal dem TV-Sender NRK: "Wir waren schnell da."

Bis die Eliteeinheit der Polizei nach dem ersten Alarmanruf in Autos aus dem 45 Kilometer entfernten Oslo gekommen war, vergingen etwa 60 Minuten Zeit, in der Breivik wahllos Kinder und Jugendliche tötete. Gjengedal sagte dazu: "Es muss unbeschreiblich schrecklich für sie gewesen sein."

insgesamt 156 Beiträge
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Viciente 25.07.2011
1. sagenhaft ..
.. eine! unbewaffnete! "sicherheits"kraft .. und ein schwerbewaffneter, der - einfach so - dort hin kommt. naiv ist echt untertrieben .. das ist fahrlässig.
slider 25.07.2011
2. Das ich das noch lesen durfte!
Ein schöner und trauriger Artikel, aber diese kleinen aber feinen Anekdoten am Hauptgeschehen werden noch öfters auf den Nachrichtenmarkt geworfen werden. Hier in diesem Artikel hat man es mit einem Helden zu tun, der offensichtlich aus zerrütteten Familienverhältnissen stammt. Das mag der geneigte Leser, wenn auch sozialkritische Elemente in einen Artikel einfliesen.
Thoddy 25.07.2011
3. ...
Zitat von Viciente.. eine! unbewaffnete! "sicherheits"kraft .. und ein schwerbewaffneter, der - einfach so - dort hin kommt. naiv ist echt untertrieben .. das ist fahrlässig.
Nein, das ist der Preis der Freiheit. Und den sollten alle weiterhin bereit sein zu zahlen.
armin.k 25.07.2011
4. Sinnlos...
...ist es, solchen Tätern ohne Waffe gegenüberzutreten. Wie soll ein Polizist unbewaffnet die Aufgabe erfüllen, andere Menschen zu schützen? Da haben wohl mal wieder "Gutmenschen" voller Illusionen geglaubt, man könne mit Reden Gewalttäter von Gewalttaten abhalten. Schön, dass "...er nicht eine Sekunde zögerte...". Geholfen hat es niemandem!
senfdazu 25.07.2011
5. .......
Zitat von Viciente.. eine! unbewaffnete! "sicherheits"kraft .. und ein schwerbewaffneter, der - einfach so - dort hin kommt. naiv ist echt untertrieben .. das ist fahrlässig.
..sagt der neue Sicherheitschef des BKA !..... Das war ein Ferienlager und kein Hochsicherheitscamp ! Wenn da ein Vater halbprivat mitfährt um sich ein bisschen um 600 Jugendliche zu kümmern muß der kein G3 dabeihaben.
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