Tollhaus von Windsor (4) Charles, der ewige Verlierer

Der große Verlierer bei "Windsorgate" ist Thronfolger Charles. Sein engster Vertrauter, der ihm stets liebevoll die Zahnpasta auf die Bürste drückte, steht unter bösem Verdacht. Und die meisten Briten glauben, dass der Prinz als König zum Totengräber der Monarchie würde - und das nicht nur, weil sein Wohnsitz von spitzen Zungen als "schwules Hauptquartier" bezeichnet wird.

Von , London


Prinz Charles: "Die Menge von Dienern und Zeug, die er mitschleppt, ist grotesk"
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Prinz Charles: "Die Menge von Dienern und Zeug, die er mitschleppt, ist grotesk"

London - Als Studenten im kanadischen Ottawa im Jahre 1975 den gerade mal 26 Jahre alten Prinz Charles fragten, was er von der ihm zugedachten Rolle halte, antwortete er: "Es ist ein faszinierender Job." Gleichzeitig räumte der Thronfolger ein, dass es noch 40 Jahre dauern könnte, bis er König werde.

Wenigstens damit bewies der Prince of Wales Weitsicht: Mittlerweile hat er 27 Jahre im Wartestand hinter sich, die in das Gesicht des früh Gealterten geschrieben sind. Und was deprimierender für ihn ist: 27 Jahre, in denen es ihm weder gelungen ist, das Vertrauen seiner Eltern, noch das seiner potenziellen Untertanen zu gewinnen. So ist es auch folgerichtig, dass der große Verlierer des "Windsorgate"-Skandals niemand anderes als Charles ist.

Noch bis vor vier Wochen sah alles danach aus, als sei der Prinz in seinem geduldigen Bemühen erfolgreich, sich nach seinem schmählichen Ehebruch und dem tragischen Tod von Diana langsam zu rehabilitieren. Seit knapp zwei Jahren hatte er sich regelmäßig mit Camilla Parker Bowles in der Öffentlichkeit gezeigt; sogar die Queen hatte seine Langzeit-Mätresse, mit der er faktisch in Highgrove zusammenlebt, mehrmals empfangen. Die Spekulationen am Hofe, dass Charles und Camilla bald heiraten könnten, verdichteten sich.

Thronfolger Charles, Lady Di (1992): Späte Rache der schönen Prinzessin
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Thronfolger Charles, Lady Di (1992): Späte Rache der schönen Prinzessin

Doch jetzt: aus und vorbei der Traum, und das wohl für geraume Zeit. Als er vergangene Woche an seinem 54. Geburtstag zusammen mit Camilla zu einem für seine Mutter ausgerichteten Galadinner im Londoner Ritz eintraf, war der Eingang des Luxushotels von Reportern belagert. Sie nervten ihn mit Fragen nach dem Prozess gegen seinen Ex-Diener Paul Burrell. Wie ein Gespenst, das Charles bis in sein Grab verfolgen wird, ist Diana wieder auf der Bühne der ewigen Windsor-Soap erschienen.

Es ist die späte Rache der schönen Prinzessin, dass ihr ehemaliger Vertrauter Burrell den bösartigen Ehe- und Scheidungskrieg des Traumpaares wieder mitten ins öffentliche Bewusstsein beförderte. Und die Beichte des Butlers macht nebenbei Charles zur Witzfigur. Jedenfalls ist jetzt bekannt, dass der künftige König, wohin er auch reist, stets sein eigenes Klopapier mitführt - Eingeweihte wollen wissen, dass es sich dabei um "Kleenex Velvet" handelt. Regelmäßig lässt der Prinz auf Reisen auch ein Bett und eine Klobrille mitführen. Selbst Mummy, die Queen, merkte einmal an: "Die Menge von Dienern und Zeug, die er mitschleppt, ist grotesk."

Insgesamt beschäftigt der Prinz einen 85-köpfigen Hofstaat, darunter neun Gärtner, fünf Chauffeure und vier Köche. Von den rund vier Millionen Pfund, die er vor allem dank seiner ausgedehnten Ländereien pro Jahr einnimmt, gehen rund 2,5 Millionen Pfund für Gehälter drauf. Dafür muss der Thronfolger sich allerdings auch nicht damit abmühen, die Zahnpasta auf seine Zahnbürste applizieren. Dies erledigt stets sein engster Vertrauter Michael F.

Wie lange F. freilich noch dieser verantwortungsvollen Aufgabe nachgehen kann, ist derzeit unklar. Londoner Hofberichterstatter wollen erfahren haben, dass Charles seinen Lieblingslakaien vom Dienst suspendieren wird. Schweren Herzens soll der Prinz den Zahnpasta-Experten auf einen "extended garden leave" schicken, einen "ausgedehnten Garten-Urlaub".

Charles hätte zumindest zwei gute Gründe, F. aus dem Verkehr zu ziehen. Einmal war im Zuge der fiebrigen Enthüllungsorgie eher nebenbei der Verdacht aufgekommen, dass der Chefdiener vom obskuren Geschäftsgebaren in Charles' Haushalt profitiert haben könnte. Demnach soll er Geschenke an den Prinzen, die dieser bei Staatsbesuchen und anderen Anlässen bekam, verkauft haben. Von den auf 100.000 Pfund (gut 156.000 Euro) im Jahr geschätzten Erlösen aus diesem speziellen Secondhand-Business soll F. 20 Prozent Provision kassiert haben.

Langzeit-Liebespaar Camilla und Charles: Auf der Bühne der ewigen Windsor-Soap
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Langzeit-Liebespaar Camilla und Charles: Auf der Bühne der ewigen Windsor-Soap

Was etliche Parlamentarier zudem erboste: Diese Einnahmen sollen nicht versteuert worden, sondern einfach in Highgrove in die Haushaltskasse geflossen sein. Michael F. , der für seine Dienste als "persönlicher Berater" vom Prinzen mit 90.000 Pfund (140.000 Euro) im Jahr entlohnt wird, streitet dagegen ab, dass er sich solchen Nebentätigkeiten hingegeben habe.

Auch den zweiten - schwerwiegenderen - Vorwurf, wiesen von Charles mandatierte Londoner Anwälte zurück, allerdings ohne Namen zu nennen. Die römische Zeitung "Repubblica" ließ hingegen alle Zurückhaltung vermissen und mutmaßte unter Berufung auf Londoner Hof- und Journalistenkreise, dass F. derjenige sei, der von dem ehemaligen Diener der Queen, George Smith, der Vergewaltigung beschuldigt werde.

Als Smith diesen Vorwurf im Jahr 1996 erstmals vorbrachte, ordnete Prinz Charles - wie auch jetzt wieder geschehen - eine hausinterne Untersuchung an, die seine Scheidungsanwältin und Rechtsberaterin Fiona Shackleton durchführte. Die forsche Blondine mit extremen Upper-Class-Akzent befragte das mutmaßliche Opfer und den angeblichen Täter und befand, dass an der Sache nichts dran sei. Die Polizei wurde nicht eingeschaltet. Dass ein so schwerer Vorwurf wie der einer Vergewaltigung derart leger behandelt wurde, halten Kritiker jetzt Charles und seiner Anwältin vor. Nicht viel später handelte die Juristin mit George Smith für dessen Ausscheiden aus dem königlichen Haushalt eine Abfindung von 38.000 Pfund aus.

Sexualität, und noch mehr Homosexualität, ist für die puritanisch geprägten Briten ein unwiderstehliches Faszinosum. Kommt noch der Palast ins Spiel, geht zwangsläufig die Phantasie mit den Hofberichterstattern durch. So berichtet die "Sunday Times" unter Berufung auf die Polizei von "männlichen Prostituierten im Palast", das konservative Wochenblatt "Spectator" raunt von einer "homosexuellen Mafia, die den Hof infiltriert".

Unbestritten ist, dass Schwule am Hofe Tradition haben. Die besten und treuesten Diener der Queen Mother waren ebenso gay wie etliche ihrer engsten Freunde. Als ein konservativer Minister in den sechziger Jahren der lebensfrohen Dame einmal riet, doch künftig nur noch heterosexuelles Personal zu beschäftigten, erwiderte sie: "Dann müssten wir lernen, uns selbst zu bedienen."

Nachdem die beliebte Großmutter der Nation Ende März im Alter von 101 Jahren starb, so ein boshafter Windsor-Watcher, scheine Charles' St. James Palast jetzt "das schwule Hauptquartier zu sein".

Für Charles ist der Tod der Queen Mum, die stets zu ihrem Lieblingsenkel hielt, ein herber Verlust. Zu seiner Mutter Elizabeth hat er ein ähnlich unterkühlt-gestörtes Verhältnis wie zu seinem grob-grantigen Vater Prinz Philip. Er verkehrt mit seinen Eltern, die ihn frühzeitig zu Nannies und ins Internat abschoben, vorwiegend schriftlich.

Während die Monarchisten den Tag von Charles' Krönung fürchten, sehen ihm die Republikaner mit Freude entgegen. Seine Fähigkeiten und Verdienste mögen umstritten sein, aber das Zeug, zum Totengräber der Monarchie zu werden, hat der Thronfolger von der tragischen Gestalt in jedem Fall.

Ab Freitag, 22. 11. 2002, Teil 5: Elizabeth, die letzte Königin



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