Trauer-Bewältigung Polen wollen das Herz des Papstes

Der Tod Johannes Paul II. ist für Polen eine nationale Tragödie. Der Papst war geistiger Lehrer, Seelentröster und Sinnstifter, niemand weiß, wie es ohne ihn weitergehen soll. Um das Vakuum zu füllen, hoffen die Polen auf eine Überführung des Herzens Karol Wojtylas nach Krakau.

Aus Wadowice berichtet Alexander Schwabe


Feldgottesdienst nahe Krakau: Der Papst war Seelentröster und Sinnstifter
DDP

Feldgottesdienst nahe Krakau: Der Papst war Seelentröster und Sinnstifter

Es klingt nach Leichenfledderei, doch für die Gläubigen in Polen ist die Vorstellung überhaupt nicht pietätlos. Sie wünschen sich, dass das Herz des Mannes, den sie verehren und lieben wie keinen zweiten, ins Heimatland überführt wird. Die meisten Gläubigen finden sich damit ab, dass der Papst seine letzte Ruhestätte im Petersdom im Kreise nahezu aller anderen Päpste findet. Doch sein zentrales Lebensorgan könnte, verehrt wie eine Reliquie Jesu, zu einem neuen Zentrum des Glaubens der Polen werden.

Offiziell will sich der polnische Klerus zu einer Überführung des Herzens noch nicht äußern. Doch gibt es Hinweise auf ein geheimes Abkommen zwischen dem Krakauer Erzbistum und dem Vatikan. Hohe polnische Würdenträger sollen in dieser Frage in engem Kontakt mit Stanislaw Dziwisz, dem persönlichen Sekretär Johannes Pauls, stehen.

Am Freitag erst kam Janusz Bielanski, erster Priester an der Kathedrale auf dem Krakauer Wawel, der Königsburg, aus Rom zurück, wo er angeblich über die Begräbnisfrage verhandelt hat. Es drang durch, dass der Vatikan sein Placet für eine Überführung des Herzens gegeben habe. Ob es jedoch wirklich zu dem Transfer kommt, hängt entscheidend vom Testament des Papstes ab.

Sollte er sich selbst dafür ausgesprochen haben, so rechnen Beobachter damit, dass das päpstliche Herz bereits wenige Tage nach den Begräbnisfeierlichkeiten in Rom in Krakau beigesetzt werden könnte. Der Bürgermeister der südpolnischen Stadt, Jacek Majchrowski, sieht dem Ereignis hoffnungsfroh entgegen: "Wir möchten, dass das Herz des größten Krakauers und des größten Polen im Wawel ruht." Die Behörden bereiten sich auf ein mögliches Großereignis vor und überlegen bereits, wie der zu erwartende, riesige Pilgerstrom zu bewältigen ist, und wie all die kirchlichen Würdenträger und Staatsgäste unterkommen können.

Schlossberg Wawel: Künftige Ruhestätte für das Herz von Johannes Paul II.?
GMS

Schlossberg Wawel: Künftige Ruhestätte für das Herz von Johannes Paul II.?

Dem Herzen wird im Katholizismus seit je eine hohe Bedeutung zugemessen. Für Jesuiten etwa ist das Herz Jesu unabdingbarer Bestandteil ihrer Spiritualität. Die Herzensmystik hat in der Kirche eine lange Tradition. Und in Polen im Besonderen: Dort gibt es ein ausgeprägtes Gefühl dafür, dass der individuelle Sitz des Lebens und die Heimaterde zusammengehören.

So verfügte Frederic Chopin, Sohn eines Franzosen und einer Polin, in seinem Testament, dass sein Herz nach seinem Tod nach Polen gebracht werden solle. Der Komponist starb 1849 in Paris, wurde auf dem Friedhof Père Lachaise bestattet, und sein Herz nach Warschau geschickt, wo es in einer Kirchensäule seine letzte Ruhestätte fand. Auch der polnische Nationalheld Josef Pilsudski wollte sich von seinem Herzen trennen. Der Marschall ruht im Wawel, wo fast alle polnischen Könige begraben liegen. Doch sein Herz wurde nach Wilnius überführt und ins Grab seiner Mutter gelegt.

Der Papst hielt immer die Bedeutung einer geografischen Verortung des Menschen hoch: Wo immer er hinreiste, küsste er den Boden des Gastlandes. Sein Satz "Liebt Eure Heimat!" wurde von einer polnischen Zeitung in einen von ihr zusammengestellten Johannes-Paul-Dekalog als zehntes Gebot aufgenommen.

Die Heimkehr des Herzens Karol Wojtylas wäre Balsam für die polnische Seele. Viele Polen sagen zwar, der Papst sei für sie unsterblich, er bleibe für immer jung. Sie verehrten ihn schon zu seinen Lebzeiten wie einen Heiligen. Doch seit Johannes Paul II. im Sterben lag, herrschte Ratlosigkeit in einer Nation, die es in der Geschichte durch Teilungen und Verschiebungen nach dem Gutdünken der sie umgebenden Großmächte nicht leicht hatte.

Im Innern der Kirche von Wadowice: Papstbild neben Jesusbild
SPIEGEL ONLINE

Im Innern der Kirche von Wadowice: Papstbild neben Jesusbild

Hanna Suchocka, ehemalige Premierministerin und Botschafterin Polens im Vatikan, bringt die Identität stiftende Bedeutung des Papstes auf den Punkt: "Wir können es nicht fassen, aber wir müssen uns damit abfinden. Wir werden eine Leere empfinden, weil es keinen Bezugspunkt mehr geben wird, keinen Orientierungspunkt, der Johannes Paul II. war." In historisch schwierigen Momenten sei der Papst immer eine Unterstützung gewesen. "Jetzt verschwindet alles", sagt sie, "jetzt werden wir das allein schaffen müssen."

Nur wenige Stunden nach dem Ableben des Pontifex haben Präsident Aleksander Kwasniewski und die polnische Regierung vergangene Nacht für die Zeit bis zum Begräbnis Johannes Paul II. Staatstrauer verordnet. Alle Fahnen wehen auf Halbmast, Schulunterricht fällt aus, die Stadt Warschau hat alle kulturellen Veranstaltungen für das Wochenende abgesagt, die ehemaligen Kommunisten der Regierungspartei SLD haben den Start ihrer Kampagne für ein Ja im Referendum zur europäischen Verfassung verschoben. Eine Frau in Wadowice, dem Geburtsort des Verstorbenen, spricht aus, wie es vielen geht: "Ich bin nicht zur Arbeit gegangen, weil ich an nichts anderes mehr denken konnte als an den sterbenden Papst."

Der Chefredakteur der intellektuellen Wochenzeitung "Tygodnik Powszechny", Adam Boniecki, analysierte die Lage treffend: "Der Papst ist nach Hause zum Vater gegangen. Wir sind geblieben. Also trauern wir über uns selbst."



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