Südpazifik Wie ein Deutscher den Vulkanausbruch auf Tonga erlebte

Felix Windmüller lebt auf Tonga. Den Vulkanausbruch bekam er hautnah mit, auf einem Boot auf dem Ozean: die Rauchwolke, Gesteinsbrocken, Blitze – und dann die große Welle.
Aufgezeichnet von Charlene Optensteinen, Tahiti
Eine große Aschewolke steigt nach der Eruption des Unterseevulkans Hunga Ha'apai auf

Eine große Aschewolke steigt nach der Eruption des Unterseevulkans Hunga Ha'apai auf

Foto: Tonga Geological Services / ZUMA Wire / IMAGO

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»Es sollte ein normaler Tag auf dem Boot werden, ein lang ersehnter Trip zum Speerfischen wartete auf uns. Seit einigen Wochen sahen wir bereits von der Insel aus die Rauchsäulen über dem Vulkan. Aber mit dem, was folgen sollte, rechnete keiner von uns. Innerhalb weniger Minuten schlug der sonnige Nachmittag in ein Horrorszenario in völliger Dunkelheit um.

In den beiden vorangegangenen Wochen war es recht regnerisch gewesen, aber nun schien endlich wieder die Sonne. Es gab wenig Wind, und wir hielten die Voraussetzungen für unseren Ausflug für ideal. Wir, das waren Branko, dem das Motorboot gehört, sein 19-jähriger Sohn Zandy, ein weiterer Freund namens Matthias, mein 15-jähriger Sohn Keona und ich.

Zwei von uns waren im Wasser und fingen allerlei Fische mit dem Speer. Hin und wieder kamen sie zum Boot, um ihren Fang abzuliefern. In der Nähe waren auch ziemlich große Haie von etwa drei Meter Länge. In diesen Gewässern sind sie aber ziemlich faul, gut genährt und haben vor Menschen sehr viel mehr Angst als wir vor ihnen.

Irgendwann waren unsere Jungs müde vom vielen Schwimmen und Tauchen. Wir wollten zurückfahren. Da hörten wir plötzlich einen lauten Knall: Buuum! Wenige Minuten später sahen wir eine riesige Wolkensäule. Sie war nicht besonders groß, aber für ein Gruppenfoto hatten wir noch Zeit, bevor wir weitermussten.

Doch es knallte erneut, nun mehrmals und in kurzen Abständen. Wir konnten beobachten, wie sich aus der Wolkensäule ein Pilz bildete, der aussah wie der einer Atombombe. Er nahm enorme Ausmaße an und war kurze Zeit später schon über uns.

Nun aber schnell nach Hause, dachten wir. Es waren nur noch wenige Minuten bis ans Ufer. Dann entdeckten wir eine sehr große Welle. Wir konnten sie nur erkennen, da sie an mehreren kleinen Inseln brach, die ihr im Weg waren. Die Welle war höher als die Kokosnusspalmen, die auf den Inseln wachsen.

Was nun? Wir waren alle geschockt, und das Wort Tsunami fiel. Wir sahen auch, dass sich mittlerweile eine einzige große Welle am Horizont entlangstreckte. Wo wir zu dem Zeitpunkt waren, ist das Meer etwa 20 Meter tief. Wir glaubten, dass wir es nicht schaffen würden, zum Hafen zurückzufahren, in unsere Fahrzeuge zu steigen und wegzufahren. Je näher eine Welle auf das Festland zurollt, desto mehr wird sie sich aufbäumen. Die Gefahr, dass wir durch sie umkommen, war groß. ›Schwimmwesten an, und haltet euch fest‹, sagte Branko. Er drehte das Boot um, seine zwei Motoren auf Vollgas, und wir flüchteten so schnell wie möglich aufs Meer hinaus.

Um nicht mit voller Wucht von der Welle erwischt zu werden, mussten wir dorthin, wo das Meer deutlich tiefer ist. Branko wusste zu unserem Glück, an welcher Stelle das Meer eine Tiefe von etwa 600 Metern hat und das Wasser der Welle so besser entweichen kann. Was er aber nicht wusste: Würden wir es noch rechtzeitig schaffen, bevor die Welle uns einholt?

Ich habe mich in dem Moment ziemlich verlassen gefühlt und hatte – um ehrlich zu sein – mit dem Leben bereits ein Stück weit abgeschlossen.

Die Explosionen, der Luftdruck, die Welle, die Wolke, das Ausmaß der Zerstörung – wir vermuteten, dass die Welle alles in den Schatten stellen würde, was bisher über diese Insel, unser Zuhause, gekommen ist.

»Wir waren erleichtert, aber nicht lange.«

Als wir schließlich im tiefen Wasser etwa zwei Kilometer vom Festland entfernt warteten, schickte mir meine Tochter per WhatsApp ein Bild von der Zerstörung der Insel. Nur so wurde mir klar, dass die Welle unter uns durchgerauscht sein musste, ohne dass wir es bemerkt hatten. Wir waren erleichtert, aber nicht lange: Dann trauten wir unseren Augen kaum, als etwa einen Zentimeter große Gesteinsbrocken vom Himmel regneten. Zudem war dichter Rauch zu sehen, und ich machte mir Sorgen, ob wir weiterhin problemlos würden atmen können.

Mittlerweile wurde es immer dunkler, obwohl es gerade einmal 17 Uhr war. Nach wenigen Minuten war es so düster, dass wir absolut nichts mehr sehen konnten.

Wir fragten uns: Was kommt als Nächstes? Auf die Antwort mussten wir nicht lange warten. Es gab ein Feuerwerk von Blitzen, wie ich es in meinem ganzen Leben noch nie gesehen habe. Es waren so viele, dass wir sie nicht zählen konnten. Gleichzeitig kam starker Wind auf. Nun fielen die Gesteinsbrocken nicht mehr nur von oben herab, sondern flogen auch von der Seite auf uns zu. Das Wasser war natürlich sehr unruhig. Wir wurden von einigen Wellen fast aus dem Boot geschleudert. Ein GPS-Signal verriet uns in der Dunkelheit unsere Position. In Schrittgeschwindigkeit bewegten wir uns auf die Insel zu, während die Meeresströmung verrücktspielte und unser Boot mehrmals um die eigene Achse drehte. Wir waren voll und ganz auf unseren Kapitän angewiesen, der sich Stück für Stück durch das Wasser arbeitete, um die Küste zu erreichen.

Als wir im Hafen ankamen, sah es nicht besonders einladend aus: Das Wasser hatte ein chinesisches Fischerboot an Land gedrückt. Jede Menge Holz und Schutt schwammen um uns herum. Die Bootsanlegestelle war verschwunden. Stattdessen befand sich dort jetzt ein Container, der durch die Welle ins Wasser befördert wurde. An Land herrschte absolutes Chaos: Schiffe, deren Motoren, Container, Pfähle, Bäume, Zäune und Steine – alles lag wild herum. Es war keine Straße mehr zu erkennen.

Mein Auto, welches ich etwa 20 Meter weiter geparkt hatte, lag auf der Seite. Wir beseitigten die Hindernisse um uns herum, richteten den Wagen auf und stiegen ein. Als wir losfahren wollten, hörten wir wieder einen Knall: es war der rechte Vorderreifen. Unter normalen Umständen wäre nun ein Reifenwechsel angesagt. In unserer Situation entschied ich mich dafür, aufs Gas zu drücken und einfach zu fahren – komme, was wolle.

Nach einigen Minuten waren wir aus dem gefährlichen Tsunami-Bereich entflohen und konnten nicht glauben, dass wir alle noch am Leben sind. So viel Adrenalin floss noch nie durch meinen Körper. Zu Hause angekommen, konnte mich nur noch ein guter Schluck Markgräferler Schnaps zur Ruhe bringen, den mir meine Mutter vor einigen Monaten aus Deutschland geschickt hatte. Nach diesem Tag könnten es auch ein paar Schlucke mehr gewesen sein.«

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