Todesschüsse in Dortmund Staatsanwaltschaft weitet Ermittlungen gegen Polizisten aus

Vor mehr als drei Wochen wurde ein 16-jähriger Senegalese in Dortmund bei einem Polizeieinsatz erschossen. Inzwischen wird gegen fünf Beamte ermittelt, aktuell schweigen sie.
Blumen und Kerzen in der Nähe einer Jugendhilfeeinrichtung, in dessen Innenhof ein 16-Jähriger bei einem Polizeieinsatz starb

Blumen und Kerzen in der Nähe einer Jugendhilfeeinrichtung, in dessen Innenhof ein 16-Jähriger bei einem Polizeieinsatz starb

Foto: Dieter Menne / dpa

Nach den tödlichen Schüssen in der Dortmunder Nordstadt am 8. August ermittelt die Staatsanwaltschaft Dortmund inzwischen gegen insgesamt fünf von zwölf an dem Einsatz beteiligte Beamten. Neben dem Polizisten, der als sogenannter Sicherungsschütze mit einer Maschinenpistole auf einen 16-jährigen Senegalesen schoss, wird inzwischen gegen eine Polizistin, die den Jugendlichen mit Reizstoff besprühte und zwei weitere Beamte, die Taser einsetzten, ermittelt. Das gilt auch für den Einsatzleiter, gegen ihn wird unter anderem wegen »Anstiftung zur gefährlichen Körperverletzung im Amt« ermittelt. Das geht aus einem Schreiben aus dem Innenministerium hervor, das den aktuellen Ermittlungsstand der Staatsanwaltschaft abbildet und das dem SPIEGEL vorliegt.

Der 16-jährige Mouhamed D. war am 8. August in Dortmund bei einem Polizeieinsatz getötet worden. D. war Bewohner einer Jugendhilfeeinrichtung und erst seit einer Woche in der Stadt. Der Jugendliche hatte sich im Hof der Einrichtung in der Dortmunder Nordstadt ein Messer an den Bauch gehalten. Betreuer hatten daraufhin die Polizei gerufen, der Einsatz war als Suizidversuch eingeordnet worden.

Die Beamten sollen zunächst versucht haben, D. anzusprechen. Laut dem Bericht aus dem Innenministerium ließ sich bisher nur feststellen, dass der Getötete in deutscher und spanischer Sprache angesprochen worden sei. Dass er zum Weglegen des Messers aufgefordert worden sei, »haben die Ermittlungen nicht ergeben«.

D. war auf eigenen Wunsch aus Rheinland-Pfalz nach Dortmund gebracht worden und dort in der Jugendhilfeeinrichtung untergebracht worden. Dass der Jugendliche traumatisiert war, war dort laut dem Einrichtungsleiter Friedhelm Evermann bekannt.

In einem Übergabebericht aus Rheinland-Pfalz vom 22. Juni 2022, den der SPIEGEL einsehen konnte, heißt es unter anderem: »Der Jugendliche sollte dringend therapeutisch angebunden werden. Er selbst gibt an, ebenfalls therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen zu wollen. Aufgrund des Alters und der starken Traumatisierung empfehlen wir eine Unterbringung in einer therapeutischen Wohngruppe.«

Am Samstagabend vor den tödlichen Schüssen war D. von der Einrichtung als vermisst gemeldet worden. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem psychiatrischen Krankenhaus war der Jugendliche am Sonntag zurück in die Einrichtung gebracht worden. Hier habe er sich laut Evermann am Sonntag und auch in der ersten Hälfte des Montags normal verhalten und sich ab und an zurückgezogen. Am Montag sei die Situation eskaliert, D. habe sich ein größeres Messer an den Bauch gehalten und sei auch für die Betreuer nicht ansprechbar gewesen. Daraufhin wurde um 16.25 Uhr die Polizei alarmiert.

Diverse Fragen nach wie vor offen

Nach bisherigem Ermittlungsstand wurde nach dem fehlgeschlagenen Kontaktversuch zunächst Reizgas eingesetzt, D. sollte dadurch das Messer fallen lassen. Das tat er offenbar nicht, zwei Beamte wollten ihn daraufhin mit Tasern kampfunfähig machen. Beim ersten Taser traf nur eines von zwei Projektilen.

Beim zweiten Taser trafen zwar beide Projektile, laut dem vorliegendem Papier wiesen »die Pfeilelektroden keine genügende Spreizung auf, um eine neuromuskuläre Handlungsunfähigkeit herzustellen«. D. habe weiterhin das Messer in der Hand gehalten, wobei »bislang nicht abschließend geklärt werden konnte, wie genau er es führte«. Laut dem Dokument ist auch unklar, ob und wie weit sich das Opfer nach dem Tasereinsatz noch fortbewegte. Nachdem auch der zweite Taser D. nicht handlungsunfähig gemacht hatte, feuerte der mit einer Maschinenpistole ausgestattete Sicherungsschütze sechs Schüsse ab. D. wurde, anders als bisher berichtet, von vier Kugeln getroffen und starb kurz darauf im Schockraum eines Dortmunder Klinikums.

Gegen den Schützen war zunächst wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt worden. Aktuell wird geprüft, ob die Ermittlungen wegen des Verdachts auf Totschlag gegen den 29-Jährigen ausgeweitet werden.

Alle fünf Beamten schweigen bisher. Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte: »Dass sich die Ermittlungen jetzt auch auf vier weitere Beamte beziehen und sich der Tatverdacht gegen den Schützen möglicherweise verschärfen könnte, schafft eine neue Lage.« Es zeige aber auch, dass genau hingeschaut werde. »Gleichzeitig ist eben dieses Verfahren noch nicht am Ende – es handelt sich bisher um einen Anfangsverdacht«, sagte Reul weiter. Über die Frage, ob sich Polizeibeamte in der konkreten Situation richtig oder falsch verhalten haben, werde am Ende die Justiz entscheiden.

Die Dortmunder Polizei teilte am Abend mit, dass gegen die fünf Beamten, gegen die ermittelt wird, Disziplinarverfahren eingeleitet wurden. Ein Beamter sei vorläufig vom Dienst suspendiert worden.

tgk
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