SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. Mai 2013, 07:08 Uhr

Tornado-Katastrophe in Oklahoma

"Betet für uns" 

Von , New York

Einer der schwersten Tornados der US-Geschichte hat einen Vorort von Oklahoma City verwüstet. Mindestens 91 Menschen starben, darunter 20 Kinder - viele weitere Opfer liegen vermutlich noch unter den Trümmern. Die dramatischen Szenen schockieren selbst erfahrene Rettungskräfte.

Sie haben keine Chance. Zwar beginnen die Lehrer schon mit den ersten Tornado-Sirenen, ihre Grundschule zu evakuieren. Doch sie haben gerade erst die älteren Kinder in Sicherheit bringen können, da faucht die gigantische, schmutzgraue Windhose auch schon auf sie zu. 75 Schüler bleiben dem Inferno ausgeliefert - Erstklässler, Zweitklässler, Drittklässler.

Als alles vorbei ist, ist von der Plaza Towers Elementary School in Moore im US-Bundesstaat Oklahoma nichts übrig als ein drei Meter hoher Trümmerhaufen. Stundenlang graben die Rettungskräfte mit Suchhunden nach Verschütteten. Einige Kinder überleben, weil sich ihre Lehrer schützend über sie geworfen haben, ungeachtet der Gefahr für sich selbst. Trotzdem werden noch mindestens zwei Dutzend Schüler vermisst, als es Nacht wird. Sieben Kinder finden Helfer auf dem Grund des Schulschwimmbeckens. Sie sind ertrunken.

Die Schule ist am Montag einer von vielen Schauplätzen des Grauens. Einer der schwersten Tornados der US-Geschichte schlägt eine 32 Kilometer lange und vier Kilometer breite Schneise der Zerstörung durch mehrere Orte im Einzugsgebiet von Oklahoma City. Mindestens 91 Menschen kommen um, 20 von ihnen Kinder. 230 werden teils schwer verletzt.

40 Minuten dauert der Horror, der den Ort Moore nahezu ausradiert und die Überlebenden ohne Strom, Wasser und Telefon zurücklässt. Die Intensität von Tornados wird nach der sogenannten Fujita- oder F-Skala bemessen, von F0 (schwach) bis F5 (verheerend). Der Tornado von Moore wurde mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 321 km/h vorläufig als F4 eingestuft.

Der US-Sender WMCTV zeigt auf seiner Website Zeitraffer-Aufnahmen, die einen Eindruck von der Stärke des Wirbelsturms vermitteln.

Tornados sind sie zwar gewöhnt im Mittleren Westen, vor allem in der "Tornado Alley", der sturmanfälligsten Region im Herzen der USA, in dem auch Oklahoma liegt. Doch dieser Wirbelsturm verstört selbst Hartgesottene. "Unsere schlimmsten Ängste werden gerade wahr", sagt Bill Bunting, der Sturm-Direktor der Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA, bei CNN noch während der Tornado tobt.

Vermisste, Verletzte, Tote: Noch sind die exakten Zahlen unklar. Doch das Ausmaß dieser Katastrophe zeigt sich schon, als die Dunkelheit über Oklahoma sinkt und aus den Rettungsarbeiten Bergungsarbeiten werden. "Ich stehe unter Schock", sagt Scott Hines, ein sturmerprobter Reporter des TV-Senders KFOR, mit erstickender Stimme. "In all meinen Jahren hier habe ich so etwas noch nie erlebt."

Es sind apokalyptische Szenen. TV-Sender zeigen, wie blutende Menschen wie in Trance durch die Trümmer irren, ihre wenigen geretteten Habseligkeiten in Waschkörben, Säcken, Tüten. Anderen bleiben nur Fetzen am Leib. Der Tornado zerstört ganze Straßenblöcke, schleudert Autos und Lkw durch die Luft und zerreißt drei Bezirke buchstäblich in der Mitte.

US-Präsident Barack Obama erklärt Oklahoma zum Katastrophengebiet; gemeinsam mit Heimatschutzministerin Janet Napolitano sagt er Gouverneurin Mary Fallin "jede nur mögliche Unterstützung" zu. Das US-Katastrophenschutzamt Fema schickt ein Such- und Einsatzteam nach Oklahoma. Die Nationalgarde wird ebenfalls mobilisiert.

Viele Viertel sind nach Angaben des Oklahoma City Police Departments "völlig eingeebnet". Die wichtige Autobahn I-35 ist unterbrochen, die Fahrbahn unter Trümmern verschüttet. Hier und da sind auch Brände ausgebrochen.

Die Zahl der Toten steigt stündlich. Erst eine Handvoll, dann 37, dann 51, später noch einmal 40 mehr. Die Notaufnahmen der Krankenhäuser füllen sich. Jede Minute kämen mehr Verletzte, sagt Brooke Cayot, die Sprecherin des Integris Southwest Medical Centers in Oklahoma City, der "New York Times". Das Bürgermeisteramt von Moore bittet um göttlichen Beistand: "Betet für uns."

KFOR berichtet nicht nur live, sondern blendet auch Suchmeldungen ein. Etwa: "Wenn Sie die neunjährige Kaley Hawkins oder ihre Eltern kennen, sie ist im Healthplex Medical Center."

"Wie im Film 'Twister'"

Es beginnt wie immer mit drohenden Vorzeichen: düsterer Himmel, starker Wind, Regen, Hagel. Dann, um 14.56 Uhr Ortszeit, löst sich eine dunkle Windhose aus der Wolkenwand. Auf Handy-Videos ist zu sehen, wie der Tornado alles in seinem Weg aufsaugt und die Trümmer - Häuser, Bäume, Zäune, Autos, Traktoren - mit sich reißt wie Konfetti.

"Wie im Film 'Twister'", sagt Lando Hite, der auf einer Farm in Moore 80 Pferde betreute, dem TV-Sender KFOR. "Pferde flogen durch die Luft." Hite steht mit nacktem Oberkörper da, schmutzverkrustet. Der Farm ist allenfalls ein lebendes Pferd geblieben. Das Häuschen, in dem Hite selbst wohnte, ist verschwunden.

Dabei ist dies nicht das erste Mal, dass Moore so etwas durchleidet. Im Mai 1999 raste schon mal ein Super-Tornado durch den Ort, mit 486 km/h. 48 Menschen starben damals, der Sachschaden überschritt eine Milliarde Dollar. Der jetzige Sturm, berichten Augenzeugen, sei noch viel gewaltiger gewesen. "Dies ist der Schlimmste bisher", sagt auch Reporter Hines.

Und das ist nicht das Ende. Das Sturmsystem, das für diesen Tornado verantwortlich war, rauscht weiter durch den Mittleren Westen. "Diese Stürme werden weitere Tornados produzieren", prophezeit NOAA-Experte Bunting. "Dies ist noch lange nicht vorbei."

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung