Tollhaus von Windsor Der Butler zündet die Bombe

Das Gerichtsverfahren wegen Diebstahls von königlichem Eigentum gegen Dianas Ex-Butler mutierte zu einer Zeitbombe. Die Queen ließ den Prozess platzen, bevor Paul Burrell zur Sache aussagen konnte - doch ihre Intervention kam zu spät. Der zutiefst gekränkte Mann packte aus und stürzte die Royals in die schwerste Krise seit dem Tod von Diana.

Von , London


Queen Elizabeth: Rechnung ging nicht auf
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Queen Elizabeth: Rechnung ging nicht auf

London - Die Kriminalpolizistin Maxine de Brunner, ihres Zeichens Detective Chief Inspector, und ihr Kollege Detective Sergeant Roger Milburn wurden dem legendären Ruf von Scotland Yard nicht gerecht. Im Gegenteil: Bei ihren Ermittlungen gegen Dianas Ex-Butler Paul Burrell wegen des Verdachts des Diebstahls von königlichem Eigentum begingen sie eine ganze Serie von Kunstfehlern.

Bereits bei der Durchsuchung von Burrells Haus im Januar 2001 waren sie sich ihrer Sache zu sicher. "Bingo, jetzt haben wir ihn", freuten sie sich laut Burrell, als sie auf seinem Dachboden mehrere Kisten mit Gegenständen fanden, die einst den Royals gehörten. Dabei verzichtete Chefermittlerin de Brunner auf einen Ausflug unter das Dach, weil sie sich wegen Höhenangst außer Stande sah, die fünfsprossige Leiter zu erklimmen.

Bei einem Treffen mit Charles am 3. August 2001 erzählten Kriminalbeamte dem Prinzen und seinem Privatsekretär dann, dass es Fotos von Burrell in Dianas Kleidern gebe und dass er königlichen Besitz nach Amerika verkauft hätte - beide Anschuldigungen waren falsch. Prinz Charles jedoch billigte daraufhin die Ermittlungen gegen seinen ehemaligen Diener, nicht ohne sicherzustellen, dass weder er, noch seine beiden Söhne in einem Prozess gegen Burrell öffentlich als Zeugen auftreten müssten. Unterstützung fanden die Ermittler auch bei der Mutter und Schwester Dianas.

Während Scotland Yard Zahlungseingänge auf Burrells Konto als Indiz für den Verkauf von Diana-Memorabilien wertete, handelte es sich dabei in Wahrheit um Honorare, die er für sein Buch "Entertaining With Style" und Vorträge liquidiert hatte. Die Anwälte Burrells beteuerten beständig, dass ihr Mandant unschuldig sei. Und das tat auch er selbst. Aber Polizei und die Staatsanwälte zeigten sich unbeeindruckt, und so musste Burrell am 14. Oktober im Saal Nr. 1 des legendären Londoner Schwurgerichts Old Bailey antreten.

Charles, Elizabeth II.: Eigenes Klopapier auf Reisen
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Charles, Elizabeth II.: Eigenes Klopapier auf Reisen

An 13 Verhandlungstagen marschierten die Zeugen der Anklage auf; besonders Dianas Mutter und ältere Schwester belasteten Burrell. Alles wartete schon mit Spannung auf die Aussage des Angeklagten, da geschah etwas gänzlich Unerwartetes. Die Anwältin von Prinz Charles informierte Scotland Yard, dass die Queen sich an ein längeres Gespräch mit Paul Burrell kurz nach dem Tode Dianas erinnert habe. Bei dieser Gelegenheit habe ihr ehemaliger Diener ihr berichtet, dass er etliche der Verstorbenen gehörende Gegenstände in Sicherheit gebracht habe. Nach dreitägigen Beratungen zwischen Polizei, Anklage und dem Gericht, stellte die Richterin das Verfahren ein und sprach Burrell frei.

Ganz Großbritannien fragte sich, ob die Queen interveniert hatte, um zu verhindern, dass Burrell bei seiner Verteidigung über so unangenehme Dinge wie das verschwundene Tonband mit den Vergewaltigungsvorwürfen gegen einen engen Vertrauten von Prinz Charles sprechen würde. Und falls ja, warum sie sich erst so spät eingeschaltet hatte. Immerhin hatten die nun gegenstandslosen Ermittlungen und der Prozess gut zwei Millionen Euro gekostet.

Das spektakuläre Ende des Prozesses illustrierte auch eine der Absurditäten des britischen Rechtssystems. Auf der Insel wird stets im Namen der Queen verhaftet und angeklagt, ihr selbst aber kann solches nicht widerfahren. Sie steht über dem Gesetz und kann auch nicht dazu gezwungen werden, als Zeugin in einem Verfahren auszusagen.

Kaum war der Prozess beendet, begann ein fieberhaftes Rennen der Boulevard-Blätter. Wer würde es schaffen, den Butler exklusiv unter Vertrag zu nehmen? Solange der Ex-Diener angeklagt war, konnte er seine Geschichte nicht verkaufen. Da er jedoch Schulden hatte und sich von den Windsors verraten fühlte, schaltete er jetzt einen Agenten ein. Unter den über 400 Interessenten hatte zunächst die "Daily Mail" die besten Karten. Ihr Chefredakteur bot 500.000 Pfund (750.000 Euro), kurz darauf offerierten die "Sun" und die "News of the World" gemeinsam sogar 1,56 Millionen Euro. Burrell aber fürchtete, die besonders ruchlosen Murdoch-Blätter würden seine Aussagen zu sehr zuspitzen und verdrehen.

Diana (1992): Nur Ohrringe zum Pelzmantel
AFP

Diana (1992): Nur Ohrringe zum Pelzmantel

Schließlich konnte der "Daily Mirror" für nur 300.000 Pfund (468.000 Euro) Dianas Ex-Butler exklusiv unter Vertrag nehmen. Und im Gegensatz zu anderen teuren Exklusivgeschichten der vergangenen Monate rechnete sich der Deal für den "Mirror". Allein am ersten Tag schlug das Blatt mit einer durchschnittlichen Auflage von gut zwei Millionen rund 330.000 Exemplare zusätzlich los. Max Clifford, der einflussreichste Londoner Skandal-Agent, befand deshalb, der Diana-Diener habe sich viel zu billig verkauft. Wenn er seine Enthüllungen wohlportioniert an verschiedene Medien verscherbelt hätte, so Clifford, "wären rund zwei Millionen Pfund rausgesprungen."

Hatte die Queen den Prozess beendet, um ihrer Familie peinliche Enthüllungen zu ersparen, so ging ihre Rechnung nicht auf. Denn mit seinen epischen Erzählungen zündete Burrell eine Bombe. Dank der "Mirror"-Serie erfuhren die Liebhaber des königlichen Klatsches eine Vielzahl bislang unbekannter, teils intimer Details über Diana, die Spencers und Charles. Dank der "Mirror"-Serie wissen sie jetzt zum Beispiel, dass Diana den Herzchirurgen Hasnat Khan, mit dem sie eine zweijährige Affäre hatte, durch eine Schwangerschaft zur Heirat bewegen wollte und sogar mit dem Übertritt zum Islam liebäugelte. Und dass sie zu einem Rendezvous mit "Natty" nichts anderes trug als einen langen Pelzmantel und mit Diamanten und Saphiren besetzte Ohrringe.

Bestätigt wurde auch die verbreitete Auffassung, dass die Spencers eine mindestens ebenso herzloser Clan sind wie die Windsors. Dianas Bruder Earl Spencer sperrte sich beispielsweise dagegen, dass die unglückliche Prinzessin ein Domizil auf dem von ihm bewohnten Familiensitz bezog. Ihre Mutter beschimpfte sie sechs Monate vor ihrem Tod derart unflätig wegen ihrer "Muslim-Männer", dass die Prinzessin ihre Briefe künftig ungeöffnet zurückschickte.

Über Prinz Charles, dem er bis zur endgültigen Trennung von Diana gedient hatte, weiß Butler Burrell ebenfalls Bizarres zu berichten. Mit einem Buch habe der Prinz nach ihm geworfen, weil er den Lakaien verdächtigte, dass dieser als Spion Diana über die regelmäßigen Besuche von Camilla berichtet habe. Zum Glück hatte der Diener sich noch rechtzeitig ducken können.

Dass der mit Pflanzen sprechende und aufs Jagen versessene ewige Thronfolger ein wenig sonderlich ist, war den Exzentrikern freundlich gesonnenen Briten nicht neu. Was sie noch nicht wussten: Als er nach einem Jagdunfall für ein paar Tage im Krankenhaus lag, ließ sich der kapriziöse Prinz sein Zimmer mit Antiquitäten aus seinem Landsitz Highgrove möblieren. Und wenn er auf Reisen geht, dann lässt Charles stets sein eigenes Klopapier mitführen.

Ab Donnerstag 21. 11. 2002, Teil 4: Charles, der ewige Unglücksrabe



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