Urteil gegen minderjährigen Pakistaner Jugend in der Todeszelle

Shafqat Hussain ist 14 Jahre alt, als er in Pakistan wegen Mordes verhaftet wird. Der Analphabet bestreitet die Tat, unterschreibt aber nach tagelanger Folter ein Geständnis. Nun, elf Jahre später, soll er hingerichtet werden.

Die Eltern von Shafqat Hussain mit einem Foto ihres Sohnes: Geständnis nach neun Tagen Folter
AFP

Die Eltern von Shafqat Hussain mit einem Foto ihres Sohnes: Geständnis nach neun Tagen Folter

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Shafqat Hussain hat seine Jugend in der Todeszelle verbracht. Er ist jetzt 25 Jahre alt und soll am Donnerstag sterben. Gehängt werden in der südpakistanischen Hafenmetropole Karatschi. Hussain soll vor elf Jahren einen Siebenjährigen entführt und umgebracht haben. Das behauptet die Polizei von Karatschi, und dieser Einschätzung folgten drei Gerichte.

Einen Beweis für Hussains Täterschaft gibt es nicht. Einzig ein Geständnis liegt vor, das Hussain, der Analphabet, unbeholfen unterschrieb. Da hatte er neun Tage Folter hinter sich.

Hussain stammt aus dem Norden Pakistans. Er wuchs in einem Dorf in der Provinz Kaschmir auf, das jüngste von insgesamt acht Kindern. Der Vater erlitt einen Schlaganfall und konnte nicht mehr arbeiten, die Familie lebte in ärmsten Verhältnissen. Hussain litt unter Lernschwierigkeiten, er musste eine Klasse wiederholen, aber er kam trotzdem nicht mit.

Ein Bruder war nach Karatschi gezogen, 1500 Kilometer Richtung Süden, und hatte dort einen Job gefunden. Hussain dachte, vielleicht wäre das auch etwas für ihn. Er packte eine Tasche mit dem Wenigen, das er besaß, und bestieg einen Bus Richtung Großstadt. Damals war er 13 Jahre alt.

In Karatschi fand er eine Arbeit als Hausmeister in einem neuen Wohnblock. Die Bewohner, pakistanische Mittelklasse, fanden den Jungen nett und vertrauten ihm auch ihre Kinder an, wenn sie mal einkaufen gingen. Zwischen dem Hauseigentümer und den Mietern gab es gelegentlich Streit, weil die Mieten nicht immer pünktlich gezahlt wurden. Hussain geriet eine Zeit lang zwischen die Fronten.

Im April 2004 verschwand ein siebenjähriger Junge. Die Mutter bat Hussain, bei der Suche mitzuhelfen. Der klapperte die umliegende Gegend ab, ohne Erfolg. Erst Tage später wurde die Leiche gefunden. Der Junge war ermordet worden.

Elektroschocks, Brandwunden durch Zigaretten

Die Polizei stand unter Erfolgsdruck und suchte verzweifelt nach dem Täter. Sieben Wochen nach dem Verschwinden des Jungen hatte sie noch immer keine Spur. Hussain wurde festgenommen und beschuldigt, den Jungen umgebracht zu haben. In den Polizeipapieren wurde sein Alter mit 24 angegeben, obwohl Hussain ganz offensichtlich viel jünger war.

Nach Angaben der Organisation "Justice Project Pakistan" (JPP), die sich um benachteiligte Strafgefangene kümmert, wurde Hussain neun Tage lang illegal festgehalten. Zunächst sperrte man ihn für mehrere Stunden in eine Einzelzelle und ließ ihn im Ungewissen darüber, was man ihm eigentlich vorwarf. Schließlich wurden ihm die Augen verbunden und er wurde geschlagen und aufgefordert, den Mord zu gestehen.

Hussain weigerte sich. Er beteuerte, mit der Sache nichts zu tun zu haben. Daraufhin fesselten Polizisten ihn an Armen und Beinen, schlugen ihn mit Stöcken, zogen ihn aus, versetzten ihm an seinem Geschlechtsteil Elektroschocks und fügten ihm mit Zigaretten Brandwunden am Arm zu.

Hussain unterschrieb sein Geständnis.

Er bekam einen Pflichtverteidiger zugesprochen, der von Hussains Familie zusätzlich Geld forderte, um sich für den Jungen zu bemühen.

Im September 2004 verurteilte ihn ein Anti-Terror-Gericht zum Tode. Das Oberste Gericht der Provinz Sindh lehnte einen Einspruch gegen das Urteil im Mai 2006 ab, im Oktober 2007 entschied auch der Oberste Gerichtshof in Pakistan gegen Hussain.

Den Gerichtsunterlagen zufolge soll Hussain die Familie des ermordeten Jungen mit seinem Handy angerufen haben. Außerdem soll er der Polizei geholfen haben, die Tatwaffe zu finden.

Hussain besaß überhaupt kein Telefon, und zum Zeitpunkt, als die Polizei die Waffe fand, saß er bereits in Haft. Aber das hinterfragte der Richter nicht.

Regierung demonstriert mit Hinrichtungen Härte

Dann war das Schicksal endlich einmal auf Hussains Seite: Eine neu gewählte Regierung setzte 2008 die Vollstreckung von Todesurteilen aus. Jahrelang wurde in Pakistan niemand mehr hingerichtet. Hussain blieb in der Todeszelle und lernte lesen und schreiben.

Das Glück währte bis zur Wahl einer neuen Regierung im Mai 2013. Sie deutete an, die Todesstrafe wieder zu erlauben. Als im vergangenen Dezember ein Taliban-Kommando eine Schule in Peschawar stürmte und 145 Menschen tötete, darunter 132 Kinder, beendete die Regierung den Hinrichtungsstopp für Terrorfälle mit sofortiger Wirkung, um Härte zu demonstrieren. Seither wurden 27 Männer in Pakistan hingerichtet.

Hussain sollte nun am 13. Januar sterben, doch JPP, das inzwischen seine Verteidigung übernommen hatte, fand in Hussains Heimatdorf seine Geburtsurkunde, die belegt, dass er erst 14 Jahre alt war, als er festgenommen wurde. Pakistans Innenminister Chaudhry Nisar Ali Khan sicherte in einer Parlamentsrede zu, man werde sich den Fall noch einmal genau anschauen und das Alter Hussains überprüfen lassen. Denn Täter, die zum Tatzeitpunkt Jugendliche waren, dürften nicht exekutiert werden, sagte er.

Doch nichts ist geschehen. Stattdessen hob die Regierung vergangene Woche das Todesstrafenmoratorium vollständig auf, ein neuer Vollstreckungsbefehl wurde ausgestellt. JPP hat eine Aussetzung der Vollstreckung beantragt, Hussains Eltern bitten um einen neuen Prozess. Findet das kein Gehör, soll er am Donnerstag sterben - für eine Tat, von der zweifelhaft ist, ob er, der damals 14-Jährige, sie überhaupt begangen hat. Mit ihm sollen am selben Tag, im selben Gefängnis, mehrere Mörder hingerichtet werden.

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