Todesschacht von Totalán Ist Julen ein Opfer der "Mondscheinlöcher"?

Starb der kleine Julen, weil Spanien verdorrt? Bauern helfen sich mit illegalen Brunnen-Bohrungen gegen die Dürre. Die geschätzte Zahl solcher tückischen, potenziell tödlichen Löcher: über eine Million.
Bohrloch von Totalán

Bohrloch von Totalán

Foto: DPA/ Bomberos De Malaga/ Europa Press

Das Schicksal des zweijährigen Julen, der in der Nacht zum Samstag tot aus einem 107 Meter tiefen Loch geborgen wurde, hielt rund zwei Wochen Spanien und die halbe Welt in Atem. Bisher war das ein menschliches Drama. Jetzt, wo aus der vergeblichen Rettungsaktion eine tragische Bergung wurde, rücken Fragen nach Ursachen und Schuld in den Vordergrund.

Die Tragödie des Jungen, der bei einem Familienpicknick in ein unzureichend gesichertes Bohrloch fiel, wirft viele Fragen auf. Arbeiteten die Retter gut und schnell genug? Experten sehen hier kein Versagen: Die Aktion war aufwendig, technisch anspruchsvoll und beispiellos in der Geschichte solcher Rettungsversuche. 85.000 Tonnen Erde wurden in den letzten zwölf Tagen bewegt, um zu Julen zu gelangen. Das dauerte 13 quälend lange Tage, doch viel schneller wäre es kaum möglich gewesen, um zu dem Jungen vorzudringen.

Es bleiben die Fragen nach den Ursachen. Wo kam dieses Loch her? Und wieso war es nicht gesichert?

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Zumindest die Antworten auf diese letzten Fragen zeichnen sich nun, da der Junge tot geborgen wurde, deutlich ab: Julen konnte in dieses tückische Loch fallen, weil Spaniens Boden quasi durchlöchert ist. Das Todesloch von Totalán ist ein Stückchen spanische Normalität.

Auf über eine Million schätzt die Umweltschutzorganisation Greenpeace die Zahl solcher illegalen Brunnen-Bohrungen. Die Zeitung "El Mundo" berichtet, in Wirklichkeit seien es viel mehr. Und "diejenigen Bohrungen, die nicht zum Erfolg führen, werden mehr schlecht als recht zugedeckt".

Rettungsschacht: 85.000 Tonnen Erde bewegt

Rettungsschacht: 85.000 Tonnen Erde bewegt

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Sie sind die verzweifelte, meist ungenehmigte und deshalb illegale Gegenwehr der Bauern gegen ausbleibende Niederschläge und den durch zu große Wasserentnahme rapide abfallenden Grundwasserspiegel.

Seit Jahren regnet es in Spanien aufgrund des Klimawandels zu wenig. Flüsse trocknen aus, vor allem im Süden und im Landesinneren gibt es immer mehr steinwüstenähnliche Landschaften. Besitzer von Grundstücken und Fincas beauftragen deshalb sogenannte "Poceros", erfahrene "Löchergräber" mit Bohrungen, die oft in wahren Nacht- und Nebelaktionen gegraben werden. Im Volksmund heißen diese Schächte deshalb "Mondscheinlöcher".

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Julen gefunden: Nacht der Gewissheit

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Der erfahrene "Pocero" Antonio Jesús Perálvarez, der für seine Arbeit 2000 bis 4000 Euro kassiert, nahm im Gespräch mit "El Mundo" kein Blatt vor dem Mund. "Meine Aufgabe ist es, das Loch zu bohren. Um die Abdeckung kümmert sich auch bei legalen Bohrungen der Auftraggeber. Zumal der oft nach einigen Tagen wieder schauen will, ob Wasser herauskommt." Normal sei es, die Öffnung des Loches "mit einem großen Stein zuzudecken, den ein Kind nicht hochheben kann".

Julens Vater José Rosello räumte ein, dass das Unfall-Loch mit der nur 25 Zentimeter breiten Öffnung auf dem Grundstück des Freundes einer seiner Cousinen wohl nicht ausreichend gesichert war: "Es war mit einigen Steinen zugedeckt, die sie (die Cousine und der Freund) draufgelegt haben."

Niemand habe diese Steine entfernt. "Aber die Steine waren wohl nicht ganz fest. Julen ist wohl draufgetreten und durchgerutscht." Der Kleine war den Angaben zufolge sehr schlank, er wog nur elf Kilo.

Man kann all das als fatale Verkettung von Zufällen sehen, die in die größtmögliche Katastrophe mündeten. Oder man kann überspitzt sagen, dass Julen starb, weil Spanien verdorrt - er wäre damit ein mittelbares Opfer des Klimawandels.

Regierungsvertreter Gomez de Celis: "Schließt illegale Brunnenschächte!"

Regierungsvertreter Gomez de Celis: "Schließt illegale Brunnenschächte!"

Foto: ALVARO CABRERA/EPA-EFE/REX

Denn tatsächlich scheint die primäre Ursache für den Tod des Kleinkinds ein Missstand zu sein, den man millionenfach im ganzen Land finden kann: trockene, illegal gebohrte, unzureichend gesicherte "Mondscheinlöcher".

Sie dürften in den nächsten Tagen in den Fokus der Berichterstattung zur Tragödie Julens rücken. Am Samstagmorgen berichtete Alfonso Rodríguez Gómez de Celis, ein Vertreter der andalusischen Regionalregierung, der Öffentlichkeit über den Abschluss der Bergungsaktion.

Zu den bisherigen Ermittlungen über die Todesursache des Jungen und das illegale Bohrloch, durch das er zu Tode kam, wollte Rodríguez Gómez sich nicht äußern. Doch er rief die Bevölkerung zum Handeln auf: "Jeden, der selbst einen illegalen Brunnenschacht beauftragt hat, möchte ich dazu auffordern, diesen wieder zu schließen. Wir wollen nicht, dass ein so unglücklicher Fall wie dieser sich jemals wiederholt."

pat/dpa
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