Tote Jugendliche in Wales Unheimliche Selbstmord-Serie erschüttert Großbritannien

Alle waren jung, hatten Träume - und keine Perspektive. In einer Gemeinde im Süden von Wales haben sich binnen 13 Monaten mehr als 17 Jugendliche das Leben genommen. Waren Internet-Communitys schuld? Das ganze Land sucht jetzt nach Erklärungen. Und Schuldigen.

Bridgend - Ein Optimist gab der Hauptstraße des kleinen Ortes Cefn Cribbwr ihren Namen: "Pleasant View", heißt sie, "Schöne Aussicht". Aber viel zu sehen gibt es nicht, viel Schönes schon gar nicht.

Am Ortseingang ist eine kleine rote Autowerkstatt, unmittelbar daneben das Bethlehem Life Center, eine evangelische Kirche, die zugleich Sporthalle, Cafe und Volkshochschule ist. Der Ortskern besteht aus einer Post, untergebracht in einem Wohnhaus. Hinter dem Pub "Farmers Arms", gelb getüncht und heruntergekommen, ist Cefn Cribbwr auch schon wieder vorbei.

Hier, am Ende des Dorfes, hat Jenna Parry sich in der Nacht zu Dienstag an einem gedrungenen, unscheinbaren Baum erhängt.

Der Weg vom weißen Reihenhaus ihrer Eltern hin zum Ort, an dem sie sterben wollte, war kurz. Nur wenige Schritte musste die 16-Jährige gehen, die Hauptstraße überqueren, auf dem ausgetretenen Weg vorbei am Spielplatz - zwei Schaukeln, Rutsche, Klettergerüst -, und dann in den kleinen Fußweg nach links abbiegen. Jenna hatte die Häuser des Dorfes im Rücken und vor sich die sanften Hügel von Wales. Es ist still unter den Bäumen, der Wind bläst, in Sichtweite schlängelt sich die Autobahn M 4 am Ort vorbei.

Cefn Cribbwr, 1500 Einwohner, die Häuser sind alt, aber urig. Nur die Grafittis passen nicht recht ins Bild: "Schmutziger Süden" hat jemand in Schwarz an die Hauswände gesprayt.

Die Reaktion auf Fremde ist eisig im Dorf, seit Jenna sich das Leben nahm und die Selbstmordserie von Bridgend ihr vorläufig letztes Opfer fand.

In Cefn Cribbwr kennt jeder jeden. Fremde auszumachen ist leicht. Wer mit Fremden über die Selbstmorde spricht, gilt als Verräter. Auch Jennas enge Freundin möchte ihren Namen nicht nennen. Jenna sei ein "lebensfrohes, lustiges, sehr kommunikatives Mädchen gewesen", sagt die 16-Jährige, am Sonntagabend sah sie Jenna zuletzt. "Vielen kann man so was zutrauen. Aber nicht Jenna. Sie war nicht der Typ, um so etwas zu machen." Dann rollen dicke Tränen über die Sommersprossen. Zwar habe Jenna Streit gehabt mit einem Freund, aber sei das nicht alltäglich? Blumen, Fotos und Gedichte, eingehüllt in Plastik um Wind und Nebel zu trotzen, haben Freunde und Jennas Familie unter den Baum neben den Spielplatz gelegt. "Schmetterling" haben sie Jenna genannt. "Dein Lächeln hat unser Herz erhellt. Warum hast Du uns verlassen?"

Auf dem Regal, in einer Urne: Die Asche des Sohnes

Im Wohnzimmer von Tracy Roberts hängt kalter Rauch in der Luft. Die Sofas sind rot, schwer und durchgesessen. Roberts kauert auf einem Hocker, hinter sich der zugerümpelte Kamin, neben sich ein opulenter Fernsehtisch mit Playstation, DVD-Player, Stereoanlage. Tochter Megan spielt am Computer, an der Wand über ihr ein Gwen-Stefani-Kalender. Tracy Roberts spricht langsam und mit müder Stimme, die erahnen lässt, dass die vergangenen 38 Jahre nicht immer leicht für sie waren.

"Alle tun so, als sei Selbstmord eine Krankheit - wie eine Erkältung, die im Internet grassiert"

"Ich habe in meinem Leben alle Fehler gemacht, die man nur machen kann. Das einzige, was kein Fehler war, waren meine Kinder", sagt sie. Die Hochzeit mit 16, die vielen Umzüge, die zweite Ehe, der Mann, der mit einem "Schaden" aus dem Irak-Krieg zurückkehrte, wie sie es nennt. Er schlug sie und die Kinder. Dazu die Schulden. "Da steht Anthony", sagt Roberts dann und deutet mit der Hand in die Zimmerecke. Über einer Tasche mit rosafarbenem Tierfellimitat steht in einem Regal, umringt von Muttertagskarten mit Bärchenmotiven, die Urne mit der Asche ihres einzigen Sohnes.

Am 26. April 2007 haben Tracy und ihre älteste Tochter Stacey den Sohn und Bruder in seiner Wohnung in Bridgend gefunden. Erhängt an seiner Zimmertür. "Anthony hätte nur die Beine durchstrecken müssen, dann hätte er weitergelebt. Aber er hat die Knie angewinkelt. Er muss so entschlossen gewesen sein", sagt Stacey, die in den Tagen rund um den ersten Todestag ihres Bruders ihr erstes Kind erwartet.

Seit Anthonys Tod ist Tracy Roberts' Leben noch ein wenig mehr aus den Fugen geraten: zu viel Alkohol, zu viel Bingo, zu viele Einkäufe. 606 Pfund schuldet sie allein dem Bestattungsunternehmer für die Beerdigung ihres 19-jährigen Sohnes. Auf die Wörter "Sohn" und "Bruder", geformt aus weißen und roten Rosen, wollte sie nicht verzichten. Für ein Grab aber hat das Geld nicht gereicht.

"Ich werde der Dorn in ihrem Auge sein"

Anthony hatte im April 2007 bereits zwei gescheiterte Selbstmordversuche hinter sich und sich hilfesuchend ans Krankenhaus gewandt. Warum er dort nicht die Unterstützung erhielt, die er brauchte, um seine Depressionen in den Griff zu bekommen, wird derzeit von einer Kommission untersucht. Tracy Roberts steckt all ihre Energie in den Kampf gegen die Institutionen, gegen das lokale Krankenhaus, den National Health Service (NHS) und die walisischen Abgeordneten, die sich für 67 Millionen Pfund, knapp 100 Millionen Euro, in Cardiff ein neues Abgeordnetenhaus gebaut haben, aber die Mittel für die sozialen Dienste streichen. "Ich werde der Dorn in ihrem Auge sein."

Wie kann man die hohe Zahl an Selbstmorden erklären? Roberts glaubt nicht, dass hinter den Selbstmorden in der Gegend um Bridgend eine Internet-Sekte steht, durch die sich die Jugendlichen online zum kollektiven Selbstmord verabreden. Solche Theorien stellen manche auf, aber, sagt sie, "das ist nichts als eine Ausrede der Leute, die nicht nach den wahren Ursachen suchen wollen. Weil sie dann womöglich ihr eigenes Verhalten ändern müssten".

Die britischen Zeitungen rätseln in großen Lettern über den Zusammenhang zwischen den Suiziden. Fest steht: Fast alle Jugendlichen hatten ein Profil bei den Internet-Communitys Facebook, MySpace und Bebo. Einige Opfer kannten sich. Allerdings sind Schätzungen zufolge mehr als 90 Prozent der jungen Briten online vernetzt - die Mitgliedschaft in solchen Foren mag ein gemeinsamer Nenner sein, aber wohl nur der kleinste.

Dass sich die Opfer über die Schule, das Heimatdorf oder die Ausbildung kannten, ist in einer Gegend wie Bridgend wenig verwunderlich. Hier gibt es viele kleine Dörfer wie Cefn Cribbwr und eine Kreisstadt mit knapp 40.000 Einwohnern.

Suche nach dem Sündenbock

Die Polizei hat die Internet-Verschwörungstheorien in den vergangenen Wochen immer wieder zurückgewiesen. Am Mittwoch sagte Chefermittler David Morris in einer Pressekonferenz, es gebe "keinen Zusammenhang zwischen den Selbstmorden". Und legte nach: "Der einzige Zusammenhang, der besteht, ist, dass die Medien versuchen, einen solchen zu konstruieren."

Unterstützt wurden Morris' Schuldzuweisungen durch eine Erklärung der Eltern des jüngsten Selbstmörders, Nathaniel Pritchard, 15. Ihr Sohn sei erst durch die exzessive Berichterstattung über die Suizide, durch die einige der Toten zu tragischen Helden stilisiert worden seien, auf die Idee gekommen, sich das Leben zu nehmen, sagten Sharon und Vincent Pritchard.

Fakt ist allerdings: Als die britischen Medien begannen, über die Häufung von Selbstmorden zu berichten, hatten sich bereits zwölf Jugendliche das Leben genommen.

Auch Tracy Roberts beschäftigen die Fragen nach Schuld, Versagen und Verantwortung. Ihr Versuch, das Krankenhaus von Bridgend auch juristisch für Anthonys frühen Tod zu belangen, zehrt ihre Kräfte auf - und übersteigt bei weitem ihre finanziellen Möglichkeiten.

"Im Moment wird so getan, als sei der Selbstmord von Jugendlichen eine Krankheit. Wie eine Erkältung, die im Internet grassiert", sagt Tracy Roberts. "Aber so einfach ist das nicht. Ich bin sehr wütend und ich fühle mich allein gelassen. Dass es nicht früh genug habe kommen sehen, dass ich Anthony nicht helfen konnte und die Klinik versagt hat - das macht mich verrückt."

Der Zusammenhang zwischen den Selbstmorden, sagt Roberts, bestehe in der Trostlosigkeit dieses Landstrichs mit hoher Arbeitslosigkeit, wenig Angeboten, geringen Chancen für Kinder von Eltern, die nicht wohlhabend sind.

Der Zusammenhang zwischen den Toten sei, dass sie alle einer Generation angehören, die keine Perspektiven habe.

Laut einer Unicef-Studie sind Kinder in keinem anderen Industrieland der Welt so unzufrieden wie in Großbritannien. "Und über die ganze Wahrheit und das ganze Ausmaß des Problems wird ja nicht mal berichtet", sagt Roberts. Anthony werde von den Zeitungen nicht zu den Toten der Selbstmord-Serie gezählt.

Roberts will allein von vier weiteren Jugendlichen wissen, die sich in der Gegend im vergangenen halben Jahr erhängt haben. "Die Jugendlichen wollen nicht sterben. Sie wollen nur nicht mehr leben, weil sie nicht wissen, wie sie die Probleme bewältigen können, die sie quälen. Das ist doch ein Unterschied."

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